Der lange Arm der chinesischen Sicherheitsbehörden reicht inzwischen weit über die Grenzen des Landes hinaus. Fürchten müssen ihn nicht nur die eigenen Bürger. Das erfuhren dieser Tage 45 Taiwaner, die in Kenia wegen Telefonbetrugs im Gefängnis saßen. Sie hatten sich ihre Opfer vor allem in der Volksrepublik China gesucht. Und dorthin ließ Kenias Polizei sie ausfliegen, nicht etwa nach Taiwan, dessen Staatsbürger sie sind. In Handschellen trafen die Taiwaner am vergangenen Mittwoch in Peking ein. Sie könnten dort bald vor Gericht stehen, obwohl einige von ihnen bereits in Kenia freigesprochen wurden.

Dieses Verständnis der Ein-China-Politik löst in Taiwan helles Entsetzen aus. Seit dem Ende des chinesischen Bürgerkriegs 1949 ist die Insel faktisch unabhängig; für die Regierung in Peking ist Taiwan allerdings bis heute ein Teil Chinas. Trotzdem war bisher klar: Für die Bürger Taiwans sind die dortigen Gerichte zuständig. Von "Kidnapping" sprechen deshalb Abgeordnete in Taipeh. Auch der für die Beziehungen zum Festland zuständige Mainland Affairs Council wirft den Behörden der Volksrepublik vor, sie hätten ihre 45 Staatsbürger schlicht entführt.

Übergriffe, Einschüchterung, Verfolgung – die Fälle mehren sich, in denen China versucht, das Recht in die eigene Hand zu nehmen – auch dort, wo seine Polizei und Justiz nicht zuständig sind. Ende vergangenen Jahres verschwanden fünf Verleger und Buchhändler aus Hongkong, die sich auf den Vertrieb politischer Klatschliteratur spezialisiert hatten. Für das angebliche Liebesleben ihrer Spitzenfunktionäre interessieren sich vor allem chinesische Touristen in der ehemaligen britischen Kronkolonie. In Hongkong können sie Bücher kaufen, die der Zensor in China sofort in den Schredder werfen würde.

Einer der Verleger, Gui Minhai, der die schwedische Staatsbürgerschaft besitzt, verschwand vorigen Oktober in Thailand. Ein zweiter, der britische Staatsbürger Lee Bo, kehrte am 30. Dezember in Hongkong nicht nach Hause zurück. Wenig später zeigte das chinesische Staatsfernsehen die beiden als reuige Sünder, die erklärten, sie seien freiwillig über die Grenze gekommen, um den Behörden bei der Aufklärung ihrer Missetaten zu helfen.

Ähnlich wie jetzt den Bürgern Taiwans lief es den Menschen in Hongkong kalt über den Rücken. Galt das Prinzip "Ein Land, zwei Systeme", nach dem Hongkong seine inneren Angelegenheiten selbst regelt, auf einmal nicht mehr? Waren sie, die Bürger der autonomen Region Hongkong, dem Zugriff des chinesischen Machtapparats gegen alle Versprechen nun doch schutzlos ausgeliefert? "Bisher mussten wir nicht fürchten, dass es um Mitternacht an unsere Haustür klopft", schrieb ein Kolumnist der South China Morning Post. "Aber wenn wir die Angst nun haben müssten, wäre dies das Ende unserer Art zu leben."

Kein Chinese, der im Visier von Pekings Sicherheitsbehörden ist, soll sich mehr sicher fühlen können, wo immer auf der Welt er sich aufhält, egal ob er Staatsbürger der Volksrepublik ist – das scheint die neue Maxime der KP-Führung zu sein. Im August vorigen Jahres verwahrte sich die Regierung Obama scharf gegen verdeckte Einsätze chinesischer Agenten in den Vereinigten Staaten. Im Rahmen der "Operation Fuchsjagd" waren sie angeblich korrupten ehemaligen Kadern und Unternehmern auf der Spur, die ihr Geld und sich selbst jenseits des Pazifiks in Sicherheit bringen wollten.

Die USA arbeiten mit China bei der Verfolgung von Straftätern zusammen, aber es gibt kein Auslieferungsabkommen. In jedem Fall wollen die Amerikaner die Polizeihoheit in ihrem Land nicht teilen, schon gar nicht mit chinesischen Geheimermittlern. Einen der Chefs bei der "Fuchsjagd" beeindrucken die amerikanischen Warnungen jedoch wenig. "Ob es ein Abkommen gibt oder nicht", erklärte er im Regierungssender CCTV, "solange wir Informationen über einen verdächtigen Kriminellen haben, werden wir ihn dort jagen, werden wir unsere Arbeit machen, wo auch immer."

Hybris einer aufstrebenden Supermacht? Nicht nur in den USA versucht China, korrupte Bürger aufzuspüren, auch in Kanada, in Neuseeland und in Australien. Solange Peking um Rechtshilfe bittet und mit den zuständigen Behörden zusammenarbeitet, ist dagegen nichts einzuwenden. Nicht zu dulden aber ist jede Form chinesischer Selbstjustiz. Vor allem dann, wenn es in Wahrheit gar nicht um Korruption geht, sondern um Regimekritik.

China aber hat da seine sehr eigene Sicht der Dinge. Li Gongjing, im Shanghaier Büro für öffentliche Sicherheit für Wirtschaftskriminalität zuständig, sagte es so: "Ein Flüchtiger ist wie ein Papierdrachen. Selbst wenn er sich im Ausland befindet, die Schnur, an der er fliegt, wird in China gehalten. Durch seine Familie kann er immer gefunden werden." Mit anderen Worten: Wir wissen, wie wir Druck ausüben können. Uns soll niemand entkommen. Und damit ist es China bitter ernst.