Die EU plant laut einem Medienbericht ein Abkommen mit Libyen, um die Einreise von Migranten aus Nordafrika zu verhindern. In Zusammenarbeit mit der EU könnte eine neue libysche Regierung "vorübergehende Auffanglager für Migranten und Flüchtlinge" unterhalten, zitiert Spiegel Online ein internes Dokument des Europäischen Auswärtigen Diensts. "Dabei muss man auch über Inhaftierungseinrichtungen nachdenken", heißt es in dem Papier.

In Deutschland hatten bereits Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Innenminister Thomas de Maizière (CDU) gefordert, dass die EU mit nordafrikanischen Staaten über Abschiebeabkommen nach dem Vorbild des EU-Türkei-Deals verhandeln solle. "Wir haben jetzt vor uns die Aufgabe, mit Libyen eine solche Kooperation hinzukriegen", sagte Merkel. Um die EU-Außengrenzen zu schützen, gebe es keinen anderen Weg, als Verabredungen mit Nachbarstaaten zu treffen. 

Kooperationen zur Abwehr von Migranten mit nordafrikanischen Staaten sind umstritten. "Libyens Diktator Gaddafi hat damals auch Geld bekommen, um Flüchtlinge davon abzuhalten, nach Europa zu gelangen", sagte die Grünen-Europaabgeordnete Ska Keller vor einem Jahr im Zusammenhang mit Überlegungen über Asylverfahren außerhalb der EU. Bundesentwicklungsminister Gerd Müller rechnete mit vielen neuen Flüchtlingen aus Afrika. "Nach unseren Informationen warten allein in Libyen 100.000 bis 200.000 Afrikaner, die aus Staaten südlich der Sahara kommen, auf ihre Überfahrt nach Europa", sagte der CSU-Politiker.

Die Zahl der Flüchtlinge, die über das Mittelmeer nach Italien kommen, nimmt derzeit deutlich zu, Libyen ist oft ihr Ausgangspunkt. Laut UNHCR seien in den ersten drei Monaten 2016 18.784 Menschen von Nordafrika nach Italien gekommen. Seit dem Sturz des Machthabers Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 kontrollieren mehrere bewaffnete Gruppen Teile Libyens, darunter auch die radikal-islamische IS-Miliz.

Eine neu gebildete Einheitsregierung in Tripolis ist Teil eines von den UN im vergangenen Dezember vermittelten Abkommens. Am Donnerstag kündigten sie die Einrichtung eines gemeinsamen Oberkommandos an, das den Kampf gegen die Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) koordinieren soll. Der Präsidialrat der Einheitsregierung rief in einer Erklärung "alle militärischen Kräfte" auf, einseitige Initiativen zu unterlassen und auf Befehle des Oberkommandos zu warten.

Die Außenminister der EU-Mitgliedstaaten hatten kürzlich beschlossen, der neuen Einheitsregierung in dem nordafrikanischen Bürgerkriegsland Hilfe beim Wiederaufbau der Küstenwache anzubieten. EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini stellte Finanzhilfen in Höhe von 100 Millionen Euro in Aussicht. In dem Dokument des Europäischen Auswärtigen Dienstes ist laut Spiegel Online davon die Rede, dass die EU-Marinemission Sophia im Mittelmeer eine Rolle "beim Aufbau der libyschen Küstenwache und Marine" spielen könnte.

Die Marineoperation Sophia gegen illegale Einwanderung aus Afrika ist bislang auf das Seegebiet im Mittelmeer außerhalb der libyschen Hoheitsgewässer begrenzt. EU-Diplomaten zufolge soll die Ausweitung und Verlängerung des Marineeinsatzes Ende Mai oder Anfang Juni entschieden werden. Die Besatzungen der beteiligten Kriegsschiffe haben bereits rund 13.000 in Seenot geratene Migranten gerettet, konnten der EU zufolge gegen Schleuser aber bislang kaum etwas ausrichten.