So recht weiß Wolodymyr Hrojsman noch nicht, wohin mit seinen Händen. Erst formt er seine Finger zu einer Aufzählung, dann fuchtelt er herum, hebt seine rechte Hand, wie zum Nachdruck. "Die neue Koalition soll die Situation in der Ukraine stabilisieren und die begonnenen Reformen fortsetzen", sagt Hrojsman. Er ist gezeichnet von einem Verhandlungsmarathon, der die halbe Nacht angedauert hat. Das Urteil der Online-Community kennt freilich kein Pardon. Knapp 26.000 Aufrufe hat das Video auf Facebook, aber nur 500 Likes. "Reformen fortsetzen? Von welchen Reformen sprechen Sie denn?" ist noch einer der freundlichen Kommentare unter dem Video.

Bereits am morgigen Donnerstag soll Wolodymyr Hrojsman als neuer Premier der Ukraine im Parlament bestätigt werden. Nach einem gescheiterten Misstrauensantrag gegen Premier Arseni Jazenjuk wird in Kiew seit Wochen um eine neue Koalition gerungen. Am Sonntag reichte Jazenjuk seinen Rücktritt ein, will aber mit seiner Partei Volksfront in einer Zweierkoalition mit dem Block Petro Poroschenko (BPP) bleiben. Am heutigen Mittwoch einigte sich die Koalition auf Hrojsman als seinen Nachfolger. Die Abstimmung im Parlament steht allerdings noch aus, dort hat die Koalition nach derzeitigem Stand nur eine hauchdünne Mehrheit von 226 Stimmen. 

Hrojsman, der als Vertrauter des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko gilt, wird einer der jüngsten Ministerpräsidenten der Ukraine sein. Doch trotz seiner 38 Jahre ist Hrojsman kein politisch unbeschriebenes Blatt. Der Vorwurf: zu nahe am alten System, zu nahe am Präsidenten. Der dreifache Familienvater war acht Jahre lang Bürgermeister der Stadt Winnyzja und gilt als politischer Zögling des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko. In Winnyzja, einer 370.000-Einwohner-Stadt südwestlich von Kiew steht die Fabrik seines Süßwarenkonzerns Roshen, von hier zog Poroschenko 1998 selbst mit einem Direktmandat in das ukrainische Parlament ein. So, wie auch Poroschenkos Sohn bei den Parlamentswahlen 2014. Der Clan von Winnyzja sei somit um keinen Deut besser, als der Clan von Donezk um den geflohenen Präsidenten Viktor Janukowitsch, sagen Kritiker.  

Mit 24 Jahren Abgeordneter

Hrojsmans Karriere verlief bisher steil. Glaubt man der Familienchronik, leitete er bereits mit 16 Jahren einen elterlichen Betrieb in Winnyzja. Mit 24 Jahren wurde er als jüngster Abgeordneter in den Stadtrat gewählt. Vier Jahre später folgte das Bürgermeisteramt. "Wir wollen eine europäische Stadt sein", sagte Hrojsman damals in einem Interview. "Dahinter steckt aber mehr als nur ein Name oder saubere Straßen." Mit dem Zukauf moderner Straßenbahnen aus Zürich, kostenlosem Internet im öffentlichen Verkehr und Projekten für Energieeffizienz machte sich Hrojsman einen Namen als Reformer. Nach seiner ersten Amtszeit wurde er mit knapp 78 Prozent wiedergewählt. 2013 wurde Winnyzja zur Stadt mit der besten Lebensqualität in der Ukraine gewählt.

Kaum hatte sich der Rauch am Maidan verzogen, wurde er in Kiew mit wichtigen Agenden betraut: Zuerst als Minister für Regionalentwicklung, Bau und kommunales Wohnen (Februar bis Dezember 2014), danach als Präsident des Parlaments. Er leitet die parlamentarische Untersuchungskommission zum abgeschossenen Flugzeug MH17, kümmerte sich um die Versorgung von Binnenflüchtlingen sowie die Dezentralisierung – keine klassischen Anfängerthemen. Bereits bei den Parlamentswahlen 2014 wurde Hrojsman, auf dem vierten Listenplatz des Block Petro Poroschenko gereiht, als Poroschenkos Wunschkandidat und sicherer nächster Premier gehandelt. Mit dem überraschenden Wahlerfolg der neu gegründeten Partei Volksfront hatten Hrojsman und Poroschenko jedoch gegenüber Arseni Jazenjuk das Nachsehen.

Das ist für Hrojsman Fluch und Segen zugleich: seine Nähe zum Präsidenten. "Ich werde nicht für Hrojsman stimmen, weil ich nicht glaube, dass er der richtige Reformer für diese Situation ist, weil er dem Präsidenten zu nahe steht", sagte der ehemalige Journalist Serhij Leschtschenko, der selbst für den BPP im Parlament sitzt, in einem TV-Interview. Doch der Frust über fehlende Reformen werde sich nicht wie bisher gegen Poroschenkos Gegenspieler Jazenjuk, sondern die Präsidentenpartei und den Präsidenten richten, schreibt der ukrainische Publizist Vitali Portnikov: "Der Präsident und seine Partei setzen damit ihre Popularität für die nächsten Monate aufs Spiel und werden dadurch unfähig sein, Verantwortung für die Zukunft des Landes zu übernehmen."