ZEIT ONLINE: Herr Erdoğan, hat der Flüchtlingsdeal der Beziehung zwischen der EU und der Türkei eher geholfen oder geschadet?

Murat Erdoğan: Das ist eine Beziehung zwischen zwei Verlierern. Die Türkei hat keine Freunde mehr, und die EU hat keine Hoffnung mehr. Deshalb ist das keine strategische Partnerschaft, sondern eine reine Notbeziehung. Das kann auf Dauer nicht funktionieren.

ZEIT ONLINE: Warum nicht?

Erdoğan: Die Türkei hat außenpolitisch nicht viel Spielraum. Sie will die EU natürlich an sich binden. Und die EU hat ihre Prioritäten verändert und ihre eigenen Prinzipien vergessen. Die Flüchtlingsfrage dominiert alles. Daneben sind Werte wie Demokratie, Menschenrechte und Pressefreiheit zweitrangig geworden. Für die EU ist die Rolle der Türkei klar: Sie soll die Menschen davon abhalten, nach Europa zu gelangen. Im Gegenzug bekommt sie Geld und vielleicht Visafreiheit. Aber so ein geldbasiertes Tauschgeschäft à la "Euros statt Flüchtlinge" hilft weder den Flüchtlingen noch der Beziehung von EU und Türkei. Auch sind drei bis sechs Milliarden Euro als Zahlungen an die Türkei sehr unmenschlich. Ich frage die EU: Wie viel Milliarden Euro hat die Finanzkrise in Griechenland gekostet?

ZEIT ONLINE: Welche Folgen hat das Abkommen für die Flüchtlinge in der Türkei?

Erdoğan: Völlig klar ist: Die Flüchtlinge werden weiterhin kommen. Sie stammen mittlerweile nicht mehr nur aus Syrien, sondern auch aus Afghanistan, Pakistan, Eritrea oder Äthiopien. Mit dem Pakt werden auch sie zurück in die Türkei geschickt. Aber warum sollte die Türkei die ganze Arbeit übernehmen? Auch Deutschland, Frankreich oder Holland können diese Flüchtlinge nicht einfach in ihre Heimatländer zurückschicken, weil die Menschenrechtslage es nicht zulässt. Also schickt man sie zurück in die Türkei, wo sie keine Perspektiven haben. Das hat dramatische Folgen für die Menschen und für die Türkei.

Murat Erdoğan ist einer der bekanntesten Migrationsforscher der Türkei. Er ist Professor an der Hacettepe-Universität in Ankara und leitet dort das Forschungszentrum für Migration und Politik (HUGO). Zudem ist er im Akademischen Board des Masterstudiengangs für Friedens- und Konfliktstudien. © privat

ZEIT ONLINE: Was sind die größten Herausforderungen?

Erdoğan: Wir haben mittlerweile rund 3,2 Millionen Flüchtlinge in der Türkei. Trotzdem sehen die türkische Regierung und Bevölkerung das als ein vorübergehendes Problem an. Die Türkei tut immer noch so, als werde Syriens Präsident Assad morgen gestürzt und die Syrer könnten dann alle wieder nach Hause fahren. Dabei werden sie natürlich auf Dauer bleiben. Sich das einzugestehen, ist vor allem dann zentral, wenn die Türkei nun mehr Syrer als bisher im Land behalten soll. Wir haben uns immer zu sehr auf Damaskus konzentriert, nicht auf die Flüchtlinge. Das war ein großer Fehler.

ZEIT ONLINE: Das heißt, es gibt keine Pläne, wie man mit den Flüchtlingen künftig umgehen will?

Erdoğan: Nein. Es gibt keine Integrationspolitik, keine kontrollierte Einwanderung in die Türkei, keine klaren Daten über Beruf oder Religion der syrischen Flüchtlinge. Wir haben eine 911 Kilometer lange Grenze mit Syrien und niemand weiß, wer genau ins Land kommt. Das ist ein Sicherheitsproblem, nicht nur für die Türkei. Auch hat die Türkei den Übergang von der Erstaufnahme der Menschen hin zu einer wirklichen Integration versäumt. Selbst das Wort "Integration" wird von Regierung und Behörden gemieden, weil es so etwas wie ein Eingeständnis bedeuten würde.

Der verlorene Krieg in Syrien

ZEIT ONLINE: Ein Eingeständnis, dass man die Lage nicht im Griff hat?

Erdoğan: Ja. Und ein Eingeständnis, dass man den Krieg in Syrien verloren hat. Kurz nach Beginn des Kriegs war die Haltung der Türkei: Syrien kann es nur ohne Assad geben. Dann zogen sich die Kämpfe hin und es wurde darüber diskutiert, welche Rolle die Türkei spielen könnte. Dabei wurde völlig der Einfluss Russlands und des Irans vergessen sowie die vielen komplizierten Verflechtungen, die diesen Krieg so schwierig machen. Die Türkei hat eine enorm naive Außenpolitik betrieben. Spätestens jetzt ist das allen bewusst. Und in dem Moment, wo man beginnt, die Menschen dauerhaft zu integrieren, wirkt das wie eine Kapitulation.

ZEIT ONLINE: Die Türkei hat mehr Syrer aufgenommen als jedes Nachbarland. Hat man sich da wirklich nicht überlegt, wie man diese Menschen integrieren kann?

Erdoğan: Gleich zu Beginn des Syrien-Kriegs hatte sich die Regierung zu einer "Politik der offenen Tür" bekannt, die jedem Flüchtling ein Bleiberecht zusprach. Die Syrer, die nicht bei ihrer Familie oder bei Bekannten unterkommen konnten, wurden in Lager gebracht, von denen es 25 in zehn Städten gibt und die sehr gut ausgestattet sind. In den Camps gibt es Moscheen, Krankenstationen und Schulen. Doch bei der so massiv gewachsenen Zahl der Flüchtlinge reichen die Camps nicht mehr aus. Heute leben nur noch rund neun Prozent der Menschen, also knapp 269.000, in den Lagern. Die anderen wohnen bei Verwandten, in angemieteten Wohnungen oder auf der Straße, und das in allen türkischen Provinzen. Man muss auch ihnen einen geordneten Zugang zu Arbeit, Bildung sowie eine Gesundheitsversorgung ermöglichen.