Die italienische Küstenwache hat eigenen Angaben zufolge innerhalb von 24 Stunden 4.000 Migranten aus dem Mittelmeer gerettet. Die 2.154 Menschen hätten sich auf 16 Gummischlauchbooten und einem anderen Boot befunden, hieß es. Bei den 17 Rettungseinsätzen kamen der Küstenwache mehrere Schiffe zu Hilfe, darunter eines der EU-Grenzschutzagentur Frontex.

Die Geretteten hatten den Angaben zufolge in Libyen Schmuggler bezahlt und von dort aus Richtung Italien abgelegt. Jedes der Boote sei mit 100 bis 200 Menschen besetzt und damit überladen gewesen.

Die hohen Zahlen könnten ein erstes Anzeichen dafür sein, dass Flüchtende wieder vermehrt die Seepassage zwischen Nordafrika und Italien nutzen, um nach Europa zu gelangen. Seit die Balkanroute geschlossen wurde, befürchten Beobachter eine solche Verlagerung.

Laut aktuellen Zahlen der UN kamen seit Jahresbeginn bereits 19.900 Flüchtlinge über das Mittelmeer in Italien an. In Griechenland waren es im selben Zeitraum 153.000. Doch mit dem Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei, das seit dem 4. April in Kraft ist, ist eine Verlagerung auf Ausweichrouten immer wahrscheinlicher geworden. So ist die Zahl der neu ankommenden Flüchtlinge in Griechenland seit Inkrafttreten des Paktes deutlich gesunken. Warmes Wetter und ruhige See haben dagegen die Zahl der Flüchtlinge, die den Weg über das Mittelmeer von Libyen nach Italien wagen, wieder wachsen lassen.

Österreich schließt Grenze am Brenner

Auch in Österreich bereitet man sich auf eine Verlagerung der Route vor. Grenzkontrollen und künftig auch Asylschnellverfahren sind zentraler Bestandteil der restriktiven Flüchtlingspolitik des Landes. Zwar kommen derzeit nur wenige Flüchtlinge an, doch Österreich hat mit Bauarbeiten am Brenner begonnen, dem wichtigsten italienisch-österreichischen Grenzübergang. Ab Juni sollen hier Grenzkontrollen durchgeführt werden.

Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) sagte, Österreich werde sich darauf vorbereiten, dass die Route über den Brennerpass künftig ein Brennpunkt der Flüchtlingskrise werden könne. Trotz des nun verstärkten Schutzes der EU-Außengrenze forderte Faymann zusätzliche Maßnahmen: "Das hat uns eine Atempause verschafft, die wir dafür nutzen müssen, nachhaltige und gemeinsame Lösungen in Europa zu finden."

Die EU-Kommission in Brüssel zeigte sich wegen der Bauarbeiten sehr besorgt. "Der Brennerpass ist unabdingbar für die Reisefreiheit in der EU", sagte eine Sprecherin in Brüssel. Für eine Verlagerung der Fluchtroute über Italien gebe es derzeit keine Anzeichen, erklärte sie weiter.

Doch auch die deutsche Regierung stellt sich bereits auf eine mögliche Verlagerung ein. So plant Bundeskanzlerin Angela Merkel ein Abkommen mit der gerade erst vermittelten Übergangsregierung in Libyen. Vorbild solle hier das Abkommen mit der Türkei sein.

Erst vor Kurzem hatte Innenminister Thomas de Maizière (CDU) gesagt, dass er mit einem großen Andrang von Flüchtenden aus Afrika rechne. Die von Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) genannte Zahl von bis zu 200.000 Afrikanern, die von Libyen aus nach Europa übersetzen wollten, hielt er dabei noch "eher für zu niedrig begriffen".