Einmal pro Woche, meistens montags, zählt Marzia Rango in ihrem Büro am Berliner Gendarmenmarkt die Toten. Rango arbeitet für die Internationale Organisation für Migration (IOM). Seit das erste Mal Flüchtlinge bei schweren Unglücken vor der libyschen Küste ertrunken sind, dokumentiert die Organisation alle Todesfälle im Mittelmeer, die den Behörden gemeldet werden. In diesem Jahr ist die Zahl höher denn je. Bis Ende Mai sind mindestens 2.499 Menschen ertrunken. Das sind wesentlich mehr Tote als  in den ersten fünf Monaten des Jahres 2014, als Italien noch seine Marine und Küstenwache auf See schickte, um Menschen im Rahmen der Mission Mare Nostrum zu retten. Und es sind auch deutlich mehr, als im vergangenen Jahr ertranken, dem bisher tödlichsten im Mittelmeer (siehe Grafik).

Das schlimmste Jahr im Mittelmeer?

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Die gefährlichste Fluchtroute nach Europa führt noch immer von Libyen und Ägypten nach Italien. Rund 300 Kilometer Luftlinie misst der Seeweg von der libyschen Küste bis zur italienischen Insel Lampedusa. Rund 46.000 Menschen wagten in diesem Jahr bislang die Überfahrt auf der sogenannten zentralen Mittelmeerroute. Das sind sogar etwas weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Dennoch starben in dieser Zeit mehr Menschen bei dem Versuch, nach Europa zu gelangen. Und dass, obwohl Hilfsorganisationen Rettungsschiffe ausgesandt haben und auch die EU-Mission Eunavfor Med ihre Einsätze ausgeweitet und schon Tausende Menschen vor dem Ertrinken bewahrt hat.  

Eine Erklärung für die so schnell steigende Totenzahl könnte sein, dass die Schlepper immer marodere Boote für die Überfahrt verwenden und diese mit immer mehr Menschen beladen. Vor allem vom Küstenabschnitt westlich von Tripolis aus starteten in den vergangenen Wochen wieder mehr Schlauchboote und Holzkähne mit häufig bis zu 150 Menschen an Bord Richtung Norden. Immer wieder kommt es vor, dass die Holzboote kentern, sobald ein Rettungsschiff in Sicht ist. Die nahende Rettung sorgt an Bord für Aufregung, viele Passagiere drängen sich auf eine Seite des Schiffes und bringen es so zum Kippen. Bilder eines solchen Unglücks, aufgenommen von der italienischen Küstenwache, gingen vergangene Woche um die Welt

Hagen Kopp, ein Aktivist von Watch the Med, beklagt zudem, dass es in der vergangenen Woche nach dem ersten Notruf vier bis fünf Stunden gedauert habe, bis ein Rettungsschiff am Ort war. Kopp wirft den Verantwortlichen der EU-Mission Eunavfor Med zudem vor, an den entscheidenden Stellen vor der libyschen Küste nicht präsent genug zu sein. Der Aktivist spricht sogar von "unterlassener Hilfsleistung".   

Die tödlichen Fluchtrouten nach Europa. Ein interaktiver Überblick © ZEIT ONLINE

Für die These hingegen, dass die EU durch die Abschottung der Balkanroute mehr Flüchtlinge auf die gefährliche Route zwischen Libyen und Italien zwingt, haben Fachleute bisher keine Belege. Die EU hatte Mitte März mit der Türkei einen Deal geschlossen, mit dem de facto die wichtigste Route nach Europa – die Balkanroute – geschlossen wurde. Das Abkommen mit der Türkei habe bisher "keine sichtbaren Effekte" auf die Situation im zentralen Mittelmeer gehabt, heißt es bei IOM. Noch deutet auch nichts darauf hin, dass mehr Syrer oder Iraker statt über die Balkanroute über das zentrale Mittelmeer reisen. Bis Ende Mai haben lediglich knapp mehr als 30 Syrer die Route nach Italien gewählt.

Das muss allerdings nicht so bleiben. Der Sommer hat gerade erst begonnen.     

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