Manche amerikanischen Präsidenten werden in Deutschland geradezu huldvoll verehrt. John F. Kennedy war einer von ihnen und auch Barack Obama zählt dazu. Kraft ihrer charismatischen Erscheinung, ihrer mitreißenden Rhetorik, ihres verheißungsvollen Gestaltungswillens und ihrer schieren Macht waren und sind gerade die Herren des Weißen Hauses eine ideale Projektionsfläche für alle möglichen – und unmöglichen – Wünsche und Hoffnungen.

Barack Obama zog schon als Präsidentschaftskandidat im Sommer 2008 bei einer Rede in Berlin mehr als 200.000 Menschen in den Bann. Nur wenige Politiker können eine derartige Begeisterung entfachen und finden einen solchen Zulauf.

An diesem Sonntag ist Obama wieder in Deutschland, voraussichtlich zum letzten Mal als Präsident. Doch im Vergleich zu 2008, zu seinem grandiosen Auftritt vor der Siegessäule, ist sein Besuch der internationalen Industriemesse in Hannover geradezu glanzlos. Die Hannoveraner dürfen – aus Sicherheitsgründen – nicht einmal die Straßen säumen und aus den Fenstern winken, wenn der Präsidentenkonvoi vorbeirauscht.

Aber vielleicht wollen sie das auch gar nicht mehr. Jedenfalls nicht in demselben Maße und nicht mit der gleichen Hingebung wie vor acht, sieben und sogar noch vor sechs Jahren. Womöglich spiegelt der eher geschäftsmäßige Abschiedsbesuch auch das inzwischen abgekühlte Verhältnis vieler Deutscher zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten wider. Das Obama-Fieber ist vergangen.

Wie könnte es auch anders sein, zwischen damals und heute liegen etliche Enttäuschungen: die NSA-Affäre zum Beispiel, das immer noch nicht geschlossene Gefängnis Guantanamo, der Drohnenkrieg.

Enttäuschte Liebe

Doch die wachsende Entfremdung hat noch eine ganz andere, eine eher psychologische Ursache: Die Deutschen feierten Obamas Sieg emphatisch, achtzig Prozent wünschten ihn sich damals zum Präsidenten, so viele, wie sonst fast nirgendwo auf der Welt. Offenbar sind manche heute darüber enttäuscht, dass der erste schwarze Präsident ihre Zuneigung nicht im selben Maß erwidert hat. Sie fühlen sich und ihr Land von ihm irgendwie links liegen gelassen.

Während meiner Korrespondentenzeit in den USA von 2007 bis 2014 haben mir meine Landsleute – egal ob Freunde, private Besucher oder Politiker auf Washington-Tour – immer wieder diese Frage gestellt: Warum kommt Obama nicht viel öfter nach Deutschland? Mag er uns nicht? Findet er Deutschland nicht wirklich wichtig?

Obama hat die Deutschen immer wieder irritiert. Das erste Mal als Präsident auf Europa-Tour betrat er deutschen Boden im Frühjahr 2009 nur beiläufig für ein kurzes Treffen in Baden-Baden. Großbritannien, Frankreich, Tschechien und die Türkei hatten weit mehr von ihm.

Das zweite Mal, im Sommer desselben Jahres, besuchte er in erster Linie die KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Obama wollte erfahren, was er nur aus den Erzählungen seines Großonkels Charles Payne wusste, der als Soldat der US-Armee am Ende des Zweiten Weltkriegs eine Außenstelle des Konzentrationslagers mit befreit hatte. Ein schnelles Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Dresden wurde mehr oder weniger nur aus Protokollgründen anberaumt.