"Sie haben einen beeindruckenden Präsidenten", sagt Sigmar Gabriel. Gemeint ist Abdel Fattah al-Sissi, der Ex-General, der Ägypten mit harter Hand regiert und erbarmungslos gegen Regimekritiker vorgeht. Es ist der Abschluss der Pressekonferenz mit deutschen und ägyptischen Journalisten, der im Gedächtnis bleiben wird. Die Wertung des deutschen Wirtschaftsministers geht bewusst an die anwesenden Zuhörer aus Ägypten. Die sind sichtlich erfreut. "Beeindruckend": Damit tritt Gabriel womöglich eine Lawine los, deren Wirkung er unterschätzt. Al-Sissi, das sagen viele Beobachter, wird das Zitat des Ministers nutzen, auch gegen seine Gegner.

Dabei hat Gabriel die prekäre Menschenrechtslage im Land am Nil durchaus offen angesprochen. Und über die stotternde Wirtschaftsentwicklung haben Minister und Präsident gesprochen, auch über die Perspektivlosigkeit der großen jungen Bevölkerung in Ägypten. "Die Stabilität in Europa hängt mit der Stabilität in Ägypten zusammen", lässt Gabriel die Journalisten wissen. Das Dilemma, zwischen diesem Sicherheitsinteresse und der deutlichen Kritik an der Brutalität des Herrschers manövrieren zu müssen, lässt sich nicht so einfach auflösen. Beides in der Öffentlichkeit mit gleichem Gewicht zu versehen, ist Gabriel jedenfalls nicht gelungen.

Denn trotz der Bemühungen, die Menschenrechte nicht unter den Tisch fallen zu lassen, dürfte bei den ägyptischen, staatsnahen Medien eben doch vor allem der Satz mit dem "beeindruckenden Präsidenten" hängen bleiben. In Berlin stießen die Worte des Ministers auf scharfe Kritik: "Ich weiß nicht, was Herrn Gabriel beeindruckt hat an Präsident Sissi – ist es die Folter, ist es die Unterdrückung, ist es die Zensur, ist es der Umgang mit deutschen Stiftungen?", fragte Grünen-Chef Cem Özdemir im ARD-Morgenmagazin. Er nannte Gabriels Satz eine Unterwerfungsgeste. In jedem Fall ist es ein Geschenk vor laufenden Kameras für das Regime Al-Sissis, der seit seinem Machtantritt immer wieder betont hat, dass für ihn die Sicherheit über der Achtung von Menschenrechten steht.

Menschenrechtslage bereitet Gabriel Sorgen

Sind die Kameras aus, dann bestätigen Experten der Bundesregierung: Die Sorge um Ägypten ist groß. Al-Sissi, seit zwei Jahren an der Macht, mauert sich ein. Zuletzt hat Italien den Botschafter aus Kairo zurückgerufen. Ein italienischer Doktorand war in Kairo bestialisch ermordet worden, er soll Kontakte zu kritischen Gewerkschaftern unterhalten haben. Für westliche Diplomaten und ägyptische Menschenrechtler stehen ägyptische Geheimdienstler im Verdacht, ihn zu Tode gefoltert zu haben. Sie glauben, das Regime versuche nun mit allen Mitteln, die Tat zu vertuschen – das Vertrauen in die ägyptischen Ermittlungen ist gering.

Sigmar Gabriel kennt den Fall, aus seinem Umkreis ist zu hören, dass er das Thema angesprochen hat beim Präsidenten. Wie deutlich, darüber lässt sich nur spekulieren. Doch noch in Berlin empfing Gabriel Vertreter etwa von Amnesty International, um sich über die aktuelle Lage zu informieren: "Ich habe große Sorge über die verschlechterte Menschrechtslage in Ägypten. Und natürlich werde ich auch die mitreisenden Wirtschaftsvertreter ermutigen, das bei ihren Kontakten anzusprechen", meinte er danach.

Der U-Boot-Deal geht in Ordnung

Aber Gabriel macht eben auch klar: Er ist Wirtschafts- und nicht Außenminister. 100 Unternehmensvertreter begleiten den SPD-Vorsitzenden auf seinem zweitägigen Trip an den Nil und dann später auch noch kurz auf dem Weiterflug nach Marokko. Anlagenbauer, Energieexperten, Rüstungsvertreter, ja auch die. Vier U-Boote hat Ägypten bei Thyssen-Krupp bestellt. Die Kritik an diesem Geschäft weist Gabriel zurück. "Mit einem U-Boot können Sie schwer Menschenrechtsverletzungen organisieren", also ist der Deal für ihn in Ordnung. So schnell geraten die Sorgen offenbar wieder in den Hintergrund, wenn Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen auf der Agenda stehen.

Al-Sissi macht mit bei der Seeblockade Saudi-Arabiens gegen den Jemen und die schiitischen Huthi-Rebellen – wenn wie geplant zwei der vier deutschen U-Boote schon dieses Jahr ausgeliefert werden, können sie dabei helfen. Das brachte noch in Berlin die Linkspartei gegen die Gabriel-Reise auf: "Ich frage mich, ob Sigmar Gabriel immer noch kein Problem darin sieht, dem Sissi-Regime das Werkzeug für die nächste Seeblockade zu liefern", meinte der Linken-Politiker Jan van Aken. Aber: Deutschland will Ägypten stabilisieren, betrachtet das Land als wichtigen Partner im Antiterrorkampf und entscheidenden Player in der Region. Realpolitik also.

Die betreiben auch andere: Frankreichs Präsident Hollande ist ebenfalls in Kairo, überall in der Stadt hängen Willkommensplakate, die Hollande mit Al-Sissi zeigen. "Er ist mit vier Flugzeugen gekommen, ich nur mit einem. Aber ich habe mehr Wirtschaftsvertreter dabei", scherzt Gabriel. Nur um noch einmal deutlich zu machen, weshalb er hier ist. Die Menschenrechte hat der Minister nicht vergessen, aber es geht am Ende eben doch ums Geschäft.