Der Weg nach Tbilissi führt vorbei an einem grinsenden und winkenden George W. Bush. Die Georgier haben die Straße vom Flughafen in die Hauptstadt nach dem US-amerikanischen Ex-Präsidenten benannt und ein Foto von ihm aufgehängt, groß wie eine halbe Plakatwand. Das kleine Land im Kaukasus, umgeben von der Türkei, Armenien, Aserbaidschan und Russland, zeigt so gleich, ruft geradezu: Wir sind für den Westen!

Noch ist das die offizielle Linie. Doch es ist elf Jahre her, dass Bush zu Besuch war, tanzte, gut aß und begeistert war. Mittlerweile erwidern sein Grinsen an der Straße nach Tbilissi nicht mehr alle Georgier mit gleichem Enthusiasmus. 

Georgien ist ein kleines, stolzes Land auf der anderen Seite des Schwarzen Meeres in Transkaukasien. Es liegt im Clinch mit dem großen russischen Nachbarn, und das nicht erst seit es sich 1991 von der Sowjetunion unabhängig erklärt hat. Seither sucht es die Nähe zum Westen. Georgien ist ein Land zwischen dem, was Geopolitiker Einflusszonen nennen, zwischen Russland und Europa.

In Tbilissi wehen Nato-Fahnen entlang der Hauptstraße und neben vielen georgischen Flaggen hängt eine europäische. Ginge es nach der aktuellen georgischen Politik, das Land wäre längst Mitglied in Nato und EU und fände darin Stabilität und Schutz vor Russland. Als Gegenstück zu Russland sind aus georgischer Perspektive Europa, die EU, der Westen, die Nato immer noch Versprechen auf Freiheit, Prosperität und relative Stabilität. Aber gerade weil die Stabilität in Georgien nur sehr relativ ist, können sich EU und Nato nicht dazu durchringen, das Land aufzunehmen.

Georgiens Präsident Giorgi Margwelaschwili © Meike Dülffer/ZEIT ONLINE

Als Folge dieses andauernden Zögerns nimmt die Begeisterung für den Westen langsam ab – und die Sympathie für Russland zu. 

Im Parlament sitzen nur prowestliche Parteien. Noch, wie Politiker in jedem zweiten Satz warnen. Bei den Wahlen im Oktober nämlich könnten es auch prorussische Gruppen in die Volksvertretung schaffen. "Es heizt sich auf", sagt Präsident Giorgi Margwelaschwili, der in einem protzigen Palast mit Glaskuppel empfängt, die an den Berliner Reichstag erinnert. Manche Diplomaten sprechen gar von einem Albtraum. 

Zwei eingefrorene Konflikte

Der wichtigste Grund für Georgiens Instabilität beginnt nur eine Stunde entfernt von Tbilissi. Kurz hinter Gori, der Stadt in der Stalin geboren wurde, beginnt Südossetien. Georgier dürfen das Gebiet nicht mehr betreten. Der Streit darum ist einer von gleich zwei eingefrorenen Konflikten mit Russland, der andere betrifft die Region Abchasien. Beide stehen nicht mehr unter georgischer Kontrolle. 20 Prozent von Russland besetztes Territorium, sagen die Georgier. Die Eigenständigkeit der Abchasen und Südosseten hat im Wesentlichen nur Russland anerkannt, nach einem kurzen Krieg im Jahr 2008 hat es dort Truppen stationiert. Von einer "schleichenden Annexion" durch Russland spricht die georgische Verteidigungsministerin Tinatin Chidascheli.

Georgien

Über die abtrünnigen Gebiete Abchasien und Südossetien hat die Regierung in Tbilissi keine Kontrolle. Seit dem Krieg von 2008 sind sie von Russland besetzt.

Lage der abtrünnigen Gebiete Abchasien und Südossetien in Georgien

Deshalb verläuft hier, in der Ebene vor den Bergen des großen Kaukasus, eine Linie, die keinen richtigen Namen hat, aber nicht überschritten werden darf. Staatsgrenze sagen die Russen, Okkupationslinie die Georgier und die EU, die eine unbewaffnete Beobachtermission mit blauen Jeeps und EU-Flaggen hierher geschickt hat, spricht umständlich-korrekt von Verwaltungsgrenzlinie. An manchen Abschnitten der Linie stehen Grenzzäune, anderswo teilen Stacheldrahtrollen ein Dorf, manchmal zeigen dreieckige Schilder an, das hier etwas ist. 

Heute eine Baumreihe, morgen eine Straße

Nahe dem Dorf Jariascheni aber sieht nichts nach Grenze aus. Eine grüne Wiese, kahle Obstbäume, ein Knick mit Büschen und Bäumen, der hügelaufwärts führt. Diese Bäume, das wussten hier alle, markierten die Linie. Etwas weiter oben auf dem Hügel haben gut sichtbar die Russen eine Basis, von der aus sie überwachen, dass niemand die Baumreihe passiert und auf ihre Seite kommt.

Doch diese Linie, die keine anerkannte Grenze ist, verändert sich. Sie lebt. An seinen Rändern taut der eingefrorene Konflikt an und lässt die Grenze wandern. Den Hügel bei Jariascheni entlang. "Die Grenzlinie wird seit 2008 dauernd hin- und hergeschoben", sagt Verteidigungsministerin Chidascheli, "wie Russland es will. Meistens nach vorn". Ziel sei es zu zeigen: Wir sind noch da, Leute, und ihr könnt gar nichts tun.

Dass es solche Verschiebungen gibt, bestätigen die EU-Beobachter. Manchmal kämen auch georgische Aktivisten, klauten Schilder und versuchten, die Linie in die andere Richtung zu schubsen. Die EU nennt solche Stellen Hotspots. Waffen kämen nicht zum Einsatz, sagen die Beobachter, erhebliche Territorialgewinne durch die Russen können sie auch nicht feststellen. 

Einwohner des Dorfes Jariascheni erzählen, dass vor ein paar Wochen Bulldozer von südossetischer Seite anrückten und eine Straße planierten, wo vorher Weide war: parallel zur bisherigen Baumlinie, aber mehr als 50 Meter näher an ihrem Dorf. Die neue Straße verläuft mitten durch die Obstplantage neben der Weide, Bäume wurden umgelegt, manche stehen jetzt auf der anderen Seite.  

Elizbar Mestumrischwili © Meike Dülffer/ZEIT ONLINE

Was soll das, fragten die Dorfbewohner die russischen Bulldozerfahrer. Eine Feuerschutzschneise, antworteten die. Das ist auch die offizielle Version, die den EU-Beobachtern mitgeteilt wurde.

"Mir haben die Russen gesagt, es werde eine ganz normale Straße für Lastwagen", sagt Elizbar Mestumrischwili, ein 75-jähriger Hirte. Was allen klar ist: Die Straße ist die neue Grenze. Mit einem Hirtenstab treibt Mestrumrischwili zwei Kühen von links nach rechts, aber jetzt muss er die Tiere davon abhalten, die neue Straße zu überqueren, erzählt er. Er sei schließlich Georgier und wohne auf dem von Tbilissi kontrollierten Territorium. "Trotzdem ist Russland meine zweite Heimat", sagt er. Er fühle sich von den Russen gut beschützt. Der Krieg sei ja auch vorbei.

Attraktiv sein, um Russland nicht den Vortritt zu lassen

Ein Obstbauer kommt, um zu widersprechen. "Ich habe schon früher anderthalb Hektar Land an die andere Seite verloren", schimpft Dawit Gokiaschwili, ein 43-Jähriger. Vor zwei Jahren wurde er in Südossetien festgehalten, weil er dort erntete. "Jetzt kommen wir an noch mehr Obstbäume nicht mehr ran." Wer auf der anderen Seite erwischt wird, wird verhaftet, muss Strafe zahlen, im Wiederholungsfall drohen mehrere Monate Gefängnis.

Dass Aktivisten aus Tbilissi auf die frisch planierte Straße gleich neue Bäumchen gepflanzt haben, finden die Dorfbewohner allerdings nicht hilfreich. Sie haben Angst, dass Russland böse wird. Gestern war die Grenzlinie an der Baumreihe, sagen sie, jetzt an der neuen Straße, und morgen?

Dawit Gokiaschwili © Meike Dülffer/ZEIT ONLINE

Das Problem, das will Obstbauer Gokiaschwili unbedingt noch sagen, seien nie die Südosseten gewesen. Sie waren eine ethnische Minderheit in dem Gebiet, in dem bis zum Krieg 2008 auch viele ethnische Georgier lebten. Früher habe man in guter Nachbarschaft gelebt, Kapellen auf dem Hügel besucht, die jetzt unerreichbar sind, und sich gegenseitig eingeladen, sagt Gokiaschwili. "Das Problem hat angefangen, als sich die Russen eingemischt haben."

Schleichende Annexion

Für Russland sind Südossetien und Abchasien eine Möglichkeit zu verhindern, dass Georgien EU- und Nato-Mitglied wird. Keine Gewalt über das eigene Territorium, ungelöste Konflikte – das reicht aus, damit Bündnismitglieder die Aufnahme aus formalen Gründen ablehnen können. Und so versucht Russland, die Gebiete enger an die Russische Föderation anzubinden. Gern hätte es sie in der Eurasischen Union. Südossetiens Anführer Leonid Tibilow, der von Russland Präsident genannt wird, hat kürzlich erneut angekündigt, dass es ein Referendum über den Anschluss Südossetiens an Russland geben wird. Das ist es, was Verteidigungsministerin Chidascheli mit schleichender Annexion meint.

Weil die Georgier dem nicht einfach zusehen wollen, eine militärische Lösung nicht mehr infrage kommt und sie die eingefrorenen Konflikte trotzdem blockieren, versuchen sie nun, für die Abchasen und Osseten attraktiver zu sein als Russland. Sie werben um sie. In den abtrünnigen Gebieten haben viele mittlerweile russische Pässe und können damit ohne Visum nach Georgien reisen. Die georgische Regierung bezahlt es, wenn sie sich dort im Krankenhaus behandeln lassen. Attraktiv für viele, weil die Gesundheitsversorgung in Abchasien und Südossetien viel schlechter ist.

Zu lange habe man für alles Übel Russland verantwortlich gemacht, erklärt Premierminister Giorgi Kwirikaschwili das und kritisiert damit auch seinen Widersacher, Ex-Präsident Michail Saakaschwili. Das Verhältnis zu den abtrünnigen Völkern sei dabei vernachlässigt worden. "Eines Tages wird Georgien nicht mehr besetzt sein. Bis dahin müssen wir ein gutes Verhältnis zu unseren eigenen Leuten dort aufgebaut haben."

Noch attraktiver könnte Georgien womöglich werden, wenn es das bekommt, was es als nächsten Schritt dringend von der EU erwartet: Visumsfreiheit für den Schengenraum. Das, so die Überlegung, könnte es auch für Abchasen und Osseten erstrebenswert machen, sich wieder georgische Pässe ausstellen zu lassen.

Hinfahren und selbst gucken

"Wir brauchen jetzt mal etwas Anfassbares", sagt Verteidigungsministerin Chidascheli. Die Leute müssten spüren, dass die Westorientierung ihnen etwas bringe, zum Beispiel, dass sie problemlos reisen könnten. Ansonsten profitierten die prorussischen Politiker.

Die argumentieren: EU und Nato werden Georgien niemals aufnehmen. Dieser Weg ist eine Illusion, vergesst es! Russische oder prorussische georgische Medien sekundieren: Europa werde den Georgiern ihre Religion, ihre Seele nehmen; man dürfe seine Kinder in der EU nicht taufen und die Einführung der Homo-Ehe sei mit einem Beitritt obligatorisch. Dinge, die manche in der konservativen georgischen Gesellschaft durchaus skeptisch machen. Da würde es helfen, wenn sie bald einfacher hinfahren und sich dieses Europa selbst ansehen könnten.

Dass die prorussischen Parteien es nicht ins Parlament schaffen, glaubt kaum einer der westorientierten georgischen Politiker. Präsident Margwelaschwili rät zu Gelassenheit. "Das wäre erst einmal ein Zeichen für eine funktionierende Demokratie." Der Konflikt, in dem das Land sich befindet, er wäre dann auch im Parlament offensichtlich. Man könnte das gar als Zeichen von Stabilität deuten.

Offenlegung: Die Reise nach Georgien wurde organisiert vom European Journalism Centre und finanziert von der EU-Kommission (DR-NEAR).