Quo vadis Nuit debout? Wie geht es weiter mit den "Aufrechten der Nacht"? Sie treffen sich seit dem 31. März auf dem Pariser Platz der Republik, weil "die Politik nicht eine Sache von Profis ist, sondern uns alle betrifft". So steht es im Gründungsmanifest von Nuit debout. Die spontane, kapitalismuskritische Protestbewegung ist jetzt über zwei Wochen alt. Sie ist vor allem basisdemokratisch, deshalb will sie Abstand zu Parteien und Organisationen wahren. Zudem gibt sie sich bewusst keine eigenen Strukturen. Stattdessen halten ihre Vertreter jeden Abend um 18 Uhr vor Tausenden von Menschen in Paris eine Generalversammlung ab, bei der jeder zu Wort kommen kann. 

Inzwischen gibt es Nuit-debout-Versammlungen in Dutzenden weiterer Städte Frankreichs. Auch in Deutschland, Spanien, Holland und Belgien hat die Bewegung Ableger. Meist dauern die Generalversammlungen am Abend drei bis vier Stunden, in Paris folgt dann oft noch ein Konzert. Die Bewegung hat ihre eigene Zeitrechnung: Am Wochenende zählt sie den 47. und 48. März, weil Nuit deboutam 31. März gegründet wurde. Und doch: Wie lange der Protestmärz noch anhalten wird, weiß heute niemand.

In Paris kämpft die Bewegung gleich an mehreren Fronten um ihr Überleben. Schon hat sie – mehr zu ihrem Nach- als zu ihrem Vorteil – die Fernsehstudios erobert. Als Präsident François Hollande diese Woche ein zweistündiges Interview im Fernsehen gab, durfte der Vertreter von Nuit debout nicht fehlen. Er stellte dem Staatschef kritische Fragen. Doch Hollande wich blendend aus. Da die Bewegung besonders viele Schüler, Studenten und Lehrer anzieht, die in Frankreich traditionell zur linken Wählerschaft der regierenden Sozialisten zählen, wollte sich der Präsident mit dem Protestvertreter nicht streiten. "Besser die Jugend demonstriert laut für eine bessere Welt, als dass sie leise zur Wahl geht und die Rechtsextremen wählt", sagte ein Berater Hollandes.

Frankreich - Neue Bewegung demonstriert jede Nacht Jede Nacht besetzen Tausende Aktivisten die Place de la République in Paris. Was steckt hinter der Bewegung Nuit debout?

Auf dem Platz der Republik kam das gar nicht gut an. Noch am Tag zuvor hatte man einen Beschluss auf der Generalversammlung gefasst, dass sich niemand im Fernsehen als Sprecher der Bewegung ausgeben dürfe. Es sah dann aber doch so aus. Und Hollande erweckte erfolgreich den Eindruck, als störe ihn der Protest nicht. Später war klar, dass die Bewegung an diesem Fernsehabend viel Zuspruch verloren hatte.

Angst vor Öko-Demonstranten

Der droht auch am Gerangel mit der Polizei zu leiden. In der nun allabendlichen Happening-Atmosphäre bleibt es nicht aus, dass sich Besoffene und Randalierer unter das sonst eher brave, bürgerliche Pariser Publikum mischen. Sie suchen dann, vor allem später am Abend, Streit mit der Polizei. Die aber wartet nur auf einen Vorwand, zum Beispiel zerbrochene Fensterscheiben, um den Platz in der Nacht räumen zu können. Zwar blieben größere Straßenkämpfe bisher aus, doch fürchtet Nuit debout in Paris nun die Ankunft der sogenannten Zadistes aus der Provinz. Das sind Gruppen militanter Öko-Demonstranten, die in Frankreich oft über Jahre gegen staatliche Großprojekte wie Staudämme oder Flughäfen kämpfen und dabei den Streit mit der Polizei pflegen. Die Zadistes würden natürlich überhaupt nicht in die guten Pariser Demonstrationskreise passen, die bisher noch den Platz der Republik füllen. Und sie könnten viele potenzielle Zuläufer abschrecken.

Wichtigster Schlüssel zum weiteren Erfolg von Nuit debout aber ist nach Meinung politischer Beobachter die Bündnispolitik der Bewegung. Schafft sie es, über den eigenen, eher intellektuellen Kreis hinaus, breitere Schichten aus den Vorstädten und der einfacheren Bevölkerung anzuziehen? Bisher kamen an den Wochenenden an die 20.000 Besucher. Doch man sah kaum Arbeiter und Leute mit Migrationshintergrund. Werden sich die Organisatoren der Generalversammlungen also doch entscheiden, bewusst Gewerkschaftsvertreter einzubinden? Oder widerspricht das dem Prinzip von Unabhängigkeit und Spontaneität von Nuit debout? Gleichwohl muss die Bewegung weiterwachsen, sonst läuft sie Gefahr ihren Schwung zu verlieren.

Viele Redner auf den Generalversammlungen von Nuit debout sprechen bereits heute vom Generalstreik. Immer wieder taucht er in ihren Reden als Forderung auf, als sei er die große, alles entscheidende Waffe in ihrem Kampf gegen den Kapitalismus. Das liegt nicht zuletzt an der immer noch allgegenwärtigen Erinnerung an den Mai 1968, als Proteste der Studenten tatsächlich zum Generalstreik in Frankreich führten. Doch davon ist Nuit debout heute weit entfernt. Eher sieht es so aus, als bliebe das linke Studenten- und Lehrermilieu unter sich. Allerdings war auch das Wetter bisher denkbar schlecht. Die Bewegung könnte sich verändern, wenn in Paris eine Woche lang die Sonne scheint.