"Die Zukunft liegt in Afrika", schrieb der Soziologe Trutz von Trotha in der ZEIT. Das war im Jahr 2000 und viele Leser reagierten mit Skepsis. Doch von Trotha war kein Utopist. Entgegen der verbreiteten Annahme, dass Afrika in der Vergangenheit verharre, argumentierte der Siegener Professor, dass der Kontinent ein Laboratorium für neue Gesellschaftsformen sei. Einige der sozialen Phänomene, die sich heute in Afrika beobachten ließen, würden bald auch auf anderen Kontinenten zu sehen sein.   

Eine solche Voraussage war riskant, denn selten treten Ereignisse ein wie prognostiziert. Gesellschaften sind zu komplex und die Instrumente der Soziologie zu stumpf. Doch das, was in Europa als akute Flüchtlingskrise wahrgenommen wird, gibt von Trotha in gewisser Weise recht. Lange Flüchtlingskolonnen, verunsicherte Politiker und neu entstehende Flüchtlingslager, die wir aus der Afrikaberichterstattung der 1980er und 1990er kennen, prägen heute das Bild Europas und seiner Grenzregionen.

Doch zu selten schauen wir über den europäischen Tellerrand hinaus. Wir wundern uns über Zustände, die schon jahrzehntelang den Alltag unserer nichteuropäischen Nachbarn bestimmen. Im Kontext internationaler Fluchtbewegungen ist Europa nur eine Provinz. Es ist einer von vielen Orten, an denen Flucht und Vertreibung historisch deutliche Spuren hinterlassen haben.

Laut der UNHCR Mid-Year Trends 2015 und des IDMC Global Overview 2015 befanden sich 2015 mehr als ein Viertel der weltweit fast 60 Millionen Geflüchteten in Afrika, das entspricht 15,4 Millionen Flüchtlingen und Binnenflüchtlingen. Letztere sind Menschen, die innerhalb ihres eigenen Landes gewaltsam vertrieben wurden. Fast 75 Prozent der Flüchtlinge Afrikas fallen in diese Kategorie. Sie führen meist ein ähnlich prekäres Leben wie Menschen, die auf ihrer Flucht internationale Grenzen überschreiten. Doch steht ihnen rechtlich nicht immer derselbe Schutzstatus zu.

In Afrika versorgt das UNHCR die Flüchtlinge

Es leben derzeit mehr geflüchtete Menschen in Subsahara-Afrika als im Nahen Osten und Nordafrika (14,9 Millionen), in Asien und Ozeanien (8,7 Millionen) oder auf dem amerikanischen Kontinent (7,7 Millionen). Europa ist mit etwa 6,3 Millionen Geflüchteten das Schlusslicht. Es ist Afrika, nicht Europa, das im Zentrum globaler Fluchtbewegungen steht. Wer der globalen Flüchtlingskrise auf die Spur kommen will, darf deshalb nicht nur nach Calais und Idomeni, sondern muss auch nach Dadaab und Goma schauen. 


In Europa werden Flüchtlinge in der Regel von staatlichen Institutionen registriert, verwaltet und versorgt. In Afrika übernehmen meist das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) und seine Partnerorganisationen diese Aufgaben. Das Prinzip ist einfach: Afrikanische Staaten öffnen ihre Grenzen für Flüchtlinge, die internationale Gemeinschaft trägt die Kosten für Unterbringung und Versorgung.

Dies bedeutet auch, dass Afrikas Binnengrenzen für Schutzbedürftige de facto offener sind als der europäische Schengenraum. Doch finanzielle Ressourcen sind ständig knapp und Flüchtlinge werden mitunter in entlegene Massenflüchtlingslager verbannt. Afrika gilt darum heute als "der Kontinent des Flüchtlingslagers". In Europa leben 14 Prozent der registrierten Flüchtlinge in Lagern und Asylunterkünften – in Afrika sind es dagegen 83 Prozent.

Flüchtlingslager gelten unter Experten als mangelhafte Lösung und führen oft zu steigender Gewalt, Krankheiten und eingeschränkter Mobilität. Wer außerhalb solcher Lager lebt, ist dazu meist gänzlich vom Versorgungsnetz und Hilfsgütern abgeschnitten. Metropolen wie Kampala, Nairobi und Daressalam verheißen oft – trotz Marginalisierung und Illegalität – ein selbstständigeres Leben. Doch urbane Flüchtlinge galten bis vor Kurzem für internationale Hilfsorganisationen als nahezu unsichtbar.