ZEIT ONLINE: Frau Sasson, Sie haben als leitende Staatsanwältin 25 Jahre lang an Israels Oberstem Gerichtshof gedient. Heute fördern Sie als Vorsitzende der Stiftung New Israel Fund Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die dem Staat auf die Finger schauen. Haben Sie die Seiten gewechselt?

Talia Sasson: Im Gegenteil: Ich bin meinen Überzeugungen treu geblieben. Als Staatsanwältin habe ich die Menschenrechte innerhalb des Systems verteidigt, nun engagiere ich mich für das gleiche Anliegen, aber außerhalb der staatlichen Institutionen. Den Anstoß dazu gab ausgerechnet der ehemalige Premierminister Ariel Scharon, ein rechter Hardliner: Scharon beauftragte mich 2005 mit einer Studie über die Finanzierung illegaler Siedlungen in den palästinensischen Gebieten. Ich kam zu dem Ergebnis, dass israelische Ministerien die Siedlungen in großem Stil förderten. Für mich war das der Moment, in dem ich erkannte, wie weitreichend die militärische Besatzung im Westjordanland nicht nur die Menschenrechte der Palästinenser verletzt, sondern auch die Interessen Israels. Die Arbeit mit NGOs war aus meiner Sicht die effektivste Möglichkeit, mich politisch zu engagieren.

ZEIT ONLINE: Die amtierende Regierung ist eine Koalition rechter und nationalistischer Parteien. Mit einem Gesetz will sie NGOs verpflichten, kenntlich zu machen, wenn sie Geld von ausländischen Staaten beziehen. In erster Lesung hat das Parlament dem Gesetz bereits zugestimmt, die endgültige Verabschiedung steht noch aus. In Israel wird darüber hitzig debattiert. Was macht das NGO-Gesetz so brisant?

Sasson: Die Regierung behauptet, so ein Gesetz würde die NGOs transparenter machen. Doch ihre Argumente sind nicht stichhaltig. Organisationen müssen auch jetzt schon offenlegen, woher ihr Geld kommt. Um zu verstehen, worum es der Regierung wirklich geht, muss man genauer hinsehen: Ausländische Regierungen finanzieren fast ausschließlich Menschenrechtsorganisationen, die sich kritisch mit der Besatzung der palästinensischen Gebiete auseinandersetzen. Kritik an der Besatzung passt der Regierung nicht. Also will sie die NGOs in Verruf bringen. Laut dem Gesetzentwurf müssten NGOs ausweisen, wenn sie Geld von "ausländischen Entitäten" erhalten. Das hört sich an wie ein Warnhinweis: Achtung, diese Organisation ist aus dem Ausland manipuliert! So werden Menschenrechtsorganisationen stigmatisiert. Das Gesetz trifft rechtsnationalistische Organistaionen nicht, denn die erhalten ihr Geld zwar auch aus dem Ausland, allerdings von privaten Spendern.

ZEIT ONLINE: Das hört sich nach viel Aufwand an für eine Handvoll kleiner Organisationen.

Sasson: NGOs sind in Israel inzwischen mehr als Interessengruppen. Sie haben in Teilen die Aufgaben der politischen Opposition übernommen. Für politische Parteien ist es immer schwieriger geworden, Missstände wie die Besatzung der palästinensischen Gebiete zu kritisieren. Ihre Kritik wird mit dem Argument der Sicherheit einfach weggefegt. Es sind heute viel eher Menschenrechtsorganisationen, die sich ernsthaft für die Rechte von Minderheiten einsetzen. Auch im Hinblick auf die Verteilung staatlicher Gelder. Sie füllen die Lücke der politischen Opposition. Der Regierung ist das ein Dorn im Auge.

ZEIT ONLINE: Wie reagieren die NGOs?

Sasson: Die NGOs müssen jetzt Lobbyarbeit leisten. Um das NGO-Gesetz noch zu verhindern, sprechen wir und andere NGOs beispielsweise gezielt Parlamentarier an und erklären, wie sich die neuen Regelungen auf NGOs auswirken könnten. Außerdem geben Aktivisten heute öfter Interviews oder treten in Talkshows auf. Wir müssen uns in der öffentlichen Debatte beweisen. Ich bin optimistisch, dass das gelingen kann. Israel hat seit seiner Gründung eine starke, demokratische Zivilgesellschaft. Ich bin überzeugt, dass die Mehrheit der Israelis bereit ist, für die demokratischen Werte einzutreten.

ZEIT ONLINE: Liest man in den großen Zeitungen des Landes, scheint diese Medienarbeit bislang wenig erfolgreich. Dort werden NGOs schon mal als "Verräter" bezeichnet.

Sasson: Das gesellschaftliche Klima in Israel ist so schlecht wie nie zuvor. Angst hat sich breitgemacht. Dazu kommt der wachsende Hass zwischen Juden und Arabern. Das liegt auch an den Umständen, in denen wir leben: Terror schadet einer Gesellschaft. Und er ist jetzt besonders schädlich, weil es derzeit nicht einmal mehr die Aussicht auf Friedensverhandlungen gibt.

"Wir brauchen zwei Staaten, Israel und Palästina"

ZEIT ONLINE: In den vergangenen Monaten sind immer wieder Palästinenser mit Messern auf israelische Soldaten, aber auch auf Zivilisten losgegangen. Ein Großteil der Attentäter war unter 18. Wie erklären Sie sich diese neue Art des Terrors?

Sasson: Es ist mehrfach geschehen, dass ein Kind nur mit einem Küchenmesser in der Hand einen schwer bewaffneten Soldaten angegriffen hat. Das kann doch nur jemand tun, der vollkommen verzweifelt ist und keinerlei Perspektive für sich sieht. Es ist kein Zufall, dass die Angriffe in Jerusalem begonnen haben und nicht im besetzten Westjordanland. In Ost-Jerusalem leben 300.000 Palästinenser unter israelischer Verwaltung. Allerdings genießen sie weder die gleichen Rechte noch die gleichen staatlichen Dienstleistungen wie ihre israelischen Mitbürger. Hier wird die krasse Ungleichheit der Besatzungssituation besonders deutlich.

ZEIT ONLINE: Lässt sich diese Art von Terror überhaupt stoppen?

Sasson: Natürlich habe ich kein Patentrezept. Ich weiß nur: Es ist aussichtslos, diesem Phänomen allein durch mehr Sicherheitsmaßnahmen beikommen zu wollen. Die Ursachen für die Gewalt sind politisch, also brauchen wir auch eine politische Lösung. Wir müssen wieder an einer diplomatischen Lösung arbeiten. Wir brauchen zwei Staaten, Israel und Palästina.

ZEIT ONLINE: Die letzte Initiative zu neuen Gesprächen liegt über zwei Jahre zurück. Wo könnten neue Impulse für Gespräche herkommen?

Sasson: Ich bleibe optimistisch, dass es in Zukunft neue Gespräche geben wird. Allerdings muss der Anstoß dazu aus Israel kommen. Wir sind die stärkere der beiden Konfliktparteien. Dafür bräuchte es eine politische Führung, die der Bevölkerung Vertrauen in eine diplomatische Lösung zurückgibt. Der Umgang mit den Palästinensern ist zweifellos sehr schwierig. Doch wir müssen den ersten Schritt machen. Und der beste erste Schritt wäre, den Siedlungsbau zu stoppen.