Neues Angebot, Verhandlungen vertagt: Der türkische Regierungschef Davutoğlu (links) spricht mit EU-Ratspräsident Tusk und Kommissionschef Juncker nach dem Ende des Gipfels über das Treffen in Brüssel. © Emmanuel Dunand/AFP/Getty Images

Die Grenzen sind geschlossen, der türkische Basar ist eröffnet. Während die EU-Staats- und Regierungschefs in Brüssel zu dechiffrieren versuchten, was Ratspräsident Donald Tusk als "neue und ehrgeizige Ideen" der Türkei verklärte, freute sich Recep Tayyip Erdoğan schon auf die Rückkehr seines Ministerpräsidenten Ahmet Davutoğlu vom gemeinsamen Gipfel in Brüssel: "Ich hoffe, er bringt das Geld mit zurück", ließ der türkische Präsident wissen. Sein Regierungschef wollte aber weit mehr einpacken für die Rückkehr nach Ankara.

Davutoğlu war schließlich nicht als Bittsteller gekommen, die EU will etwas von der Türkei: Sie soll verhindern, dass Verzweifelte sich in Booten über die Ägäis nach Griechenland aufmachen, am besten gleich das ganze Schleusergeschäft an der EU-Außengrenze trockenlegen, dazu illegale Migranten aus Griechenland zurücknehmen und den Flüchtlingen im eigenen Land ein lebenswertes Dasein verschaffen, damit sie sich erst gar nicht auf den Weg nach Europa machen.

Auf einem Zettel, so erzählte es Bundeskanzlerin Angela Merkel später, hatte Davutoğlu dazu schon am Sonntag einen neuen, weitreichenden Vorschlag mitgebracht – völlig überraschend. Mehr als fünf Stunden saß sie darüber mit ihm und dem niederländischen Regierungschef und amtierenden Ratsvorsitzenden Mark Rutte zusammen, um den Gipfel vorzubereiten. Überrumpelt wurden die meisten der 28 EU-Delegationen von den neuen Vorschlägen der Türken dennoch.

EU-Gipfel - Merkel nennt Einigung mit Türkei "Durchbruch" in der Flüchtlingskrise Die EU und die Türkei haben Fortschritte bei der Lösung der Flüchtlingskrise erzielt. Die Türkei will illegal eingereiste Flüchtlinge zurücknehmen, wenn die EU ihr Gegenleistungen gewährt.

Das Treffen am Montag brachte das gehörig durcheinander, denn was da plötzlich auf den Tisch kam, war zwar ein erstaunlich substanzielles Angebot, aber eben auch mit neuen Forderungen verbunden: über die bereits zugesagten drei Milliarden Euro hinaus weitere drei Milliarden Euro bis Ende 2018, um die Lage der etwa 2,7 Millionen Flüchtlinge in der Türkei zu verbessern; umfassende Visa-Erleichtungen für türkische Bürger schon ab Juni; die umgehende Öffnung fünf neuer Kapitel in den EU-Beitrittsverhandlungen.

Dafür ist die Türkei bereit, ab einem zu bestimmenden Zeitpunkt alle neu ankommenden illegalen Migranten von Griechenland zurückzunehmen. Wer nicht schutzbedürftig ist, sich also aus wirtschaftlichen Gründen auf den Weg gemacht hat, soll dann wieder in sein Herkunftsland abgeschoben werden. Für jeden syrischen Flüchtling, den die Türkei zurücknimmt, soll die EU dann aber einen der bereits dort lebenden Flüchtlinge aufnehmen – Zug um Zug. Dahinter steckt die Logik, die erst einmal eine Hoffnung ist: Wer damit rechnen muss, nach seiner Ankunft in Griechenland gleich wieder zurück in die Türkei geschickt zu werden, nimmt die gefährliche Fahrt durch die Ägäis vielleicht nicht auf sich, vor allem wenn er sich anschließend wieder ganz hinten anstellen muss, um sich für die attraktivere direkte Umsiedlung in die EU zu bewerben.

Glaubt man Merkel, waren sich beim Gipfel viele "einig, dass das ein Durchbruch ist". Oder zumindest einer werden kann, denn die intensive Diskussion ging wieder einmal bis spät in die Nacht und die Widerstände sind längst nicht alle aus dem Weg geräumt – jene aus Ungarn etwa, das sich komplett gegen eine Umsiedlung von Flüchtlingen direkt aus der Türkei sperrt, oder jene Zyperns, für das die beschleunigten Beitrittsverhandlungen schwer zu schlucken sind. Deshalb und auch, weil viele technische Details in der Eile nicht geklärt werden konnten und manche Staats- und Regierungschefs sich noch in ihren Ländern abstimmen wollen, ist die Entscheidung am Ende dann doch auf den nächsten regulären EU-Gipfel vertagt worden, der bereits Ende kommender Woche im Kalender steht.