Noch nie sei das Rennen um die Hofburg, den Amtssitz des Bundespräsidenten, so offen und die Kandidaten in ihrer Art so vielfältig gewesen wie dieses Mal, schreibt die Wiener Zeitung. Rund 6,4 Millionen Österreicher ab 16 Jahren sind aufgefordert, an diesem Sonntag ihre Stimme abzugeben. Die Wahl des Bundespräsidenten gilt als Stimmungstest für die regierende rot-schwarze Koalition aus sozialdemokratischer SPÖ und konservativer ÖVP. Und so wie es aussieht, haben Rudolf Hundstorfer (SPÖ) und Andreas Khol (ÖVP), die Kandidaten der beiden Parteien, kaum Chancen, als Gewinner hervorzugehen.

Insgesamt bewerben sich fünf Männer und eine Frau um die Nachfolge des derzeitigen Bundespräsidenten Heinz Fischer, der nach zwölf Amtsjahren nicht mehr kandidieren darf. Aufgrund der hohen Zahl der Kandidaten wird damit gerechnet, dass eine Stichwahl der beiden Bestplatzierten am 22. Mai nötig sein wird.

Laut Umfragen könnte das Staatsoberhaupt Österreichs erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg nicht einer der beiden Traditionsparteien SPÖ und ÖVP angehören. Der Sozialdemokrat Hundstorfer kam zuletzt nur auf 15, der Konservative Khol auf elf Prozent der Stimmen.

Beste Chancen, in die Stichwahl zu gelangen, dürfte der ehemalige Chef der österreichischen Grünen, Alexander Van der Bellen, haben. Er kam bei den Vorabumfragen auf 24 Prozent. Van der Bellen tritt als unabhängiger Kandidat an, wird aber unterstützt von seiner alten Partei. Er hat auf einen optimistischen, in die Zukunft gerichteten Wahlkampf gesetzt: "Lassen sie uns an Österreich glauben, an Österreichs Kraft, Schwierigkeiten und Krisen zu meistern", sagt er in einer Videobotschaft.

Ebenfalls gute Aussichten, auf einem der ersten Plätze zu landen, hat Norbert Hofer. Der Rechtspopulist kam bei der letzten Umfrage auf 23 Prozent der Stimmen. Er wolle ein Schutzherr für Österreich sein, sagte der FPÖ-Mann während seiner Wahlkampfabschlussveranstaltung auf dem Wiener Stephansplatz. Zuvor hatte Hofer vor allem versucht, über seine restriktive Haltung in der Flüchtlingspolitik Stimmen zu gewinnen. Er kritisierte die Bundesregierung Österreichs sehr harsch und deutete mehrmals an, sie möglicherweise zu entlassen, sollte er zum Präsidenten gewählt werden.

Als Alternative für Protestwähler, denen die FPÖ zu radikal und zu plump ist, gilt Irmgard Griss. Obwohl sie sich im Wahlkampf einige Patzer leistete, etwa durch historisch fragwürdige Aussagen, kam die parteiunabhängige Kandidatin in der jüngsten Umfrage auf 20 Prozent der Stimmen. Die frühere Präsidentin des Obersten Gerichtshofs könnte Wähler durch ihren wenig diplomatischen, unkonventionellen Politikstil überzeugt haben.

Ein grüner Optimist? Ein Rechtspopulist? Oder doch die erste Frau an der Spitze Österreichs? Sehr wahrscheinlich wird sich die Wahl zwischen diesen drei Personen entscheiden. Noch bis 17 Uhr haben die Wahllokale geöffnet.