Der folgende Artikel basiert auf einem Vortrag, den der Autor am 4. März 2016 in der Akademie für Politische Bildung Tutzing zum Thema "Ansätze und Strategien der Terrorismusbekämpfung seit 9/11" gehalten hat. Es handelt sich um eine aktualisierte, überarbeitete und gekürzte Version.

Spätestens mit den Brüsseler Anschlägen von dieser Woche ist bei unserem Umgang mit dem Terror neben das Entsetzen und die Wut noch etwas anderes getreten, etwas, dessen man sich zunächst vielleicht schämt: Routine. Es passiert mittlerweile einfach zu häufig, man kennt es schon zu gut, man beginnt mit seinen Gefühlen zu haushalten.

Es gibt einen, der das bejahen, der diese neue Routine vielleicht begrüßen, der sie Resilienz, Widerstandskraft nennen würde, und das ist der amerikanische Präsident, Barack Obama. Er würde das vielleicht nicht im Gefühlsmedium Fernsehen machen, aber er hat es offenbar in Hintergrundgesprächen getan, die der amerikanische Journalist Jeffrey Goldberg von The Atlantic mit ihm in den vergangenen Jahren geführt hat. Darin warnt der Präsident vor Überreaktionen auf terroristische Anschläge und preist die Gelassenheit der Israelis, die mit dem Terror zu leben gelernt hätten.

Obama mag nicht mehr einsteigen in die großen Worte vom "Krieg gegen den Terror", die aus seiner Sicht zu noch größeren außenpolitischen Fehlern geführt haben. Messerscharf und rücksichtslos seziert er in diesem Artikel die westliche Mittelostpolitik der vergangenen Jahrzehnte. Ausgerechnet der US-Präsident löst sich dabei wie kaum einer vor ihm aus den Denkschablonen amerikanischer Außenpolitik, sei es in der republikanischen, sei es in der demokratischen Variante.

Unglücklicherweise – vor allem für die Europäer – bietet Obama kein umfassendes neues Konzept für den Umgang mit Arabien, dem Iran, Afghanistan und Pakistan und auch mit dem IS an. Seine wichtigste Konsequenz lautet: weitgehender Rückzug, Schonung der amerikanischen Ressourcen, die für fruchtbarere Projekte in anderen Weltgegenden gebraucht werden.

Diese Möglichkeit haben die Europäer freilich nicht. Auch das zeigen die Terroranschläge der letzten Zeit: Der nördliche Nachbar des Mittleren Ostens ist wesentlich verwundbarer, als es die USA noch sind. Europa kann sich nicht zurückziehen, es ist geopolitisch mit dem Schicksal des Islam aufs Engste verwoben.

Darum tun die Europäer gut daran, sich jetzt – nach Brüssel, nach Ankara und wieder Ankara, nach Istanbul und wieder Istanbul, nach Paris und wieder Paris – nicht mit hektischen Aktivitäten zu begnügen. Sie müssen sich mindestens so genau wie Barack Obama die westlichen Fehler der letzten Jahre ansehen und sie müssen, anders als er, neue Wege gehen. Über die Mittel, mit denen die Amerikaner den Mittleren Osten behandelt haben, verfügen sie schließlich nicht, außerdem haben die den Terror nicht verringert, sondern vergrößert.

Was also ist seit dem 11. September falsch gelaufen, und wie könnte ein ganz anders geartetes Konzept aussehen?   

Wobei die Tatsache, dass wir es gewohnt sind, das Thema Terrorismus und asymmetrische Kriegsführung mit dem 11. September beginnen zu lassen, schon zeigt, wie wenig wir noch immer gelernt haben, in den Schuhen der anderen zu laufen, also jene zu verstehen, die im Mittleren Osten, in Nordafrika leben. Für sie gab es die asymmetrische Kriegsführung schließlich schon immer. Es gab Gewehre gegen Speere, es gab Maschinengewehre gegen Säbel, und es gab Flugzeuge gegen Kamele, für sie ist am 11. September 2001 also nicht so viel passiert, auch kein Zusammenprall der Kulturen natürlich, dort unten prallt es seit hundert Jahren immerzu. Das nur vorweg.

Und noch eine zweite Vorbemerkung, sozusagen eine Demutsgeste. Im Moment ändern sich die Dinge schneller, als wir mit dem Denken nachkommen, als wir neue Ordnung in die Unordnung bringen können. Das geht mir absolut genauso. Vielleicht müssen wir einfach unsere Kontingenztoleranz erhöhen und es ertragen, wenn wir zurzeit nicht so viel verstehen und kontrollieren können, wie wir uns das wünschen und wie wir das gewohnt waren. Vielleicht können wir gar nicht wieder ein solches Maß an militärischer, ökonomischer und politischer Ordnung herstellen, wie es sie jedenfalls in unserer gefühlten Erinnerung so lange gab – selbst wenn wir uns mit dem Denken mehr anstrengen denn je.

Jedenfalls müssen wir fundamental denken. Vielleicht war das, was wir Außen- und Sicherheitspolitik genannt haben, gar nicht die Außen- und Sicherheitspolitik im Allgemeinen, nicht etwas Wissenschaftliches oder auch nur etwas Handwerkliches, sondern sie war vielleicht nur der äußere Schein unserer inneren Haltung, Auswurf westlicher Übermacht, Übermachtpolitik also. Sie war vielleicht auch gar nicht geschlechtsneutrale Außenpolitik und Sicherheitspolitik, sondern männliche, weiße Außenpolitik. Das kann heute so scheinen. Dazu nur ein kleines Beispiel: Es wird ja im Moment gern geklagt, dass Angela Merkel am 6. September 2015 die deutschen Grenzen geöffnet habe (hat sie nicht, sondern sie nur offengelassen), ohne das mit den Europäern vorher abgesprochen zu haben, eine einseitige Notaktion also, die es danach so furchtbar schwer gemacht habe, andere europäische Länder dazu zu bekommen, sich in dieses Flüchtlingsthema in konstruktiver Weise einzuschalten.

Verstehen lernen

Nun, seltsamerweise war das bei François Hollande nach dem 13. November ganz anders. Frankreich hatte einen terroristischen Anschlag erlitten, und die sofortige Reaktion des Präsidenten war, es müsse jetzt mehr gegen den IS gebombt werden. Das hatte er ebenfalls einseitig so entschieden und hatte dennoch innerhalb kürzester Zeit zahlreiche Unterstützer beisammen. Und das liegt vielleicht nicht unbedingt daran, dass die Maßnahme, den IS mit noch mehr Flugzeugen zu traktieren, so plausibel, so selbstevident war, während Merkels Idee, die Flüchtlinge auf Europa zu verteilen, so absurd war. Möglicherweise hat es eher damit zu tun, dass wir es so gewohnt sind, diese Art von Politik – War on Terror – diese Art von Aktion, wie Hollande sie wollte, sein "Wir müssen jetzt Stärke zeigen, egal wie". Vielleicht fällt das noch immer leichter, als den Fremden die Arme zu öffnen. Und das obwohl die Taktik, aus der Luft Terroristen zu bebomben und dadurch neue Terroristen zu schaffen, weil man ja nie genau trifft und weil die Hinterbliebenen dann sehr wütend sind, bisher nicht überragend erfolgreich war.

Dieses Umdenken, mit dem der amerikanische Präsident schon begonnen hat und das die Europäer jetzt einige entscheidende Schritte weitertreiben müssen, ist nicht angenehm. Dennoch sehe ich es auch als eine Befreiung an von Denkgewohnheiten, von Denkschemata, die uns gefangen gehalten haben.

Ein wichtiger Ausgangspunkt für den Wechsel unseres Schemas, in dem wir leben, ist der neue Mittlere Osten und die geschichtlich grundlegende Tatsache, dass dort sehr viele Menschen nicht mehr wollen: Sie wollen nicht mehr so leben, wie es ihre Herrscher wollen oder wie es der Westen will; sie wollen es nicht mehr mitmachen. Dieses "nicht mehr mitmachen wollen" hat drei moralisch verschieden zu beurteilende Ausdrucksformen gewonnen. Das eine sind die Aufstände, die es immer wieder gibt, auch heute noch. Das zweite ist der Terrorismus, eine Form, sich zu wehren, die schlimmste, die unmenschlichste Form, und die dritte Form, die zurzeit verbreitetste, ist die Flucht.

Der dritte Punkt verweist auf einen noch viel tieferen, auf den eigentlichen Paradigmenwechsel und auf eine neue Spaltung. Der Paradigmenwechsel liegt in der Art und Weise, wie wir auf diesen Mittleren Osten und auf die Menschen, die dort leben, schauen. Bisher hatte der Westen nur drei Interessen an der Region. Erstens: Öl soll rauskommen und nicht zu teuer sein oder, wie jetzt, nicht zu billig, kurzum, immer so,wie es uns gerade passt. Zweitens: Terrorismus soll möglichst nicht rauskommen, zumindest nicht bei uns ankommen. Und drittens: Israel soll unbehelligt bleiben. Das sind die drei Interessen, die der Westen am Mittleren Osten bisher hatte. Und nun kommt eben das Flüchtlingsthema ins Spiel, was aber viel mehr ist als bloß ein viertes Interesse. Es ist der Beginn einer Revolution im Verhältnis zwischen Europa, Nordafrika und Vorderasien.

Wir wollen im ersten Reflex natürlich, dass diese Flüchtlinge genau wie die Terroristen da bleiben, wo sie sind. Das wird aber nicht klappen. Jetzt ist einmal das Schema geboren, das Schema in den Köpfen, die Idee, man kann fliehen. Es gibt eine Logistik, es gibt immer mehr Verwandte, die schon da sind, also Anlaufpunkte. Wir werden dieses Gespenst nicht mehr zum Verschwinden bringen.

Damit ist aber eben etwas ganz Fundamentales passiert. Zum ersten Mal hat der Westen, jedenfalls Europa, ein handfestes, ein nicht bloß humanitäres Interesse daran, dass es den Menschen, die da unten leben, zumindest so gut geht, dass sie nicht kommen. Das hat es vorher nie gegeben. Es war schließlich völlig gleichgültig für Öl, Terrorismus und weitgehend auch für Israels Sicherheit, ob es den Menschen dort gut ging.

Mit dieser fundamentalen Veränderung wird zugleich eine gewissermaßen kontinentale Spaltung im Westen deutlich, und zwar deswegen, weil Europa dieses Neue erleben muss oder darf, sie haben die Flüchtlinge und damit auch dieses neue Interesse an der Region, während Amerika wie bisher diese drei alten Interessen am Mittleren Osten hat  – nur etwas weniger als früher.

Europa hat also einen neuen Blick oder ist dabei, ihn zu entwickeln. Man könnte sagen, es liegt in unserem Interesse, dass unser Blick auf den Mittleren Osten wechselt von – ich sage es jetzt mal harsch – Rassismus auf Realismus. Jedenfalls muss die Perspektive sich in diese Richtung ändern. Wir müssen die Dinge auch und mehr denn je aus dem Blickwinkel der arabischen Massen sehen. Wir müssen einfach verstehen, wie sie ihre Welt und wie sie unser Verhalten erleben. Wenn wir sie nicht verstehen, haben wir sie hier, und dann müssen wir sie auch verstehen. Das ist so.

Wer sich jetzt vor dem Wort "Rassismus" verschreckt fühlt, dem sei gesagt: Natürlich ist der Westen nicht mehr davon getragen, auf die Araber und die Perser in einem rassistischen Sinn herabzublicken. Das war früher natürlich absolut der Fall, als die Kolonisation begonnen hat. Heute zeigen sich die Herablassung und das Desinteresse in Gleichgültigkeit, Ungenauigkeit oder Ungeduld und in Mangel an Sorgfalt bei der Politik, die vom Westen in dieser Region betrieben wird.

Die inkonsistente Politik des Westens

Der Wechsel vom Rassismus zum Realismus bedeutet, dass wir die Leute, die dort leben und die jetzt zunehmend hier sind, vor allem als denkende Menschen ansehen. Und der Terror, den einige von ihnen verüben, beginnt eben auch in ihrem Kopf. Damit möchte ich mich hier beschäftigen, mit dem Terrorismus vor der Tat. Wenn der Terrorismus erst mal voll ausgebildet ist, kann man die Leute nur noch bekämpfen. Ich sage darum auch nicht, dass man mit Al-Kaida oder mit dem IS reden kann, dazu ist es zu spät. Aber die große Frage ist ja nicht, wie kämpfen wir gegen Al-Kaida oder gegen den IS, sondern wie kann es sein, dass die immer wieder groß werden, obwohl wir sie bekämpfen? Wie kann es sein, dass deren Rekrutierungspotenzial unendlich zu sein scheint? Wie kann es sein, dass Al-Kaida gefährlich war, aber der IS noch gefährlicher? Das sind die Fragen, die uns beschäftigen.

Ich möchte aber zurückkommen auf Aufstände, Flucht und Terror, die drei Ventile dieser Region. Wenn zwei dieser Ventile nicht funktionieren, zum Beispiel Aufstände werden niedergeschlagen, und Flucht wird durch Mauern oder Zäune verhindert, dann steigt der Druck auf das dritte Ventil, auf den Terror. Darum ist es auch ein kolossaler Denkfehler, die Flüchtlinge abwehren und die Autokratien stärken zu wollen, ohne dass dadurch der Terror zunimmt, das ist einfach naiv. Was also ist passiert in den Köpfen?

Terror ist im westlichen Denken vor allem eine islamistische Variante des Angriffs auf unsere Freiheit. So haben wir es uns angewöhnt, den Terror zu denken. Diese Menschen können es nicht aushalten, dass wir frei sind und wollen diese Freiheit zerstören. Dazu stand kürzlich ein sehr interessanter Artikel von Robert Kennedy in der New York Times, der sieht das nämlich ganz anders. Kennedy sagt, sie hassen nicht unsere Freiheit, sie hassen, dass wir unsere Ideale verraten haben in ihren Ländern – bloß für Öl. Sie hassen also nicht unsere Freiheit, sondern die Anwendung unserer Freiheit, die wir ihnen haben angedeihen lassen. Sie hassen, dass wir für den Treibstoff unserer Freiheit und unseres Wohlstandes da unten alles gemacht haben, nur nicht daran gedacht haben, wie es den Leuten dabei geht.

Ich bin nicht der Meinung von Robert Kennedy, dass es den islamistischen Terror nur wegen der verratenen Ideale gibt. Ich glaube auch, dass die Terroristen es wirklich schlecht aushalten, wie wir leben. Wir sind eine permanente Provokation. Trotzdem, finde ich, müssen wir aufhören, diese Menschen zu betrügen, unsere Werte zu betrügen; wenn es noch nicht zu spät ist. Und für dieses "zu spät" sei hier noch ein anderes Zitat angefügt, dessen Verfasser ich erst mal nicht verraten möchte: "Vielleicht ist es schon zu spät, um unsere negative Politik zu ändern, um damit Jahrzehnte antiwestlichen Misstrauens zu überwinden und stattdessen entschlossen und kühn für eine Generation der Freundschaft zwischen gleichen und unabhängigen Staaten zu kämpfen. Wir dürfen bei diesem Versuch nicht versagen." Wer hat das wohl gesagt? Und wann? Es könnte durchaus aus der Kairoer Rede von Barack Obama von 2009 sein. Es war aber die Rede eines jungen, hitzigen, talentierten Senators aus Massachusetts, USA, vom 2. Juli 1957. Der Mann hieß John F. Kennedy. 1957 hat er also bereits gefragt, ist es nicht schon zu spät?! Haben wir sie nicht schon viel zu lange kolonialistisch behandelt?! Und jetzt frage ich mich, hat sich das Verhalten des Westens seit 1957 verbessert? Ich fürchte, die Bilanz fällt nicht besonders gut aus. Das Gute an dieser schlechten, inhumanen, offen rassistischen Vergangenheit ist, dass wir es noch nicht einmal versucht haben mit den Muslimen, denn das eröffnet die Möglichkeit, es nun zu versuchen, endlich damit anzufangen, sechzig Jahre nach der flehentlichen Rede von John F. Kennedy.

Ja, es gab Versuche, es gut zu machen. Es gab Versuche, gegen Tyrannen vorzugehen, gegen Saddam Hussein und gegen Gaddafi, es gab Versuche, gegen Terroristen vorzugehen. Es gab nicht nur das Zulassen eines Genozids in Ruanda, es gab auch das Verhindern eines libyschen Genozids in der Stadt Bengasi. Es gab Versuche von Staatsaufbau und Demokratie in Afghanistan und im Irak. Das alles hat es gegeben. Doch hat das alles mehr oder weniger nicht funktioniert. Warum nicht? Die leichte Antwort, die rassistische wäre: Der Araber kann halt nicht anders. Das ist eine verdorbene, eine verdammte Region. Jeder, der dort hineingeht, kommt darin um. Das kann man sich denken. Aber was macht man dann als Nächstes? Was macht man mit der Region, die ja jetzt, seit die Amerikaner sie uns überlassen haben, unsere Nachbarschaft ist? Nicht nur geografisch, sondern auch politisch, sozial, menschlich, religiös.

Der Punkt ist, wir haben all dies versucht, aber: zu unseren Bedingungen, mit unseren Methoden, zu unseren Zeitpunkten. Und wir haben Demokratie eingeführt auf der Spitze des Bajonetts. Es kann sein, dass so was funktioniert. Wir in Deutschland haben das erlebt, und es hat funktioniert – Gott sei Dank. Aber es ist nicht sehr wahrscheinlich. Es gibt viele begründete Vorurteile zu widerlegen, es gibt viel Vergangenheit abzutragen, das braucht Geduld. Geduld ist der Beweis besserer Absichten, nicht die Worte über diese Absichten.

Wir, der Westen, sind auch bei dem, was wir Gutes versucht haben, unwissend, ungeduldig und unbescheiden. Und zur selben Zeit haben wir stets auch das Gegenteil gemacht. In den Jahren nach dem 11. September haben wir das radikalislamische Saudi-Arabien unterstützt, wir haben die Diktatur in Ägypten unterstützt, sie stürzen sehen und die nächste Diktatur wieder unterstützt. Wir haben in Syrien rote Linien gezogen, und nichts ist passiert, als sie überschritten wurden. Aus der Sicht derer, die da unten leben, haben wir uns keine Sekunde lang konsistent verhalten. Man muss sich also nicht wundern, dass dort unten Terrorismus im Kopf entsteht. Und auch viele von denen, die hierherkommen, auch muslimische Freunde von mir, Libanesen, Ägypter, Algerier, Marokkaner, sie neigen oftmals zu Verschwörungstheorien, darum streiten wir viel. Und ich weiß schon, dass es dafür auch hausgemachte Gründe gibt, arabische Politik, sektiererische Religion, Tribalismus. Es gibt eine dunkle, geheime Politik, einen oft schlimmen Politikstil in den Regionen, aber es lag und liegt eben auch an der westlichen Politik. Wie war sie – konnte man sie zu irgendeinem Zeitpunkt wirklich verstehen?! War sie jemals konsistent? Ich glaube, sie war die ganze Zeit aus Sicht derer, die dort leben, inkonsistent und maximalinvasiv: höchster Aufwand bei minimalster Sorgfalt.

Nach dem 11. September fiel dem Westen dann ein, der Islamismus sei schlecht. Zuvor wurde er aber Jahrzehntelang vom Westen gefördert. Zum einen, damit es keinen Kommunismus in der Region gibt, das Motiv wirkte solange, wie es die Sowjetunion gab, und zum zweiten wegen der verheerenden Logik des Öls. Wenn in einem unterentwickelten Land Öl gefunden wird, kann man demokratisch nicht an die Macht kommen, wenn man nicht zugleich sagt, dass davon nicht der Westen und nur eine herrschende Clique profitiert, sondern das ganze Volk profitieren soll. Man muss sagen, dieses Volk hat dieses Öl verdient, dieses Öl schenke ich euch. Andernfalls hat man keine Chance. Und deswegen war der Westen in der Region nie für Demokratie bis zum 11. September, sondern hat aktiv versucht, demokratische oder halbwegs demokratische Versuche niederzuschlagen, weil von denjenigen, die es ein bisschen versucht hatten, gesagt wurde, dann müssen wir aber auch mehr von unserem Ölgeld bekommen. Und das war nicht gewünscht. Man hat also den Islamismus unterstützt, damit er gegen die säkularen demokratischen oder halbwegs demokratischen Herrscher Krieg führt.

Immer im Fahrwasser der Amerikaner

Man muss sich ja auch noch mal überlegen, was beim 11. September eigentlich passiert ist. Da haben eine Gruppe Saudis Amerika terroristisch angegriffen, und was machen die Amerikaner? Sie vertiefen ihr Bündnis mit den Saudis! Wie soll das jemand verstehen, der nicht jahrelang in den Thinktanks der amerikanischen Außenpolitik unterwegs war.

Durch Verschwörungstheorien und den unverständlichen Westen wurde und wird einer islamistischen Ideologie der Boden bereitet, die eben doch einfache Antworten gibt und klare Schuldzuweisungen liefert: Der Westen ist böse! Eine Rachedurst-Ideologie ist geschaffen worden, auch durch uns.

Eine weitere Quelle des Terrorismus im Kopf ist das, was wir heute Stabilität nennen. Also zum Beispiel Ägypten. Eines der selten genannten, aber am häufigsten gedachten Argumente ist, hätten wir doch bloß diese ganzen Diktatoren da unten an der Macht gelassen! Dann wäre da jetzt zwar immer noch Unterdrückung, aber wir hätten Ruhe. Daran ist natürlich eine Menge falsch. Zum Beispiel, dass es nicht wir waren, die dort Veränderung wollten. Es waren die Menschen da unten.

Aber der zweite Irrtum ist der wichtigere, der hinter dieser Idee steckt: Stabilität durch Unterdrückung schafft in dieser Region notwendig und zwingend immer Instabilität, auch in Ägypten. Viele denken, Al-Sissi ist autoritär, aber er hat die Sache im Griff; das ist falsch. Er ist autoritär, und er hat die Sache nicht im Griff! Ägypten ist nicht stabil!

Also glaube ich, wir müssen uns aus den Denkweisen und Handlungsweisen der letzten Jahrzehnte lösen, das heißt: lösen aus der US-amerikanischen Mittelostpolitik, die irgendwie immer auch unsere war. Denn es gab im Grunde keine erstzunehmende eigene Mittelostpolitik der Europäer, seitdem die Amerikaner das Chaos, das die Europäer 1956 in der Suez-Krise hinterlassen hatten, übernommen haben.

Wir Europäer waren mal willig und mal unwillig gegenüber der Politik der Amerikaner, aber wir waren immer in deren Fahrwasser; geistig, politisch, militärisch, in jeder Hinsicht. Und deswegen müssen wir heute verstehen, was wir da mitgemacht haben, um es zu verändern, um unseren heutigen Interessen entsprechend agieren zu können, nämlich das Interesse, dass es den Menschen dort unten gut geht, damit nicht zu viele von ihnen kommen. Das ist, wie gesagt, ein fundamental anderes Interesse, als es die Amerikaner haben.

Das sollte man überhaupt nicht moralisieren, aber für die Amerikaner ist der Mittlere Osten ein sehr fernes Spielfeld. Für uns ist er die Nachbarschaft – und noch schlimmer, oder noch besser – diese Libyer und Ägypter, Algerier und Marokkaner, Libanesen, die wohnen hier bei uns, und nicht wenige! Deswegen ist es umso klüger, dass wir dazu beitragen, dass es denen gut geht.

Was aber sind die amerikanischen Obsessionen im Mittleren Osten, die wir mitgemacht haben und die wir, aus meiner Sicht, nicht mehr mitmachen und überwinden sollten?

Obsession Nummer eins, wie schon angedeutet: Saudi-Arabien. Das seit mehr als einem halben Jahrhundert gültige Bündnis zwischen den USA und Saudi-Arabien ist unter dem heutigen Blickwinkel einfach nur verrückt! Seit 1979, seit der iranischen Revolution, heißt es stets: Das sind halt Schiiten und Sunniten, die kämpfen immer gegeneinander, man muss das irgendwie so ein bisschen ausbalancieren. Die Iraner sind auch gefährlich. Ja, es stimmt, die Iraner sind auch gefährlich. Aber es gibt so viel weniger Schiiten als Sunniten, deswegen ist die Gefahr, die von Saudi-Arabien ausgeht, um so vieles größer als vom Iran. Darum ist es nachgerade absurd und ohne die Spendengelder der Saudis an die Washingtoner politische Klasse auch schwer zu erklären, wieso der Westen den islamistischen Iran zum Erzfeind erklärt hat und das islamistische Saudi-Arabien zum strategischen Partner. Es gibt die Terrorproliferation der Saudis. Es gibt einen Ideologieexport, wie man ihn seit dem Kommunismus nicht mehr erlebt hat. Es werden vollkommen sinnlose Sachen gemacht, wie eben am 11. September das Bündnis mit den Saudis im Kampf gegen Al-Kaida, die in Afghanistan von den Taliban geschützt wurden, die wieder ihren sicheren Hafen in Pakistan gefunden haben, wo der Islamismus wiederum von wem finanziert wird? Genau: von den Saudis. Wenn heute in Indonesien eine Bombe hochgeht, wer steckt dahinter? Salafisten! Wer bildet die Salafisten aus? Saudi-Arabien! Auch die Idee, dass Saudi-Arabien ein Stabilisator sein könnte, ist doppelt falsch. Erstens stabilisieren sie nicht, sondern destabilisieren die Region mit ihrer Ideologie, teilweise auch mit ihrem Geld, zweitens sind sie selber nicht stabil. Dieses Land hat so viele innere Widersprüche. Der Fundamentalismus ihrer Religion, gleichzeitig eine Bigotterie der herrschenden Klasse. Sie feiert Orgien in Berlin und Beirut und vertritt gleichzeitig einen Pietismus als Herrschaftsideologie – das kann nicht funktionieren. Auch der Widerspruch zwischen Reichtum und keiner Arbeit dürfte auf Dauer schwerlich nachhaltig sein.

Obsession Nummer zwei: Die Hollywoodisierbarkeit oder die Plakatierbarkeit von Außenpolitik – auch dies meine ich nicht moralisch. Amerika ist ein sehr großes Land mit einer sehr großen Öffentlichkeit, und da müssen einfach Storys erzählt werden, es muss Helden geben, es muss Schurken geben, es muss Opfer geben, und die Sache muss schnell gehen, sonst verliert das Publikum den Faden und das Interesse. Es ist für sie auch okay. Für uns funktioniert das nicht mehr. Wir müssen nämlich mit den Arabern und Persern nicht über die Playstation klarkommen, sondern ganz live und gegenüber.

Was Europa tun muss

Ich will ein Beispiel für die Hollywoodisierbarkeit nennen und was für ein politisches Problem daraus erwächst. Der große Böse ist jetzt also Isis oder IS oder Isil oder Daesh, wie immer man das nennen will. Darum konnte es den Russen gelingen, in Syrien eine Alternative zu Assad wegzubomben, mit dem Ergebnis, dass nun nur noch der syrische Schlächter und Diktator übrig bleibt und auf der anderen Seite der IS, der nun mit vereinten Kräften aus Syrien entfernt werden soll. Das scheint die stillschweigende Übereinkunft. Diese Idee kann man aber nur haben, wenn man im Irak nicht genau hingeguckt hat. Saddam Hussein hatte die schiitische Mehrheit im Irak unterdrückt, dann wurde Demokratie herbeigeführt durch den letzten Irak-Krieg mit der Folge, dass danach die Schiiten die Sunniten unterdrückt haben; die Mehrheit hat also die Minderheit unterdrückt. Die Schiitenmilizen haben mit den Sunniten zum großen Teil dasselbe gemacht, was der IS jetzt mit seinen Opfern macht. Sie schicken nur keine Filme herum. Und weil die Position des Oberschurken schon besetzt ist, ist uns das nicht aufgefallen. Es ist aber den Sunniten, die dort leben, aufgefallen. Deswegen haben sie den IS unterstützt und tun es teilweise immer noch. Und deswegen stellt sich auch für Syrien die Frage, wenn sich denn Assad mit Putin und Obama einigt und man den IS bekämpft, ja, wer schützt denn dann die Sunniten in Syrien?! Wie soll das denn stabil sein? Wenn es keinen anderen Schutz für die Sunniten gibt als den IS, glaubt man dann wirklich, man kann ihn dauerhaft ausrotten?!

Nur ein Beispiel für ein zu plakatives Bild, für eine Vereinfachung, die dann am Ende nicht zu Lösungen führen kann, weil nicht die Realität der Menschen gesehen wird, sondern nur ein Film, dessen Inhalt wir schon beim Abspann halb vergessen haben. Nur die Araber, sie leben in diesem Film.

Obsession Nummer drei: Amerika hat, darum beneide ich es wirklich, ein unglaubliches Selbstbewusstsein. Dazu gehört auch eine fast bedrückende Unschuldsvermutung gegen sich selbst, die durch keine Realität zu trüben ist. Anfang März hat die New York Times eine wirklich großartige, aufwändige Studie veröffentlicht, einen investigativen Report über das Verhalten der damaligen Außenministerin Hillary Clinton bei der Libyen-Intervention.

Es gibt zwei Sätze, die Hillary Clinton getragen haben in der Frage, sollen wir in Libyen intervenieren? Den einen schreibt ihr ihre Büroleiterin Anne-Marie Slaughter zu, die sagt über Clinton: "She’d rather be caught trying", also, sie möchte lieber beim Versuchen als beim Nichtversuchen erwischt werden. Das ist erst mal sympathisch, wobei man das bei militärischen Interventionen mittlerweile auch ein wenig infrage stellen könnte. Das zweite Zitat hat ein anderer Intimus von Hillary Clinton zu Protokoll gegeben, es lautet: "Once we have made a decision, we can’t fail." Wenn wir eine Entscheidung getroffen haben, können wir nicht fehl gehen. So können wir mit den Leuten dort unten nicht länger umgehen. Zu sagen, Libyen ist vorbei, wenden wir uns doch etwas anderem zu; lasst uns über Asien reden. Nein, denn jetzt steht der IS auf 120 km Küstenstreifen in Libyen und kontrolliert, wenn wir Pech haben, demnächst die Flüchtlingsströme.

Obsession Nummer vier: Ungenauigkeit und Massivität. Auch da muss man nochmal diesen Report hinzuziehen. Hillary Clinton wusste demnach fast nichts über Libyen, als sie den Präsidenten gedrängt hat, am Ende doch zu intervenieren, um das Massaker in Bengasi zu verhindern. Sie hat mit einem der Rebellenführer geredet in einem Pariser Hotel, und was hat er ihr erzählt? Ja, wir machen da so eine föderale Demokratie, und das mit den Frauen, das machen wir auch so richtig gleichberechtigt. Beim zweiten Treffen hatte er sie eingewickelt. Es ist total menschlich. Aber die Konsequenzen sind so groß, und die Massivität der Interventionen ist so stark. Also: Große Massivität verbunden mit erschreckender  Ungenauigkeit ist auch etwas, was die amerikanische Außenpolitik im Mittleren Osten gekennzeichnet hat, das wir uns nicht mehr leisten können.

 Und das ist ganz unabhängig davon, wer künftig Amerika regiert. Die Europäer sollten sich jetzt – um es ganz vorsichtig zu formulieren – schleunigst eine eigene Mittelostpolitik überlegen. Dazu einige Stichworte: In Europa wird viel und ausführlich über die neue Pipeline Nordstream für russisches Gas geredet, die durch die Ostsee geführt werden soll. Wenn der Mittlere Osten jetzt unsere Zuständigkeit ist, müssen wir dann nicht zum Beispiel dafür sorgen, dass Algerien nicht demnächst kollabiert? Müsste man nicht eigentlich überlegen, eine neue Pipeline nach Algerien zu legen? Sozusagen aus sicherheitspolitischen Gründen oder als präventive Flüchtlingspolitik?!

 Zweiter Punkt: Die Agrar- und Handelspolitik der EU müssten eigentlich als Sicherheitspolitik gedacht werden. Was haben wir davon, wenn die europäischen Bauern zufrieden sind – obwohl sie das eigentlich nie sind –, dafür aber die Menschen in der Subsahara fliehen müssen, weil sie ihre Landwirtschaft nicht bezahlen können und weil sie sie nicht nährt, weil die EU lieber sehr viel preiswertere Tomaten herstellt, unter anderem mithilfe von Flüchtlingen aus der Subsahara?

Und dann dies: François Hollande versucht, mit militärischen Mitteln gegen den islamischen Terrorismus vorzugehen und Angela Merkel auf der anderen Seite betreibt eine Flüchtlingspolitik, die versucht, eine Versöhnung mit den Muslimen zu beginnen, und diese beiden Sachen werden nicht zusammengedacht, sondern erscheinen wie komplett gegensätzliche Strategien. Wir müssen in Europa lernen, dass die Mittelostpolitik Innenpolitik ist. Man muss es immer wieder sagen: Die Menschen sind nicht da hinten, da unten; die leben in den Banlieues. Sie leben hier schon! Warum haben eigentlich Frankreich und Großbritannien größere Schwierigkeiten im Moment mit der Flüchtlingsaufnahme als Deutschland? Ich glaube, in erster Linie, weil deren Geschichte mit den Arabern durch den Kolonialismus mehr vergiftet ist als unsere. Unsere Geschichte mit den Migranten, die jetzt kommen, ist nicht vergiftet durch Kolonialismus, und das ist keine Nebensache. Weil natürlich der Jugendliche in Paris, der keine Arbeit findet, der Algerier sagt, ja, und meinen Opa habt ihr auch erschossen im Algerien-Krieg mit euren 300.000 Soldaten. Das ist natürlich wieder selfserving, aber es ist doch klar, dass solche psychologischen Mechanismen wirken. Man muss sehr viel tun, um diese Vergiftung herauszubekommen. Wenn wir da unten ungerechte Dinge tun, um es mal vorsichtig zu sagen, werden wir hier vor Ort eine Quittung bekommen. Auch dann, wenn keiner von den Terroristen hier nach Europa kommen könnte, was er ja kann; einfach von den home-grown terrorists. Die sind aber auch home-grown disappointed.

Schließlich müssen wir lernen, ich habe es schon angedeutet, Flüchtlingspolitik als Versöhnungspolitik zu begreifen und auch zu inszenieren, wenn man so will. Dass das Abendland zum ersten Mal ein bisschen freundlich ist zu so vielen Menschen aus dem "Morgenland",  das ist ein echtes historisches Ereignis. Das hat Auswirkungen auf unsere Flüchtlingspolitik, ganz konkret. Weil wir uns natürlich in einem Zielkonflikt bewegen zwischen Integration und Abschreckung. Es ist klar; wenn wir diese Leute, die kommen, einigermaßen freundlich behandeln, werden die ihren Verwandten, die noch da unten leben, simsen, hier werde ich gut behandelt, kommt auch. Das ist natürlich ein Problem. Aber dürfen wir sie darum so schlecht behandeln, dass sie die gegenteilige SMS schicken? Sind die Flüchtlinge, die es hierher geschafft haben, Objekte unserer Flüchtlingsabwehr oder Menschen, die unsere Nachbarn und Freunde werden sollen, Botschafter einer neuen Gemeinsamkeit? Da müssen sich die Europäer schon entscheiden. Aber wie soll man mit Menschen Freund werden, wie soll man sie davon abhalten, radikal zu werden, Menschen, die hier schon bei uns wohnen, wenn man ihre Verwandten schlecht behandelt, die erst noch kommen wollen? Ich glaube, das ist keine besonders clevere Strategie. Auch hier gilt: Der kluge Weg führt vom Rassismus zum Realismus.

Ist der Kampf gegen den Terrorismus also nur eine Frage der Moral? Nein, es ist nicht alles eine Frage der Moral. Ohne Geld, ohne Härte, sogar ohne Militär wird es nicht gehen. Aber da es an Härte, an Geld und an Militär in den letzten Jahren auch nicht gefehlt hat, käme es jetzt darauf an, etwas anderes zu versuchen, etwas Zusätzliches. Nennen wir es mal Liebe, Respekt, Fürsorge, Genauigkeit. Und ein Letztes: Ich weiß, ich bin Deutscher, ich sollte das nicht sagen. Ich sage es trotzdem: Es wäre auch gut für die Aussöhnung, wenn sich irgendwer mal irgendwo hinknien würde da unten.