Bewaffnete Polizisten patroullieren Ende November 2015 in Brüssel. © Ben Pruchnie/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr el Difraoui, was bedeuten die Anschläge in Brüssel für Europa?

Asiem el Difraoui: Zunächst: Der Zeitpunkt der Attacken war einem gewissen Druck geschuldet. Die Täter hatten Angst, dass sie nach der Verhaftung von Salah Abdeslam ebenfalls auffliegen würden. Zugleich ist ihre Tat hochsymbolisch: Sie wollten damit weniger Belgien treffen als Europa. Sie hatten sehr wahrscheinlich gehofft, dass auch Diplomaten und Mitarbeiter des europäischen Parlaments unter den Opfern sein würden. Dass Brüssel schon länger im Focus stand, war bekannt. Salah Abdeslam selbst hat scheinbar wenige Tage vor seiner Verhaftung gesagt, dass da etwas in Brüssel geplant sei.

ZEIT ONLINE: Warum ließen sich die Anschläge dann scheinbar so problemlos umsetzen?

El Difraoui: Diese Form des Dschihadismus hat viel mit Bandenkriminalität zu tun. Die Täter sind keine Einzelkämpfer, sondern Teil eines ganzen Netzwerkes, in dem eine ausgeprägte Gang-Solidarität vorherrscht. Die Männer haben sich in ihrer kriminellen Bruderschaft schon immer enorm gegenseitig geschützt. Zudem ist Belgien seit Jahren vor allem mit der Fehde zwischen Wallonen und Flamen beschäftigt. Um Themen wie Integration und Prävention haben sich die Behörden viel zu wenig gekümmert. Es gibt 19 Kommunen in Brüssel, etliche Polizeidienststellen, die alle nicht zusammenarbeiten. Und dass nach der Verhaftung von Salah Abdeslam in Brüssel nicht die höchste Sicherheitsstufe verhängt wurde, wie es nach den Anschlägen in Paris im November der Fall war, zeigt eine völlige Fehleinschätzung der Behörden.

ZEIT ONLINE: Hat man die Dschihadisten zu lange unterschätzt?

El Difraoui: Ja, man hat sie in Europa auf jeden Fall unterschätzt. Man hat vor allem übersehen, wie gut organisiert und technisch versiert diese Gruppen sind. Die Terrorzellen sind ja viel größer, als man gemeinhin annimmt. Nach den Anschlägen von Paris haben die Ermittler festgestellt, dass da 15 oder 20 Leute dran beteiligt waren. Sie hatten Hunderte Telefone gefunden, auf denen keine Sprachaufnahmen zu rekonstruieren waren. Daran sieht man, wie clever die Terroristen agieren. Sie verfügen mittlerweile scheinbar über Chiffrier-Programme, mit denen sie Nachrichten verschlüsseln können. Auch benutzen sie die Handys oft nur sehr kurz und werfen sie dann weg. Das sind keine Anfänger.

Brüssel - Erdoğan will belgische Behörden gewarnt haben Nach den Anschlägen in Brüssel geraten die belgischen Behörden in die Kritik. Der türkische Präsident Erdoğan sagte, seine Behörden hätten vor einem der Attentäter gewarnt, nachdem dieser an der syrischen Grenze verhaftet worden sei.

ZEIT ONLINE: Woher haben sie dieses technische Wissen?

El Difraoui: Diese speziellen Techniken haben sie vor allem in den Trainingslagern des sogenannten "Islamischen Staates" (IS) in Syrien beigebracht bekommen. Zum IS gehören auch ehemalige Militäroffiziere, die diese Tricks beherrschen. Diese jungen Leute, die gar nicht mehr über den Islam, also über die Religion, gehen, sondern direkt zu Gewalttätern werden, sind für den IS als Attentäter enorm nützlich. Sie waren schon immer gewaltbereit, oft stammen sie aus dem Drogen-Milieu oder waren in ihrer Jugend in bewaffnete Raubüberfälle verwickelt. Durch ihre mafiösen Verbindungen kommen sie relativ leicht an Waffen. Sie sind die perfekten Instrumente für die Strategen des IS.

ZEIT ONLINE: Um die Religion geht es also gar nicht?

El Difraoui: Diese Männer haben vom Islam keine Ahnung. Man kann sagen, sie sind religiös völlig ungebildet, im Gegensatz zur älteren Generation und gläubigen Muslimen.

ZEIT ONLINE: Das heißt, sie machen nicht erst den Schritt hin zum Islam, sondern direkt zum Dschihad?

El Difraoui: Ja genau. Sie begeben sich gar nicht erst auf die Sinnsuche im Islam. Ihnen geht es um zwei Dinge: die Gruppenzugehörigkeit und die Gewalt. Eine Auseinandersetzung mit religiösen Fragen gibt es gar nicht.

ZEIT ONLINE: Wie autonom von der IS-Zentrale arbeiten diese Zellen?

El Difraoui: Diese Gruppen operieren ziemlich autonom. Es gibt eine allgemeine Vorgabe an solche Zellen, die lautet: Schlagt los, wenn ihr das für richtig haltet, wenn ihr soweit seid. Den genauen Zeitpunkt suchen sie sich dann selbst. Im Vergleich etwa zu den Anschlägen vom 11. September sind Anschläge wie die in Brüssel nicht besonders komplex, sondern relativ leicht umzusetzen. 

ZEIT ONLINE: Warum zielen diese jungen Männer auf Europas Gesellschaften?

El Difraoui: Sie fühlen sich in dieser Gesellschaft nicht wohl. Sie wollen dazugehören, aber sie schaffen es aus unterschiedlichen Gründen nicht. Viele leiden an persönlichen Traumata. Sie haben ein ambivalentes Verhältnis zur europäischen Gesellschaft. Die Anerkennung, die sie hier nicht finden, suchen sie etwa beim "Islamischen Staat". Hier können sie ihre Gewaltfantasien ausleben, denn laut der Ideologie des IS erlaubt ihnen der Dschihad alles. Sie suchen eine Erlösung durch ein falsches Heilsversprechen. Sie glauben: Ihrem Sündenfall wird vergeben, sie dürfen morden und werden auch noch berühmt. Denn klar ist: Viele von ihnen wollen berühmt werden. Sie wollen die mediale Aufmerksamkeit.