Eigentlich ist Hillary Clinton die Nominierung zur Präsidentschaftskandidatin der Demokraten so gut wie sicher. Doch die unerwartet engen Vorwahlen gegen den vor allem bei jungen Wählern beliebten Bernie Sanders hat die größten Schwachstellen in ihrer Kampagne offengelegt: Clinton ist ohne Frage kompetent und die Mehrzahl der Amerikaner traut ihr den Job als Präsidentin durchaus zu. Es fehlt ihr jedoch an einer zentralen Voraussetzung: an Beliebtheit. Ihre Themen dringen nicht durch, sie erreicht die Wähler nicht. Woran liegt das? 

Clinton, die frühere First Lady und Außenministerin, die seit Jahrzehnten in Washington agiert, steht für das Establishment, für das Strippenziehen, für die ganze bei vielen US-Bürgern verhasste Bundespolitik. Nicht zuletzt deswegen hat sie ihre Wahlkampfzentrale diesmal im jungen, dynamischen Brooklyn aufgebaut – und nicht wie 2008 im Washingtoner Sumpf. Hier, in einem Bürogebäude nahe den Brooklyn Heights, arbeiten etwa 300 Menschen an der Orchestrierung des Wahlkampfes. 

Obamas Kampagnen 2008 und 2012 handelten von Hoffnung und Veränderung – wir erinnern uns an "Change" und "Hope we can believe in". Sein Wahlkampf kam fast einer sozialen Bewegung gleich. Bei Hillary hingegen fühlt es sich so an, als sei das Wahlkampfmotto "Bloß keinen Fehler machen".  Aus einer solchen Haltung ist kaum Inspiration und Begeisterung zu wecken. So reißt man keine Menschen mit, so gewinnt man keine Stimmen.

Die jüngste Umfrage des Pew Research Center zeigt, dass nur 19 Prozent der Amerikaner Vertrauen in die Regierung und in die politische Klasse haben. Diese Zahlen decken sich auch mit meiner persönlichen Wahlkampferfahrung: Bei einem Besuch in Clintons Wahlkampf-Hauptquartier Anfang April habe ich gemeinsam mit anderen Mitarbeitern Wähler in Wisconsin angerufen. Kurz vor der anstehenden Vorwahl wurden eingetragene Anhänger der Demokraten noch einmal daran erinnert, auch wirklich wählen zu gehen und ihre Stimmen Clinton zu geben. Nahezu alle meine Gesprächspartner gaben an, zur Wahl zu gehen, aber für Sanders stimmen zu wollen. Auf meine Nachfrage, warum sie nicht für Clinton stimmen wollten, kam in den meisten Fällen: "We cannot trust her" – wir können ihr nicht vertrauen. 

Hier zeigt sich wieder ihr Problem: Sie wird als Teil des verkrusteten Establishments angesehen. Dazu kommt, dass der Skandal um die Verwendung ihres privaten E-Mail-Accounts als Außenministerin sie nicht loslässt – inzwischen wird gar überprüft, ob sie durch diese Praxis Staatsgeheimnisse verbreitet hat. Auch das schürt eher Misstrauen, und könnte sie womöglich zu Fall bringen, falls Anklage gegen sie erhoben wird.

Natürlich waren die Menschen, mit denen ich sprach, keine repräsentative Auswahl, auffallend war allerdings, dass es sich schwerpunktmäßig um ältere Wähler handelte. Bei den jungen Wählern ist Sanders statistisch gesehen noch beliebter. Hinzu kommt, dass sich die sogenannten Millennials deutlich weniger für Politik und für den Wahlkampf interessieren. Aber es ist gerade diese Wählergruppe, die wahlentscheidend für Clinton werden kann. 

Eine zentrale Frage in den nächsten Wochen wird darin liegen, ob es Hillary gelingt, die Sanders-Unterstützer auf ihre Seite zu ziehen. Sie selbst hat 2008 nach dem Eingeständnis ihrer Niederlage gegen Barack Obama aktiv und überzeugend in ihrem eigenen Lager für Obama geworben. Das ist bei Sanders anders: Da verhärten sich die Fronten mit jedem Tag mehr, den Sanders im Rennen bleibt.

Den jüngsten YouGov-Umfragen nach zu urteilen, stehen 61 Prozent der Sanders-Unterstützer Clinton sehr kritisch gegenüber, allerdings hat sie durchaus Chancen, hier Boden gutzumachen, sobald sie offiziell nominiert ist. Ein zweiter Blick in die YouGov-Daten zeigt, dass zwar 55 Prozent der Sanders-Unterstützung am 8. November für Hillary votieren würden und nur 15 Prozent für Donald Trump. Allerdings ist ein Drittel der Sanders-Unterstützer bislang unentschlossen. Dieser Trend zeigt sich auch in den Exit Polls: Clinton dominiert hier bei den Demokraten, Sanders bei den Unabhängigen.

Das könnte für Clinton entscheidend im Wettstreit gegen Trump werden: Wenn es ihr nicht gelingt, eine große Zahl der Unentschlossenen und der nicht parteipolitisch gebundenen auf ihre Seite zu ziehen, wird es für sie eng werden.

Auch nach der Nominierung bleibt es also aller Wahrscheinlichkeit nach spannend bei den Demokraten. Clinton wird mit ihrer Kampagne zwar wohl nicht mehr ihr Image verbessern können, geschweige denn einen Nerv der Gesellschaft treffen oder wie Obama enthusiastische Wählermassen mobilisieren. Aber im Duell gegen den irrsinnigen Donald Trump könnte sie wenigstens an die Vernunft der Amerikaner appellieren. Und damit womöglich punkten. In Mario Cuomos treffenden Worten: You campaign in poetry, but you govern in prose – Hillary beherrscht die Prosa, aber ihr fehlt die Poesie.