ZEIT ONLINE: Herr Ennser-Jedenastik, der FPÖ-Kandidat Norbert Hofer verdankt seinen Sieg in der ersten Runde der österreichischen Präsidentschaftswahl den Männern: vor allem den Arbeitern und wenig gebildeten. Warum haben die ihn gewählt?

Laurenz Ennser-Jedenastik: Der Hofer-Wahlkampf war ein klassischer FPÖ-Wahlkampf: Österreich zuerst. Die Rhetorik war vielleicht etwas gedämpfter, dem Amt angemessen. Hofer hat sich stark gegen die Regierung und ihre Flüchtlingspolitik gewandt, das hat den Nerv vieler getroffen. Die Ablehnung gegenüber Zuwanderung ist in der Gruppe der gering gebildeten Männer am größten. Und die Politik der FPÖ hat einen gewissen autoritären Habitus, das spricht Männer stärker an.

ZEIT ONLINE: Wie macht sich das bemerkbar?

Ennser-Jedenastik: Es gibt in Österreich einen wachsenden Gendergap bei den Wählern, mehr Männer wählen FPÖ und mehr Frauen Grüne, diesmal gab es noch die unabhängige Kandidatin Griss, die auch viele Stimmen von Frauen bekommen hat. Bei den Jüngeren ist das noch stärker als bei den Älteren.

ZEIT ONLINE: Warum haben die Umfragen vorher den Kandidaten der Grünen, Alexander Van der Bellen, vorn gesehen?

Ennser-Jedenastik: Die letzten veröffentlichten Umfragen waren am Wahltag eine Woche alt. Aus Befragungen des ORF wissen wir aber, dass am Donnerstag vor der Wahl Hofer schon bei 30 Prozent lag. Also hat sich anscheinend in den letzten Tagen vor der Wahl einiges verschoben. Außerdem sind diejenigen, die in den Umfragen Van der Bellen oder Griss gesagt haben, offenbar nicht in dem Maße tatsächlich zur Wahl gegangen, wie die, die Hofer gesagt haben.

ZEIT ONLINE: Warum haben die Volksparteien so schlecht abgeschnitten?

Ennser-Jedenastik: Viele Wähler halten die Bundesregierung in der Flüchtlingsfrage für inkompetent. Außerdem hat Österreich die höchste Arbeitslosigkeit seit Jahrzehnten. Umfragen haben außerdem vorher gezeigt, dass die beiden Regierungskandidaten kaum Aussichten haben, in die Stichwahl zu kommen. Einige Wähler haben deshalb strategisch gewählt.

ZEIT ONLINE: Wie wird die Stichwahl ausgehen?

Ennser-Jedenastik: Van der Bellen ist sicher nicht der Favorit. Er braucht von den verbliebenen Stimmen noch zwei Drittel, Hofer nur ein Drittel zum Sieg.  Aber es wird auch von der Wahlbeteiligung abhängen. Von der ÖVP werden mehr Stimmen zu Hofer gehen und von der SPÖ mehr Stimmen zu Van der Bellen, das wird sich in etwa die Waage halten. Entscheidend ist, wie viele Griss-Anhänger Van der Bellen mobilisieren wird.

ZEIT ONLINE: Wem werden die Wähler von Frau Griss ihre Stimme geben?

Ennser-Jedenastik: Das ist eine heterogene Gruppe, die wird sich auf beide Lager verteilen. Wahrscheinlich gibt es leichte Vorteile für Van der Bellen. Ich habe Daten gesehen, die sagen 60 Prozent tendieren zu ihm, und 40 zu Hofer. Aber darauf kann man sich nicht verlassen. Und Van der Bellen bräuchte mindestens 70 Prozent der Stimmen der Griss-Wähler, um zu gewinnen. 

ZEIT ONLINE: Ist nicht auch denkbar, dass FPÖ-Wähler nur im ersten Wahlgang der Regierung einen Denkzettel verpassen wollten, ihn aber nicht wirklich als Präsidenten haben wollen?

Ennser-Jedenastik: Ich glaube nicht. Natürlich spielt Protest eine Rolle. Aber die Leute, die so unzufrieden mit der Bundesregierung sind und FPÖ wählen, für die ist Van der Bellen keine Option.