Der türkische Premierminister Ahmet Davutoğlu hat das gewaltsame Vorgehen gegen die regierungskritische Zeitung Zaman verteidigt. Die Justiz handele unabhängig. Die gegen die Zeitung ergriffenen Maßnahmen seien "sicher keine politischen, sondern rechtliche Vorgänge", sagte Davutoğlu während eines Staatsbesuchs im Iran in einer vom türkischen Fernsehen ausgestrahlten Reaktion. Die Türkei sei ein Rechtsstaat. Es komme für ihn oder einen seiner Kollegen daher nicht in Frage, sich in den Prozess einzumischen.

Zugleich warnte der Regierungschef indirekt vor einer Unterwanderung der Türkei etwa durch die Hikmet-Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen, zu der Zaman gehört. "Wir sollten nicht unsere Augen verschließen (...) vor einer parallelen Struktur innerhalb des Staates, die die Presse und andere Werkzeuge benutzt", um ihre Ziele durchzusetzen, sagte Davutoğlu.

Die türkische Polizei war zuvor erneut mit Gewalt gegen Unterstützer der regierungskritischen Zeitung Zaman vorgegangen. Mit Tränengas und Plastikgeschossen versuchte sie, Demonstranten vor dem Verlagsgebäude zu vertreiben. Zur Zahl der teilnehmenden Demonstranten gibt es unterschiedliche Angaben, die Agentur Reuters spricht von 2.000, AFP von 500.

Mitarbeiter der Zeitung veröffentlichten in sozialen Netzwerken Fotos, die zeigen, wie bewaffnete Spezialeinheiten das abgesperrte Redaktionsgebäude in Istanbul bewachen. Zum Arbeitsbeginn am Samstagmorgen hatten sich lange Schlangen vor der Redaktion gebildet, da die Polizei die Identität der Mitarbeiter kontrollierte.

Die türkische Polizei hatte am Freitag den Sitz von Zaman in Istanbul gewaltsam gestürmt. Kurz vor Mitternacht vertrieb sie mit Tränengas und Wasserwerfern Hunderte Demonstranten und drang in das Gebäude ein. Die Journalisten reagierten mit Protest. Wenige Stunden zuvor hatte ein Istanbuler Gericht angeordnet, dass Zaman künftig unter die Kontrolle eines Treuhänders gestellt werde. Damit untersteht die Führung von Redaktion und Verlag richterlich bestellten Managern.

Ein Zaman-Reporter sagte, die staatliche Treuhandverwaltung habe den Chefredakteur abgesetzt. Abdülhamit Bilici hatte das Redaktionsgebäude unter Beifall der Mitarbeiter verlassen. In der Samstagsausgabe, der letzten der alten Redaktion, stand auf einer schwarzen Titelseite: "Die Verfassung ist ausgesetzt." Die türkische Presse habe einen der schwärzesten Tage ihrer Geschichte erlebt. 

Die Chefredakteurin des englischsprachigen Zaman-Schwesterblattes Today's Zaman, Sevgi Akarçeşme, sagte, das sei das Ende der Pressefreiheit in der Türkei. "Und das verstößt gegen unsere Verfassung." Es gebe keine Rechtsstaatlichkeit in der Türkei mehr. "Die Regierung hat unsere Zeitung konfisziert."

Zaman hatte nach eigenen Angaben 2015 eine tägliche Auflage von rund 850.000 Stück. Sie war damit die auflagenstärkste Zeitung der Türkei. Laut der Nachrichtenagentur Anadolu übernehmen die vom Gericht ernannten Verwalter, die Anwälte Tahsin Kaplan und Metin İlhan sowie der Autor Sezai Şengönül, die Leitung von Zaman.

"Türkei verspielt historische Chance"

Amnesty International und andere Menschenrechtsgruppen kritisierten den Vorgang: Es handle sich um den neuesten Versuch des türkischen Präsidenten und der Regierung, kritische Medien zum Schweigen zu bringen, teilte Human Rights Watch mit.

Viel Kritik kam aus der EU: Der Präsident des Europaparlaments, Martin Schulz (SPD), sagte dem Tagesspiegel, die Türkei sei dabei, eine historische Chance der Annäherung an die Europäische Union zu verspielen. Schulz kündigte an, das Thema am Montag vor dem EU-Türkei-Sondergipfel bei einem Treffen mit dem türkischen Regierungschef Ahmet Davutoğlu anzusprechen. Es sei klar, dass die EU bei der Einhaltung ihrer Grundwerte keine Abstriche machen werde.

EU-Erweiterungskommissar Johannes Hahn sagte, als EU-Beitrittskandidat müsse die Türkei auch die Pressefreiheit respektieren. "Wir werden genau beobachten, was weiter geschehen wird." Das Vorgehen der Behörden gefährde "die Fortschritte der Türkei auf weiteren Gebieten". Die Grundrechte aber seien nicht verhandelbar, sagte Hahn. Laut Vizepräsident des Europäischen Parlaments, Alexander Graf Lambsdorff (FDP), treibe die türkische Regierung die Gleichschaltung der Presse weiter. Er warf der Türkei im RBB-Inforadio vor, "immer autokratischer" zu werden.

Der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen sagte, es sei kein Zufall, dass dieser staatliche Angriff auf die Pressefreiheit zu einem Zeitpunkt erfolge, "in dem die EU mit der Türkei eine Vereinbarung über die Rücknahme von Flüchtlingen trifft". Er sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe, die Regierung in Ankara wünsche sich "das Schweigen Europas zu der Verletzung von Menschenrechten".

Aus den USA meldete sich der Sprecher des US-Außenministeriums John Kirby zu dem Fall. Er sagte, in einer Demokratie sollten "kritische Meinungen nicht zum Schweigen gebracht werden". Sie sollten bestärkt werden. Er sprach von einer "beunruhigenden Serie" des Vorgehens gegen Medien und Regierungskritiker in der Türkei.