Der türkische Parlamentspräsident İsmail Kahraman will eine islamische Verfassung für die Türkei. "Wir sind ein muslimisches Land. Deshalb brauchen wir eine religiöse Verfassung", sagte der Politiker der regierenden AKP bei einer Konferenz in Istanbul. Säkularismus dürfe in der neuen Verfassung keine Rolle mehr spielen. "Warum sollten wir uns als muslimisches Land von der Religion distanzieren?", wird Kahraman von mehreren türkischen Medien zitiert.

Widerspruch kommt von der größten Oppositionspartei, der weltlichen Republikanischen Volkspartei (CHP). "Säkularismus ist das Grundprinzip des sozialen Friedens", twitterte CHP-Chef Kemal Kılıçdaroğlu. Säkularismus stelle sicher, dass jeder religiöse Freiheit genieße, kritisierte er den Parlamentspräsidenten, der federführend bei der Ausarbeitung der neuen Verfassung ist.

AKP-Chef und Präsident Recep Tayyip Erdoğan plant bereits seit Längerem eine Änderung der Verfassung. Der Staatschef will aus der Parlaments- eine Präsidialdemokratie machen. Zwar hat seine Partei im Parlament die absolute Mehrheit, dennoch fehlt ihr die für eine Änderung der Verfassung erforderliche Mehrheit. Die Oppositionsparteien lehnen eine Verfassungsänderung ab. Weitere Befugnisse, so befürchten sie, würden dafür sorgen, dass der zunehmend autokratisch regierende Präsident immer weiter in eine autoritäre Herrschaft abgleiten würde.

1928 hatte die Türkei ihre ursprüngliche Verfassung geändert und den Islam als Staatsreligion gestrichen. Historiker betrachten diesen Schritt als Grundstein für die moderne, demokratische und säkulare Türkei. Die derzeitige Verfassung enthält keine Staatsreligion und beruft sich auch nicht auf Allah. Das derzeit geltende Prinzip des Laizismus sieht stattdessen eine strikte Trennung zwischen Religion und Staat sowie Religions- und Kultfreiheit vor. In der Praxis kontrolliert jedoch eine staatliche Behörde für Religiöse Angelegenheiten alle Aktivitäten, die mit dem Islam in Verbindung stehen.

Die meisten Türken sind sunnitische Muslime, dazu kommen etwa 20 Prozent Aleviten. Außerdem leben in der Türkei etwa 100.000 Christen und 17.000 Juden.