Bernie Sanders hat keine Chance gegen Hillary Clinton. Der 74-jährige Senator aus Vermont, der den Wahlkampf der US-Demokraten in den vergangenen Monaten auf den Kopf gestellt hat, wird nicht der Kandidat seiner Partei für das Präsidentenamt. Er weiß das, vermutlich schon länger, vielleicht von Anfang an.

Nach jeder neuen Runde der Vorwahlen hat man es ihm haarklein vorgerechnet. Nicht erst seit dieser Woche bräuchte es schon ein Wunder, um am Ende die Mehrheit der Delegierten zusammenzubringen, die im Juli den Gegner für den republikanischen Bewerber küren wird. Das Bollwerk des Establishments ist einfach zu massiv. Repräsentiert wird dieser harte Kern der Partei vor allem von den mehr als 700 Superdelegierten, die eben nicht an das Wählervotum in den einzelnen Bundesstaaten gebunden sind, sondern beim Parteitag frei entscheiden können, wen sie unterstützen: Fast alle wollen sich auf Clintons Seite schlagen.

Die jüngsten Niederlagen – am Dienstag verlor Sanders vier von fünf Staaten an Clinton – werfen nach dem üblichen Muster des Wahlkampfs die Frage auf: Wann steigt der beharrliche Konkurrent der früheren Außenministerin aus? Sie liegt doch inzwischen so uneinholbar vorn, dass es an der Zeit wäre, das kraftraubende parteiinterne Duell um die Kandidatur einzustellen. Damit sich endlich alle Demokraten hinter Clinton versammeln können, um ihre Chancen für den Einzug ins Weiße Haus zu erhöhen. Oder andersherum: Wenn Sanders weitermacht, bremst er sie doch nur aus auf dem Weg ins Weiße Haus, der noch so lang ist, und auf dem voraussichtlich der populistische Rüpelrepublikaner Donald Trump kein kleines Hindernis sein wird. Was also soll das?

Noch einmal: Sanders weiß das alles. Und dennoch denkt er nicht ans Aufhören. Das ist erst einmal konsequent. Denn dem schrulligen Senator, der sich einen demokratischen Sozialisten nennt, liegt nichts ferner, als sich aus bloßer Parteiräson ins Glied zu stellen. Oder sich womöglich noch ins Team eben jener Frau einzureihen, die so sehr verkörpert, was er verabscheut: elitär, kapitalistisch und abgehoben vom Alltag der kleinen Leute. Vor seiner Kandidatur war Sanders der demokratischen Fraktion nur als unabhängiger Senator angeschlossen, es gab auch Gerüchte, er könne der Partei wieder ganz den Rücken kehren, wenn er die Nominierung nicht gewinnt, und allein antreten. Doch mittlerweile ist klar: Er hat ganz anderes im Sinn.

Plan B sieht ungefähr so aus: Die politische Revolution muss weitergehen. Sanders hat es geschafft, eine Bewegung hinter sich zu versammeln, insbesondere junge Menschen in großer Zahl zu regelrechter Euphorie zu animieren. Getragen wurden seine unwahrscheinlichen Erfolge von einem Heer freiwilliger Helfer und unzähligen vergleichsweise kleinen Privatspenden statt den üblichen mächtigen Überweisungen von Konzernen, Lobbygruppen und Milliardären. Zehntausende seiner Anhänger haben sich geschworen: Bernie or bust – sie wollen ihn und sonst niemanden; Clinton ihre Stimme zu geben, käme für sie einem Verrat gleich. Für die demokratische Partei hat damit längst eine tiefgreifende Veränderung begonnen – und Sanders wird nicht nachlassen.

Kein Wort verlor der Senator in seinem Statement nach den Vorwahlen am Dienstag über die nahezu unmöglich gewordene Nominierung. Sein Blick auf den Parteitag ist ganz darauf gerichtet, das Erbe seiner Kampagne zu sichern. Der Konkurrentin gratulierte Sanders, er freue sich, wenn sich der Wahlkampf bei den ausstehenden 14 Abstimmungen nun auf die Themen konzentriere. Und dann der Hinweis, warum er bis zum Ende im Rennen bleiben werde: "Die Menschen in jedem Staat dieses Landes sollten das Recht haben zu bestimmen, wen sie als Präsidenten haben wollen, und was die Agenda der demokratischen Partei sein soll." Als Ziel (das er bereits seit einiger Zeit hinter den Kulissen verfolgt) gab Sanders aus, mit möglichst vielen Delegierten zum Parteitag zu fahren, "um für ein progressives Parteiprogramm zu kämpfen, das einen Mindestlohn von 15 Dollar pro Stunde fordert, ein Ende der desaströsen Handelspolitik, eine Krankenversicherung für alle, die Zerschlagung der Finanzinstitute der Wall Street, das Ende des Frackings in unserem Land, gebührenfreie öffentliche Colleges und Universitäten und eine CO2-Steuer, damit wir dem Klimawandel als Krise des Planeten effektiv begegnen können".

Mit diesen Forderungen hat Sanders Massen mobilisiert. Ob dahinter auf Dauer eine strukturelle Mehrheit für solche in den USA fast radikalen Positionen entsteht, oder ob es doch nur die Person des 74-Jährigen ist, die seine Anhänger zusammenhält – beides ist möglich. Derzeit aber muss sich vor allem Hillary Clinton darüber Gedanken machen, wie sie damit umgeht. Sanders hat es so weit gebracht, weil er das Gefühl der abgehängten Mittelschicht, vielleicht einer ganzen Generation trifft, für die der amerikanische Traum tot ist (ja, Trump schafft das auf eine andere Art auch). Die wahrscheinliche Präsidentschaftskandidatin der Demokraten hat genau dort eine Leerstelle, die ihr sehr bewusst ist. Wenn sie sich bei Sanders bedankt, er habe im Wahlkampf wichtige Themen in den Fokus geholt, und die beiden eine doch mehr, als sie trenne, ist es letztlich das Eingeständnis: Du hast mich dazu gezwungen, nach links zu rücken. Und solange Sanders nicht aufgibt, wird auch die Partei keine andere Wahl haben. Das ist seine eigentliche Revolution.