71 Jahre nach dem Abwurf der US-amerikanischen Atombombe über Hiroshima besucht Barack Obama als erster US-Präsident die japanische Stadt. Obama wird nach dem G7-Gipfel im japanischen Ise-Shima in das etwa 400 Kilometer entfernte Hiroshima weiterreisen. Zunächst wird er sich mit Soldaten auf einem US-Truppenstützpunkt treffen, bevor er im Friedenspark von Hiroshima einen Kranz am Mahnmal für die Opfer niederlegen und eine kurze Erklärung abgeben will. Japanischen Medienberichten zufolge werden auch drei Überlebende des Atombombenangriffs anwesend sein.

Er komme in erster Linie, um der Millionen Opfer des Zweiten Weltkrieges zu gedenken und sie zu ehren, sagte Obama in einem schriftlich geführten Interview mit der japanischen Tageszeitung Asahi Shimbun. Begleitet wird er von Japans Ministerpräsident Shinzō Abe. "Hiroshima erinnert uns, dass Krieg, unabhängig von der Ursache und den involvierten Ländern, in gewaltigem Leiden und Verlust resultiert, vor allem für unschuldige Zivilisten", erklärte Obama.

Der US-Präsident hatte zuvor klargemacht, dass er sich für den Atombombenabwurf nicht entschuldigen werde. Er und Abe wollten durch ihren gemeinsamen Besuch "der Welt die Möglichkeit der Aussöhnung zeigen, dass frühere Feinde die stärksten Verbündeten werden können", sagte Obama.

Von den 350.000 Bewohnern Hiroshimas starben durch die Atombombe mehr als 70.000 Menschen sofort; Ende Dezember 1945 lag die Zahl schon bei 140.000. Drei Tage nach dem ersten Abwurf zündeten die Amerikaner über Nagasaki eine zweite Atombombe. Bis Dezember 1945 starben dort etwa 70.000 Menschen. Die genaue Zahl der Toten wird sich nie ermitteln lassen, weil viele erst an den Spätfolgen der radioaktiven Strahlung starben.

Sein Besuch in Hiroshima zusammen mit Abe werde ihre gemeinsame Vision einer Welt ohne Atomwaffen bekräftigen, sagte Obama am Rande des G-7-Gipfels. "Ich will einmal mehr die sehr realen Bedrohungen unterstreichen und eine erhöhte Aufmerksamkeit bei uns allen dafür schaffen", so der US-Präsident. Konkret nannte er Nordkorea als Gefahr.

Kritiker sind jedoch enttäuscht von Obamas eigener atomarer Abrüstungsbilanz. Seine Vision einer Welt ohne Atomwaffen habe bis heute kaum etwas bewirkt, sagte der Nuklearexperte Shannon Kile vom renommierten Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri in einem Interview. "Daraus ist wirklich gar nichts geworden", sagte Kile. "Was wir stattdessen gesehen haben, ist im Grunde ein Triumph des nuklearen Status quo in den Vereinigten Staaten."

Zu Beginn seiner Amtszeit hatte Obama vor sieben Jahren in einer Rede in Prag seine Vision einer atomwaffenfreien Welt verkündet und war unter anderem dafür später mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Die Zahl der Atomsprengköpfe ist zwischen dem Beginn von Obamas Amtszeit 2009 und 2015 weltweit zwar von 23.300 auf 15.850 gesunken – zu Zeiten des Kalten Krieges waren es noch rund 70.000. Zugleich investieren die USA aber massiv in die Modernisierung von Atomwaffen. "Das ist für uns ein großer Schritt zurück", sagte Nuklearexperte Kile.