In der vergangenen Woche schien Hillary Clinton genug zu haben. "Ich bin es so leid. Ich bin die Lügen des Sanders-Lager über mich so leid", blaffte die Kandidatin einen Umweltaktivisten an, der sie nach Spenden aus den Taschen der Ölkonzerne gefragt hatte. Ein Zuschauer filmte den Gefühlsausbruch und das Video machte im Netz die Runde. "Hillary Clinton verliert die Geduld", betitelten die Unterstützer von Bernie Sanders den Clip und reichten ihn genüsslich weiter.

Der Zwischenfall lenkte die Aufmerksamkeit auf eines von Clintons größten Problemen: Zwar hat sie nach der Niederlage in Wisconsin noch immer einen deutlichen Vorsprung vor Sanders, die Nominierung ihrer Partei gilt als nahezu sicher. Doch eine weitere Hürde wartet auf sie: Sie muss die Sanders-Fans überzeugen, im November für sie zu stimmen. Viele von ihnen gehören zu ihren entschiedensten Gegnern.

70.000 US-Amerikaner schwören den "Bernie-or-Bust"-Eid

Erst vor wenigen Tagen gab rund ein Drittel der Sanders-Unterstützer in einer Umfrage an, unter keinen Umständen für Clinton stimmen zu wollen, sollte sie die Nominierung der Demokraten erhalten – egal, wer auf der anderen Seite steht. Fast 70.000 Amerikaner haben inzwischen den sogenannten Bernie-or-Bust-Eid abgelegt: Bernie oder gar nicht. Sollte Bernie Sanders nicht die Nominierung der Demokraten erhalten, wollen sie für Jill Stein, die nahezu unbekannte Kandidatin der grünen Partei, stimmen. "Es ist Zeit, dass wir uns gegen den Rechtsruck in der demokratischen Partei wehren", begründete der linke Radiomoderator Russ Belville in der Huffington Post seinen Bernie-or-Bust-Eid. "Ich habe meine Seele zum letzten Mal an das geringere Übel verkauft", schrieb eine Leserin der New York Times.

Viele Sanders-Wähler halten Clinton für unglaubwürdig und unehrlich; sie sehen in ihr jenes politische Establishment, gegen das es zu rebellieren gilt. "Sanders-Wähler sind Puristen", sagt Steffen Schmidt von der Iowa State University. Clinton habe für sie mit ihren angeblichen Verbindungen zur Wall Street, sechsstelligen Redehonoraren, den anhaltenden Skandalen und wechselnden Ansichten ihre Wählbarkeit verspielt.

Zu den Republikanern überlaufen?

Manche bringt die Abneigung gegenüber Clinton so weit, dass sie darüber nachdenken, das Lager ganz zu wechseln. Schauspielerin Susan Sarandon, eine offene Sanders-Unterstützerin, sorgte in einem Fernsehinterview für Erstaunen, als sie andeutete, möglicherweise eher für Trump als für Clinton zu stimmen. "Viele glauben, dass unter ihm die Dinge explodieren werden", erklärte Sarandon im Interview mit MSNBC. Das eingefleischte Sanders-Lager hofft auf die Revolution, so oder so. "Viele junge Wähler sind weniger an eine Partei gebunden als ältere Wähler", erklärt Matt Grossmann, Politikwissenschaftler an der Michigan State University.

Zahlreiche Kolumnisten im Land fühlten sich in den vergangenen Tagen genötigt, auf die Gefahr für Clinton und die Demokraten hinzuweisen und die Sanders-Wähler zur Vernunft zu rufen. "Die Bernie-Unterstützer könnten die Wahlen vergeigen", schrieb das Magazin Salon. Die Huffington Post sprach vom "größten Albtraum der Demokraten". Niemand, der irgendeiner Minderheit im Land angehöre, könne sich den Luxus erlauben, mit diesem Gedanken zu spielen, schrieb die New York Times. Die Position der Bernie-or-Bust-Leute sei gefährlich, kurzsichtig und selbstzerstörerisch.

Tatsächlich könnte eine Protestwahl der Sanders-Fans Trump in die Hände spielen. Seit 1984 hat kein Kandidat die Präsidentschaft mit einem Vorsprung von mehr als zehn Prozentpunkten gewonnen. Ob die Basis mobilisiert wird oder nicht, entscheidet über Sieg oder Niederlage. Beobachter ziehen als Beispiel den Wahlkampf im Jahr 2000 heran. Viele Demokraten erklärten damals, Al Gore unterscheide sich kaum von seinem republikanischen Rivalen George W. Bush. Aus Protest gaben sie ihre Stimme nicht dem Demokraten, sondern dem grünen Kandidaten Ralph Nader. "Und was haben wir bekommen? Zwei sehr junge, sehr konservative Richter am Obersten Gerichtshof und zwei Kriege, die über ein Jahrzehnt angedauert haben", wetterte Kolumnist Charles M. Blow in der Times.

Clinton und Sanders sind sich politisch näher als es scheint

Politikbeobachter weisen darauf hin, dass die Unterschiede zwischen Clinton und Sanders auf dem Papier gering sind. In den zwei Jahren, in denen beide zusammen im Senat saßen, stimmten sie in 93 Prozent aller Fälle gleich ab. Allerdings: Unter den wenigen Abweichungen waren wichtige Entscheidungen wie der Irak-Einsatz, eine Reform der Einwanderungsgesetze und die Rettung der großen Banken in der Finanzkrise – Themen, die den Sanders-Wählern am Herzen liegen. Am Ende könnte Sanders selbst eine entscheidende Rolle dabei spielen, bei seinen Wählern für Clinton zu werben, sollte sie die Nominierung erhalten. An ihrem schlimmsten Tag, sagte Sanders bereits im Februar, sei Hillary Clinton "eine unendlich bessere Kandidatin als jeder Republikaner an seinem besten Tag".

Dass die Bernie-Fans letztlich im großen Stil zu Hause bleiben könnten, halten die Experten für unwahrscheinlich. "Normalerweise finden sie am Ende zurück zu ihrer Partei", sagt Matt Grossmann. Als Beispiel dient den Optimisten ausgerechnet 2008. Ein Großteil der eingefleischten Clinton-Unterstützer hatte damals in den Vorwahlen erklärt, im November zu Hause zu bleiben, sollte Barack Obama die Nominierung erhalten. Am Ende kippten die selbst ernannten Pumas – ein Akronym, das soviel hieß wie "Die Parteizugehörigkeit kann mich mal" – angesichts der Alternative auf der republikanischen Seite dann doch: Neun von zehn Demokraten stimmten am Wahltag für Obama.