Der Chefredakteur von "Zaman", Ekrem Dumanlı, in der Redaktion in Istanbul (Bild aus dem Jahr 2014) © Murad Sezer/Reuters

Die türkische Regierung will die Kontrolle über die größte regierungskritische Zeitung des Landes übernehmen. Ein Istanbuler Gericht habe entschieden, einen staatlichen Treuhänder für die Zeitung Zaman zu ernennen, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu.

Zaman steht der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen nahe, der im US-Exil lebt. Gülen war einst ein Verbündeter des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan, hat sich mit ihm aber überworfen. Gülens Hizmet-Bewegung ist in der Türkei inzwischen zur Terrororganisation erklärt worden. Die Zeitung Zaman greift Erdoğan regelmäßig an.

Der Leitende Redakteur von Zamans englischsprachigem Schwesterblatt Today's Zaman sagte: "Es sieht so aus, als würden die unabhängigen Medien sterben." Mit Blick auf die anderen landesweiten kritischen Zeitungen fügte er hinzu: "Wenn es uns nicht mehr gibt, bleiben nur noch Cumhuriyet und Sözcu übrig, aber niemand weiß, wie lange."

Die Redaktion von Today's Zaman veröffentlichte auf ihrer Homepage eine Erklärung. "Wir befinden uns in den dunkelsten und finstersten Tagen, was die Freiheit der Presse angeht", heißt es da. "Wir haben die letzte Phase erreicht, was den Druck angeht, der auf jene ausgeübt wird, die konsequent unabhängig berichten." In dem Statement wiesen die Redakteure auch auf die vielen Journalisten hin, die in Haft sind oder vor Gericht stehen.

Die Redaktion von Zaman war bereits mehrfach eingeschüchtert und drangsaliert worden. Im November waren die Redaktionsräume von Zaman, ihrer englischsprachigen Ausgabe Today's Zaman und der zur selben Gruppe gehörenden Zeitschrift Aksiyon bei einer großen Razzia durchsucht worden. Grundlage sei der Verdacht gewesen, dass in der Zaman-Druckerei alternative Ausgaben der von der Regierung gegängelten Zeitung Bugün produziert würden. 

Zaman hatte nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr eine Auflage von rund 850.000 Stück (Stand März 2015). Sie war damals die auflagenstärkste Zeitung der Türkei.

Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen liegt die Türkei auf Platz 149 von 180 Staaten. Erdoğan hält die Medien in seinem Land dagegen für frei.