Der Kleine hat sich daran gewöhnt, dass sein Zuhause keine Fenster und Türen hat, dass es zieht, Tag und Nacht. Er erschrickt nicht mehr, wenn ein Windstoß durchs Betongerippe fährt und die lose am Gebäude hängenden Blechteile furchterregend knarzen, knarren und rascheln, wie die Fetzen einer Vogelscheuche, nur viel lauter. 

Im Zuhause des Kleinen liegt statt eines Teppichs eine unebene Unterlage aus Sand, verbogenen Aluverkleidungen und von Nässe aufgequollener, schmutzig gelber Dämmwolle. Der Kleine hat seinen 21. Geburtstag auf dem Flughafen gefeiert, den Frauentag am 8. März und sogar Weihnachten. Die Ruinen des Flughafens von Donezk sind ihm zur Heimat geworden. "Ich kenne jede Ecke hier", sagt der Kleine, ein schlaksiger Kämpfer, der sich bereit erklärt hat, die Journalisten herumzuführen. 

Er stapft auf einem der schmalen Pfade, die durch diese Ansammlung von Trümmern führen: vom früheren Parkhaus, wo er und seine Kameraden ihren Unterschlupf zwischen zu Wänden aufgestapelten Munitionskisten haben, bis zum sogenannten neuen Terminal, der eigens für die Fußball-Europameisterschaft im Jahr 2012 errichtet worden war. 

Damals regierte in der Ukraine noch der aus dem Donbass stammende Viktor Janukowitsch, der die EM nach Donezk brachte, in die Stadt, in der er selbst Gouverneur gewesen war und in der sein reicher Gönner Rinat Achmetow immer noch lebte. Wegen der immer weiter steigenden Baukosten galt das Projekt schon vor der Fertigstellung als Milliardengrab. Das neue Flughafengebäude, das Janukowitsch höchstpersönlich eröffnete, war gerade einmal zwei Jahre in Betrieb, als der Krieg kam. Nichts erinnert heute mehr an seine Glasfassade und das pompöse Eingangsportal mit den elf silbernen Säulen.

Die Verluste auf der anderen Seite waren immer größer

Die Flughafenruine, die dem Kleinen Unterschlupf bietet, ist Symbol für die Zerstörungskraft dieses Krieges zwischen ukrainischer Armee und den bewaffneten Kräften der Donezker Separatisten. Es ist ein Ort, an dem verbissen um jeden Meter gerungen wurde. Der Kampf aus nächster Nähe brutalisierte die Teilnehmer. Der Kommandant des berüchtigten Bataillons Sparta mit dem Kampfnamen Motorola hat ukrainischen Kriegsgefangenen vom Flughafen Todesschüsse versetzt. Verlässliche Opferstatistiken sind rar. Sicher ist, dass mehrere Hundert auf beiden Seiten starben. Welche Seite man auch fragt, auf der jeweils anderen sollen es immer mehr gewesen sein. 

Unter dem Schutt liegen immer noch Leichen und lauern Sprengfallen. Und der protiwnik, wie der Feind auf Russisch heißt, ist nicht weit weg. Ukrainische Geschütze stehen hinter der vernarbten Landebahn in Opytne und Awdiiwka sowie weiter westlich in Pisky. Immer wieder knattern Maschinengewehrsalven zwischen den gegnerischen Stellungen, Granatwerfer kommen zum Einsatz, schwere Artillerie. Die Gegend rund um den Airport zählt nach wie vor zu den explosivsten entlang der 500 Kilometer langen Konfliktlinie. 

Für seine Kameraden heißt der Kleine auf Russisch Maloj, es ist sein Kampfname. Seinen zivilen Namen verschweigt er, er hat ihn abgelegt wie sein früheres Leben als Jugendlicher einer nahen Kleinstadt, die heute auf der anderen Seite der Front unter ukrainischer Kontrolle liegt. Unter seiner schwarzen Wollmaske stecken das unverbrauchte Gesicht eines Kindes, aufgeweckte Augen, brünettes kurzes Haar. Das Gesicht eines Kindes mit Kalaschnikow. "Ich habe früher nie ein Gewehr in Händen gehalten", sagt der Kleine, auf dessen olivgrünem Overall am Oberarm das Abzeichen des Bataillons Sparta klebt. Aus dem ersten Stock des Terminals blickt er auf die Zufahrtsstraße, wo Fluggäste einst aus Taxis und Bussen für den Abflug ausstiegen. Auch von ihr sind nur nackte Betonplatten geblieben. "Ich habe im Terminal kämpfen gelernt. Einmal ist immer das erste Mal." Ein Augenblick Stille. "Interessiert Sie noch etwas? Details zum Flughafen?"