Flüchtlinge im Irak © Ahmad Al-Rubaye/AFP/Getty Images

Der folgende Artikel basiert auf einem Vortrag, den der Autor am 4. März 2016 in der Akademie für Politische Bildung Tutzing zum Thema "Ansätze und Strategien der Terrorismusbekämpfung seit 9/11" gehalten hat. Es handelt sich um eine aktualisierte, überarbeitete und gekürzte Version.

Spätestens mit den Brüsseler Anschlägen von dieser Woche ist bei unserem Umgang mit dem Terror neben das Entsetzen und die Wut noch etwas anderes getreten, etwas, dessen man sich zunächst vielleicht schämt: Routine. Es passiert mittlerweile einfach zu häufig, man kennt es schon zu gut, man beginnt mit seinen Gefühlen zu haushalten.

Es gibt einen, der das bejahen, der diese neue Routine vielleicht begrüßen, der sie Resilienz, Widerstandskraft nennen würde, und das ist der amerikanische Präsident, Barack Obama. Er würde das vielleicht nicht im Gefühlsmedium Fernsehen machen, aber er hat es offenbar in Hintergrundgesprächen getan, die der amerikanische Journalist Jeffrey Goldberg von The Atlantic mit ihm in den vergangenen Jahren geführt hat. Darin warnt der Präsident vor Überreaktionen auf terroristische Anschläge und preist die Gelassenheit der Israelis, die mit dem Terror zu leben gelernt hätten.

Obama mag nicht mehr einsteigen in die großen Worte vom "Krieg gegen den Terror", die aus seiner Sicht zu noch größeren außenpolitischen Fehlern geführt haben. Messerscharf und rücksichtslos seziert er in diesem Artikel die westliche Mittelostpolitik der vergangenen Jahrzehnte. Ausgerechnet der US-Präsident löst sich dabei wie kaum einer vor ihm aus den Denkschablonen amerikanischer Außenpolitik, sei es in der republikanischen, sei es in der demokratischen Variante.

Unglücklicherweise – vor allem für die Europäer – bietet Obama kein umfassendes neues Konzept für den Umgang mit Arabien, dem Iran, Afghanistan und Pakistan und auch mit dem IS an. Seine wichtigste Konsequenz lautet: weitgehender Rückzug, Schonung der amerikanischen Ressourcen, die für fruchtbarere Projekte in anderen Weltgegenden gebraucht werden.

Diese Möglichkeit haben die Europäer freilich nicht. Auch das zeigen die Terroranschläge der letzten Zeit: Der nördliche Nachbar des Mittleren Ostens ist wesentlich verwundbarer, als es die USA noch sind. Europa kann sich nicht zurückziehen, es ist geopolitisch mit dem Schicksal des Islam aufs Engste verwoben.

Darum tun die Europäer gut daran, sich jetzt – nach Brüssel, nach Ankara und wieder Ankara, nach Istanbul und wieder Istanbul, nach Paris und wieder Paris – nicht mit hektischen Aktivitäten zu begnügen. Sie müssen sich mindestens so genau wie Barack Obama die westlichen Fehler der letzten Jahre ansehen und sie müssen, anders als er, neue Wege gehen. Über die Mittel, mit denen die Amerikaner den Mittleren Osten behandelt haben, verfügen sie schließlich nicht, außerdem haben die den Terror nicht verringert, sondern vergrößert.

Was also ist seit dem 11. September falsch gelaufen, und wie könnte ein ganz anders geartetes Konzept aussehen?   

Wobei die Tatsache, dass wir es gewohnt sind, das Thema Terrorismus und asymmetrische Kriegsführung mit dem 11. September beginnen zu lassen, schon zeigt, wie wenig wir noch immer gelernt haben, in den Schuhen der anderen zu laufen, also jene zu verstehen, die im Mittleren Osten, in Nordafrika leben. Für sie gab es die asymmetrische Kriegsführung schließlich schon immer. Es gab Gewehre gegen Speere, es gab Maschinengewehre gegen Säbel, und es gab Flugzeuge gegen Kamele, für sie ist am 11. September 2001 also nicht so viel passiert, auch kein Zusammenprall der Kulturen natürlich, dort unten prallt es seit hundert Jahren immerzu. Das nur vorweg.

Und noch eine zweite Vorbemerkung, sozusagen eine Demutsgeste. Im Moment ändern sich die Dinge schneller, als wir mit dem Denken nachkommen, als wir neue Ordnung in die Unordnung bringen können. Das geht mir absolut genauso. Vielleicht müssen wir einfach unsere Kontingenztoleranz erhöhen und es ertragen, wenn wir zurzeit nicht so viel verstehen und kontrollieren können, wie wir uns das wünschen und wie wir das gewohnt waren. Vielleicht können wir gar nicht wieder ein solches Maß an militärischer, ökonomischer und politischer Ordnung herstellen, wie es sie jedenfalls in unserer gefühlten Erinnerung so lange gab – selbst wenn wir uns mit dem Denken mehr anstrengen denn je.

Jedenfalls müssen wir fundamental denken. Vielleicht war das, was wir Außen- und Sicherheitspolitik genannt haben, gar nicht die Außen- und Sicherheitspolitik im Allgemeinen, nicht etwas Wissenschaftliches oder auch nur etwas Handwerkliches, sondern sie war vielleicht nur der äußere Schein unserer inneren Haltung, Auswurf westlicher Übermacht, Übermachtpolitik also. Sie war vielleicht auch gar nicht geschlechtsneutrale Außenpolitik und Sicherheitspolitik, sondern männliche, weiße Außenpolitik. Das kann heute so scheinen. Dazu nur ein kleines Beispiel: Es wird ja im Moment gern geklagt, dass Angela Merkel am 6. September 2015 die deutschen Grenzen geöffnet habe (hat sie nicht, sondern sie nur offengelassen), ohne das mit den Europäern vorher abgesprochen zu haben, eine einseitige Notaktion also, die es danach so furchtbar schwer gemacht habe, andere europäische Länder dazu zu bekommen, sich in dieses Flüchtlingsthema in konstruktiver Weise einzuschalten.