Der Erfolg Donald Trumps beflügelt die Fantasie des Establishments der Republikaner. Was wäre, wenn der Nominierungsparteitag, die glamouröse Kür des Präsidentschaftskandidaten, dieses Mal nicht nach dem üblichen Drehbuch abliefe? Was wäre, wenn die Delegierten statt des Siegers der Vorwahlen einen Kandidaten wählten, der nicht auf dem Stimmzettel steht?

Angesichts der jüngsten Gewinne Donald Trumps bei den Vorwahlen suchen führende Republikaner immer dringlicher nach Möglichkeiten, eine Nominierung des New Yorker Immobilien-Milliardärs zum Spitzenkandidaten der Partei doch noch zu verhindern. Ein Putsch der Delegierten beim Parteitag in Cleveland im Juli dieses Jahres wird parteiintern bereits offen diskutiert.

Trump steuert – scheinbar unaufhaltsam – auf einen Sieg bei den Vorwahlen zu. Am Dienstag gewann er weitere Bundesstaaten, darunter Florida, den Heimatstaat seines Rivalen Marco Rubio. Nach dessen Ausscheiden noch am Wahlabend bleiben neben Trump nur der texanische Senator Ted Cruz und John Kasich, der Gouverneur von Ohio, im Rennen.

Demnach kann Trump nun 621 Delegierte für sich verbuchen. Um eine für die Nominierung notwendige Mehrheit von 1.237 Delegierten zu erhalten, muss Trump bei den noch ausstehenden Vorwahlen 60 Prozent der verbleibenden Delegierten gewinnen. Das ist schwierig, aber nicht unmöglich.

Deshalb diskutieren republikanische Strategen die Idee eines "ausgehandelten Parteitags". Das käme allerdings einer politischen Verzweiflungstat gleich und brächte ganz neue Risiken mit sich. Vor allem, weil es selbst für Washingtons Veteranen Neuland wäre. In den vergangenen Jahrzehnten entschied sich das Rennen stets bereits bei den Vorwahlen. Die abgeschlagenen Rivalen räumten freiwillig das Feld für den stärksten Bewerber. So dienten die Parteitage lediglich zur Bestätigung des Spitzenkandidaten und zur fernsehtauglichen Einstimmung auf den eigentlichen Wahlkampf. Die Abstimmung war eine Formsache.

Nominierung des Spitzenkandidaten zuletzt vor 68 Jahren umstritten

Bei den Republikanern muss man bis ins Jahr 1948 zurückgehen, um einen Parteitag zu finden, bei dem die Nominierung des Spitzenkandidaten umstritten war (bei den Demokraten war es zuletzt 1952 der Fall). Die Demokraten lieferten sich allerdings 1924 in New York einen historischen Kampf um die Nominierung. Die zerstrittenen Mitglieder mussten über zwei Wochen 103-mal abstimmen, um sich schließlich auf einen Kandidaten zu einigen. Die New York Times sorgte sich schließlich sogar um die "hohlwangigen Wahlmänner". Der Grund für den internen Zwist: der Ku-Klux-Klan, auf dessen Unterstützung der damalige Vorwahlsieger nicht verzichten mochte. Er verlor auf dem Parteitag schließlich die Nominierung an einen weit abgeschlagenen Konkurrenten.

Nun studieren Cruz und Kasichs Wahlmanager die komplexen Regeln, um doch noch an Trump vorbeizukommen. Tatsächlich findet bei den Parteitagen nicht nur eine Abstimmung, sondern gleich mehrere statt. Und jede Runde kann das Ergebnis nachhaltig beeinflussen. Zunächst entscheiden die Delegierten darüber, wer überhaupt an der Abstimmung über den Spitzenkandidaten teilnehmen darf. Dann wird über die Regeln für die Abstimmung entschieden. Dazu gehört unter anderem die Frage, ob sich die Delegierten an die Entscheidung ihres Wahlbezirks bei den Vorwahlen halten müssen oder ob sie frei für ihren Wunschkandidaten stimmen dürfen. Ronald Reagan – damals ein Außenseiter aus Hollywood – versuchte 1976, für sich günstige Abstimmungsregeln zu erhalten, unterlag dann aber dem Favoriten des Washingtoner Establishments, Gerald Ford. (Reagan gewann vier Jahre später und wurde Präsident.)