In den vergangenen Tagen hat uns die Vergangenheit auf vielfältige Weise eingeholt. Wieder einmal hat sich bestätigt: Die Vergangenheit vergeht nicht, sie wirkt fort, die Missetat der Väter heimsuchend an den Kindern "bis ins dritte und vierte Glied", um es mit der Bibel zu sagen.

Manche Sünden jedoch bleiben unvergessen und unvergesslich. Sie werden zu Ewigkeitslasten, wie es im Bergbau heißt, wo sich die Pumpen auch nach einer Grubenschließung nicht abstellen lassen, weil das aufsteigende Wasser sonst das Trinkwasser vergiften würde.

Ebenso wenig dürfen die Völker die Erinnerung an das Gewesene einfach abschalten, wenn nicht die aufsteigende Amnesie die Politik verseuchen soll.

Die Prozesse, in denen gegenwärtig immer wieder einmal 90-jährige Greise vor Gericht stehen, weil sie im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau bei der Vergasung Hunderttausender Juden Wache standen, erinnern uns an ein Menschheitsverbrechen, das in der Geschichte ohnegleichen ist: den Nazi-Mord an insgesamt sechs Millionen Juden, Sinti und Roma und Homosexuellen. Aber auch andere Völker kommen nicht an ihrer Geschichte vorbei.

Obama in Japan und in Vietnam – die asiatische Pilgerreise des amerikanischen Präsidenten hat die Erinnerung an die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki heraufbeschworen, aber auch die Erinnerung an My Lai, das vietnamesische Dorf, in dem die Task Force Barker binnen vier Stunden 504 Männer, Frauen und Kinder massakrierte, und ebenso an den ganze Landstriche verheerenden Einsatz von Agent Orange, das den Dschungel entlaubte und bis heute noch schwere Gesundheitsschäden und Missbildungen bewirkt.

Auf dem Schlachtfeld von Verdun gedachten der französische Präsident Hollande und die Bundeskanzlerin am Wochenende der Hölle von Verdun, in der vor 60 Jahren 300.000 Soldaten starben. Gleichzeitig tobte die Schlacht an der Somme, in der bis Dezember 1916 rund eine Million Soldaten den Tod fanden, 420.000 Engländer, 420.000 Deutsche und 190.000 Franzosen – ein Triumph der absoluten Sinnlosigkeit und eine unvergängliche Anklage der Feldherren, die diese Schlächterei zu verantworten hatten.

Die Franzosen plagt – und spaltet – der Algerienkrieg bis heute. War der im März 1962 geschlossene Waffenstillstand nach acht Jahren Krieg, in dem 1,5 Millionen französische Soldaten dienten und 27.000 ihr Leben ließen, ein Verrat an den Siedlern und der Armee oder eine unausweichliche Vernunftlösung? Die linke Mehrheit in der Nationalversammlung erhob den 19. März Ende 2012 zum offiziellen Gedenktag. Hollande verteidigte diesen Schritt im Frühjahr: "Die Größe eines Landes bemisst sich an seiner Fähigkeit, sich seiner Geschichte zu stellen. Wer den Krieg der Erinnerung befeuert, der bleibt ein Gefangener der Vergangenheit."

Die Alternative zum Sich-Stellen ist die Verdrängung. Meisterhaft verstehen sich darauf die Chinesen. Exemplarisch dafür ist ihre Haltung zu der großen proletarischen Kulturrevolution, die Mao Zedong vor 50 Jahren vom Zaun brach. Sie stürzte das Land in ein Jahrzehnt des Mob-Terrors, des Vandalismus, der Verfolgung und Demütigung von Millionen Menschen. Zwischen eineinhalb und zwei Millionen Chinesen kamen dabei ums Leben. Doch die Partei hat nicht den Mut, die Geschehnisse in dem Katastrophenjahrzehnt 1966–76 offen auszusprechen. Viele der heute Regierenden waren damals Opfer der Gewalt. Eine Diskussion lassen sie gleichwohl nicht zu. Nur Verdrängung, glauben sie, sichert ihre Macht.

Verdrängung kennzeichnet auch die türkische Position zu dem Massaker an einer Million armenischer Christen in den Jahren 1915/16. Sie starben auf Todesmärschen durch die syrische Wüste oder wurden in Vernichtungslagern von Spezialeinheiten umgebracht. Ob man diesen Gräueln das juristische Etikett "Völkermord" aufklebt oder nicht – an den Tatsachen ändert dies nichts. Die Türken versuchen zwar, sie zu vertuschen, zu entschuldigen ("Armenier waren fünfte Kolonne der Russen") oder ganz zu leugnen ("Dolchstoß in den Rücken der Nation"). Dies ist eine schändliche Haltung. Der heutigen Generation ist zwar selbst keine Schuld anzulasten, aber wenigstens sollte sie Scham empfinden über die Untaten der damaligen Jungtürken.

Wobei ich nicht viel davon halte, dass der Bundestag die Ausrottung der Armenier hochoffiziell als Völkermord bezeichnet. Eine große Mehrheit hat ja schon 2005 einer Resolution zugestimmt, in der es hieß: "Zahlreiche unabhängige Historiker, Parlamente und internationale Organisationen bezeichnen die Vertreibung und Vernichtung als Völkermord." Das sollte eigentlich reichen. Die Bundesregierung hat bislang richtigerweise stets die Auffassung vertreten, man solle die Aufklärung der Fakten den Historikern überlassen. Das ist kein Kuschen vor Erdoğan, sondern die schlichte Anerkennung der Tatsache, dass Parlamente kein historisches Seminar sind.

Wem sonst will der Bundestag denn noch Völkermord vorwerfen? Den Amerikanern wegen der Beinahe-Ausrottung der Indianer? Den Briten wegen jahrhundertelanger Unterdrückung der Iren oder wegen des Rassismus von Cecil Rhodes? Den Spaniern wegen der Zerstörung der Inka- und Aztekenkulturen? Da sollte er doch lieber die deutsche Rolle in der armenischen Tragödie unter die Lupe nehmen lassen, oder die "Hottentotten-Kriege", bei denen 1904–1908 in der Kolonie Deutschsüdwestafrika an die 100.000 Hereros und in Deutsch-Ostafrika 130.000 Maj-Maj-Aufständische ums Leben kamen. Inzwischen hat die Bundesregierung die damaligen Ereignisse als Völkermord anerkannt.

"... die Scheiße kommt dennoch hoch"

Der deutsche Begriff "Vergangenheitsbewältigung" ist ziemlich unübersetzbar; coming to terms with one's history oder assumer/maitriser son passé sind nur unzulängliche Annäherungen. Der Begriff ist auch irreführend. Geschichte lässt sich nicht bewältigen in dem Sinne, dass man sie je ganz los wird. Günter Grass hatte schon recht in seinem Krebsgang: "Die Geschichte (...) ist ein verstopftes Klo. Wir spülen und spülen, die Scheiße kommt dennoch hoch." Und jede Generation wird sich aufs Neue mit den alten Geschichten, der alten Geschichte befassen müssen – bis ins dritte oder vierte Glied oder noch länger.

Die Erinnerung birgt freilich auch Gefahren. "Nur eines ist schlimmer, als die Geschichte nicht zu kennen", sagte mir einmal der frühere belgische Premierminister Leo Tindemans, "nämlich die Geschichte zu kennen." Das war auf einer Reise durch den kriegsgeschüttelten Balkan, wo Slobodan Milošević eine einseitige Version der serbischen Geschichte zur Rechtfertigung seiner kriegerischen Unterdrückungspolitik herangezogen hatte. Der Belgrader Erznationalist bot damit ein abschreckendes Beispiel dafür, dass man Geschichte auch missbrauchen kann. Er war nicht der Erste und wird wohl nicht der Letzte gewesen sein. Die kollektive Erinnerung der Völker und Nationen, manipuliert und machiavellistisch eingesetzt, hat oft genug zum Krieg geführt, nicht zum Frieden, zu Ressentiment statt zur Versöhnung.

Da hilft nur sorgfältige Unterscheidung. Wir müssen das geschichtliche Erbe annehmen, doch nicht, um es zu politischen Zwecken zu instrumentalisieren, sondern um uns vor den Fallgruben der Vergangenheit zu bewahren. Eine gute Richtlinie liefert da vielleicht das russische Sprichwort: "Wer auf den alten Missetaten herumreitet, der verliert ein Auge; wer sie vergisst, verliert beide Augen." Aber auch die Mahnung von Günter Grass gilt weiter: unverdrossen immer wieder spülen, spülen, spülen.