"Sie kommen." Das schrieb mir eine Zaman-Reporterin am Freitagabend per SMS. Sie und ihre Kollegen schafften es gerade noch, die Samstagsausgabe zum Druck zu schicken, bevor Polizisten die Redaktion stürmten. Nur wenige Stunden zuvor hatte ein Istanbuler Gericht entschieden, die Zaman unter die Aufsicht einer staatlichen Treuhandverwaltung zu stellen. Und so die auflagenstärkste Zeitung der Türkei und gleichzeitig die größte oppositionelle Stimme unter die Kontrolle der Regierung zu bringen.

Das Gericht begründete seine Entscheidung zunächst nicht, aber überrascht hat sie keinen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch nannte die Ereignisse resigniert nur den "neuesten Versuch der türkischen Regierung", kritische Medien zum Schweigen zu bringen. Seit Monaten häufen sich Angriffe auf die ohnehin eingeschränkte Pressefreiheit in der Türkei. Die Organisation Reporter ohne Grenzen spricht von einem "Klima der Angst" für Journalisten.

Die Bilder von Freitagnacht erinnern an die Übernahme des regierungskritischen Medienkonzerns Koza-İpek im Oktober. Sicherheitskräfte hatten vor laufenden Kameras die Kontrolle von Fernsehsendern und Zeitungen übernommen. Und zuletzt stoppten Behörden die Ausstrahlung des prokurdischen Fernsehsenders İMC TV, ausgerechnet während eines Interviews mit Can Dündar, dem Chefredakteur der Zeitung Cumhuriyet. Dündar selbst muss sich Ende dieses Monats wegen angeblicher Spionage vor Gericht verantworten. Ihm und dem Ankara-Redakteur des Blatts, Erdem Gül, droht lebenslange Haft.

Aber nicht nur Zamans kritische Berichterstattung missfiel der türkischen Regierung. Die Zeitung steht außerdem der Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen nahe. Die türkische Regierung hat diese vor Kurzem zu einer Terrororganisation erklärt. "Uns wird vorgeworfen, Propaganda für Terrororganisationen zu machen," sagt Sevgi Akarçeşme, die Chefredakteurin der englischsprachigen Ausgabe Today’s Zaman. Die Zeitung werde beschuldigt, neben Gülen auch die verbotene Kurdische Arbeiterpartei PKK zu unterstützen.

Gülen, einst ein enger Verbündeter des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan, hatte sich vor zwei Jahren mit der Regierung überworfen. Erdoğan beschuldigt ihn, einen "parallelen Staat" mithilfe von Verbündeten in Medien, Finanzinstituten, Polizei und Justiz aufbauen zu wollen, um die Regierung zu stürzen.

Wandel vom Regierungsfreund zum Regierungsfeind

Unter den Institutionen, die zu Gülens Bewegung gehören, ist auch Zaman. Sevgi Akarçeşme weist dies zwar zurück. Sie sagt, es sei nicht wahr, dass Gülen Zamans redaktionelle Linie diktiere. Doch die Zeitung wurde erst nach Gülens Bruch mit Erdoğan zu einem regierungskritischen Blatt. Vorher, im Jahr 2011, als Journalisten der Nachrichtenseite Oda TV vorgeworfen wurde, Teil einer Verschwörung gegen Erdoğans Regierung zu sein, schrieb der damalige Zaman-Chefredakteur Ekrem Dumanlı noch: "Einige, die sich Journalisten nennen, benutzen diesen Beruf als Rüstung, hinter der sie psychologische Kriege führen." Und 2012 hielt Erdoğan gar eine Lobrede zu Zamans 25. Geburtstag.

Erst als Erdoğan und der in den USA lebende Gülen immer erbitterter um die Macht stritten, änderte sich Zamans Berichterstattung. Die Auseinandersetzung eskalierte im Dezember 2013 mit dem größten Korruptionsskandal der türkischen Geschichte. Dutzende prominente Regierungsanhänger wurden festgenommen. Erdoğan machte Gülens Netzwerk verantwortlich, der Prediger wurde Staatsfeind Nummer eins. Chefredakteur Dumanlı wurde im Dezember 2014 wegen Terrorverdachts verhaftet. Seitdem durchsuchte die Polizei die Redaktion regelmäßig.

Eine Belastung für den EU-Gipfel

Doch trotz der Verbindungen zu Gülen: Durch die Übernahme Zamans verstummt eine der lautesten Oppositionsstimmen der Türkei, gerade einmal drei Tage vor dem EU-Gipfeltreffen. "Wir nehmen diese Entwicklungen mit Besorgnis zur Kenntnis," sagte Hansjörg Haber, Leiter der EU-Delegation in der Türkei, gegenüber Reportern in Istanbul. "Die EU hat immer klargemacht, dass eine freie und pluralistische Medienlandschaft wichtig ist."

Pluralistisch ist die türkische Medienlandschaft schon lange nicht mehr. Ohne Zaman bleiben an einflussreichen regierungskritischen Zeitungen nur noch die nationalistisch-säkulare Sözcü und Cumhuriyet, deren Chefredakteur Dündar vor Gericht steht. Dündar wirft der EU vor, Angriffe auf Presse- und Meinungsfreiheit in der Türkei zu ignorieren, um Ankara als Partner in der Flüchtlingskrise beizubehalten. Verhandlungen über das drei Milliarden Euro schwere Hilfspaket kritisierte er als "schmutzig".

Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen liegt die Türkei auf Platz 149 von 180. Das ist nach Afghanistan und nur knapp vor Russland. Erdoğan hingegen sagt regelmäßig, die Türkei habe die freieste Presse der Welt. Zamans Redaktion sieht das anders. Die englischsprachige Ausgabe druckte eine schwarze Titelseite mit der Aufschrift: "Beschämender Tag für Pressefreiheit in der Türkei." Chefredakteurin Akarçeşme glaubt, das könne die letzte Ausgabe gewesen sein.