ZEIT ONLINE: Herr Balog, fühlen Sie sich manchmal von uns Deutschen ungerecht behandelt?

Balog: Sagen wir es so: Die Ungarn hatten in der Vergangenheit oft das Gefühl, falsch verstanden zu werden.

ZEIT ONLINE: Was verstehen wir falsch?

Balog: Ein Missverständnis besteht darin, dass die Schließung unserer Grenzen – also der Bau des Zauns an der Grenze zu Serbien – ein inhumaner Willkürakt gewesen sein soll. Das Gegenteil ist wahr. Es handelt sich um einen provisorischen Akt zur Einhaltung von europäischem und internationalem Recht: Dublin, Schengen, der Genfer Konvention.

ZEIT ONLINE: Das sehen zahlreiche Juristen und auch die Vereinten Nationen anders. Der Vorwurf lautet nicht, dass sie einen Zaun bauen. Sondern, dass Sie es im Grunde unmöglich gemacht haben, in Ungarn Asyl zu erhalten und damit die Genfer Konvention verletzen. Im vergangenen Jahr haben in Ungarn 146 Menschen Asylstatus erhalten – bei rund 25.000 zu Ende gebrachten Verfahren. Kein Land in Europa tut weniger für Flüchtlinge.

Balog: Wenn jemand in Ungarn Asyl beantragt, bekommt er ein ordentliches Verfahren. Es stimmt: Es werden viele Flüchtlinge abgelehnt. Aber das liegt darin begründet, dass diese Menschen über Serbien einreisen, ein sicheres Herkunftsland.

ZEIT ONLINE: Serbien ist deshalb ein sicheres Herkunftsland, weil Sie das in Ihrem neuen Einwanderungsgesetz festgeschrieben haben. Und es bedeutet de facto, dass sie niemandem mehr Schutz gewähren müssen.

Balog: Es war richtig, Serbien zum sicheren Herkunftsland zu erklären. Dort findet keine Verfolgung statt. Wenn ich es richtig sehe, erklärt Deutschland gerade nordafrikanische Länder zu sicheren Herkunftsländern. Warum soll dann Serbien, das Mitglied der Europäischen Union werden will, kein sicheres Herkunftsland sein?

ZEIT ONLINE: Serbien hat zum Beispiel kein funktionierendes Asylsystem. Das Problem mit dem ungarischen Zaun ist aber noch ein anderes: Er ist nicht dicht. Es kommen weiterhin Menschen über die Grenze, an manchen Tagen bis zu 250. Warum ist das so?

Balog: Weil die Menschenschlepper clever sind. Und weil das Schlepperwesen mittlerweile ein gigantisches Geschäft ist, bald besser als der Drogenhandel, mit einem Umsatz von bis zu 18 Milliarden Dollar pro Jahr. Die Leute kommen nicht selbst an die Grenze, sondern werden ausgebeutet. Das sollten wir bekämpfen.

ZEIT ONLINE: Der Chef von der europäischen Grenzschutzagentur Frontex sagt: "Kein Zaun kann Flüchtlingsströme stoppen." Hat er recht?

Balog: Ja, langfristig ist das keine Lösung. Aber das spricht nicht gegen einen provisorischen Zaun, wie wir ihn errichtet haben. Sehen Sie: Es gab schon früh Warnungen innerhalb der EU, dass die Balkanroute zu einem Hauptfluchtweg werden würde. Wir haben ebenfalls vor Jahren Alarm geschlagen. Doch aus Brüssel kam einfach keine Reaktion oder ein Hilfsangebot. Wir sind ein kleines Land mit zehn Millionen Menschen. Plötzlich wanderten eine halbe Million Menschen weitgehend unkontrolliert ein. Wir mussten etwas tun, um die Dinge zu ordnen.

ZEIT ONLINE: Die Einwanderungspolitik, die die Dinge ordnen sollte, führt de facto zu einer skurrilen Situation: Sie würden die Flüchtlinge, die dennoch über den Zaun zu ihnen kommen, gerne nach Serbien zurückschicken, aber Serbien nimmt sie nicht zurück. Deshalb müssen sie die Menschen behalten, manchmal monatelang. Unter dem Strich müssen sie nun dennoch Tausende Menschen in Lagern versorgen. Obwohl ihr Premier Viktor Orbán die Zahl der Flüchtlinge am liebsten auf null drücken würde und unlängst sogar angekündigt hat, die Bedingungen für Asylsuchende weiter zu verschärfen.

Balog: Nochmals: Wir halten uns nur an internationales und europäisches Recht. Es geht darum, dass wir ein Signal setzen mussten, dass es keine unbegrenzte Möglichkeit der Einwanderung gibt und dass der Strom gestoppt wird. Erst dann können wir weiter verhandeln.

ZEIT ONLINE: Herr Balog, Sie waren lange Jahre Menschenrechtsaktivist und haben als Pfarrer DDR-Flüchtlingen geholfen. Schmerzt es Sie nicht, dass Ungarn den Flüchtlingen dieser Tage nicht hilft?

Balog: Ich will nicht bestreiten, dass es eine Belastung für mein Gewissen war, an dieser richtigen Entscheidung mitzuarbeiten. Man muss aber unterscheiden zwischen dem humanitären Gebot der Nächstenliebe und der Verpflichtung des Staates, seine Bürger zu schützen. Ich habe das für mich so aufgelöst: Damals haben wir Ungarn die Grenze für die DDR-Flüchtlinge geöffnet und damit europäische Werte wie Sicherheit und Freiheit geschützt. Jetzt schützen wir dieselben Werte, indem wir die Grenze schließen und wieder auf die Einhaltung des Rechts bestehen. Und indem wir die Ungarn vor einer Masseneinwanderung bewahrt haben, die das Land bedroht hätte: sozial, politisch, kulturell. Gleichzeitig haben unsere Behörden und die zivilen Helfer und Helferinnen alles Mögliche getan, die humanitäre Versorgung für die Flüchtlinge zu gewährleisten. 

ZEIT ONLINE: Worin genau besteht diese Bedrohung?

Balog: Die Menschen sehen ihre eigene Identität in Gefahr. Ungarn war über weite Strecken der Weltgeschichte fremdbestimmt, zuletzt in der Sowjetdiktatur. Nun können und wollen wir endlich so leben, wie wir es wollen. Natürlich geht es auch um den Islam. Wir achten den Islam als kolossale Weltreligion. Aber wir wissen auch, dass der Islam zum Beispiel ein anderes Verhältnis von Mann und Frau mit sich bringt. Das hat Köln doch gezeigt. Zudem bedeutet eine unkontrollierte Zuwanderung aus den Kriegsgebieten des Nahen Ostens auch eine steigende Terrorismusgefahr, die unsere Freiheit bedroht.

ZEIT ONLINE: Mehr Nationalismus bedeutet mehr Freiheit?

Balog: Ich glaube schon, dass die Stärkung des Nationalstaates den Bürgern mehr Sicherheit gibt. Die Bürger nehmen wahr, dass Brüssel immer unfähiger zu Entscheidungen wird, wenn es um die Flüchtlingskrise geht. Das ist auch eine Erklärung für den kulturellen Eisernen Vorhang, den es inzwischen wieder zwischen den west- und osteuropäischen Staaten innerhalb der EU gibt.

ZEIT ONLINE: Man könnte die Sache auch so lesen: Ungarn und andere osteuropäische Staaten blockieren seit Monaten eine sinnvolle, europäische Lösung der Flüchtlingskrise.

Balog: Es geht doch darum, dass die Lösung auch trägt. Da waren wir bisher skeptisch. Die nun angestrebte Vereinbarung mit der Türkei ist wichtig, wenn wir die Flüchtlingsströme aufhalten wollen. Aber das reicht uns nicht. Wir müssen als Europäer auch selbst dafür sorgen, dass die europäischen Grenzen besser gesichert werden. Griechenland hat für den Grenzschutz Millionen kassiert. Warum kriegen die nicht hin, was Italien und Spanien geschafft haben?

ZEIT ONLINE: Wenn Europa eine Festung baut, werden wieder Menschen im Mittelmeer ertrinken.

Balog: Wir brauchen eine Vereinbarung mit der Türkei, die dafür sorgen muss, dass die Menschen sich erst gar nicht in die Boote setzen. Aber Sie haben recht: Wir blicken schrecklichen humanitären Zuständen entgegen. Wir müssen alles tun, um diesen Menschen zu helfen, anstatt uns gegenseitig die Schuld dafür zuzuweisen, dass diese Menschen zugrunde gehen.  

ZEIT ONLINE: Konkret heißt das also: Die Toten sind die Bedingung dafür, dass Europa sein Flüchtlingsproblem löst?

Balog: Den Preis müssen die Menschen so oder so zahlen, schon jetzt. Das sind Menschen, die Opfer von Menschenschleppern werden, Opfer ihrer Regierungen, Opfer von Kriegen, Opfer von globalisierten Massenmedien, die ein falsches Bild vom Leben in Europa zeichnen. Opfer auch ihrer eigenen Entscheidung, den Weg nach Europa anzutreten. Was ist humaner? Ihnen gleich zu sagen, dass sie nicht kommen können? Oder sie erst nach Monaten oder Jahren zurückzuschicken?