Ein tiefer Riss geht durch Österreich, so heißt es nun überall. 50:50, genau durch die Mitte der Gesellschaft. Und tatsächlich: Unterschiedlicher als Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer können zwei Politiker kaum sein, in wichtigen Fragen wie etwa dem Umgang mit Flüchtlingen vertreten sie diametral entgegengesetzte Positionen. Könnte die Spaltung größer sein?

Zu kurz kommt bei dieser Interpretation allerdings, dass sich die Österreicher in einer wichtigen Sache selten so einig waren wie heute.

Vor der Stichwahl, die letztlich der grüne Kandidat Van der Bellen um wenige Stimmen für sich entschieden hat, waren sechs Kandidaten im Rennen, darunter zwei der Großparteien SPÖ und ÖVP. In der Zweiten Republik haben sich die Wähler stets für einen Bundespräsidenten entschieden, der aus einer der beiden Großparteien stammte oder von ihnen unterstützt wurde. Diesmal haben beide Kandidaten mit kaum mehr als elf Prozent so schlecht abgeschnitten, dass es keiner von beiden überhaupt in die Stichwahl geschafft hat. Für Österreich ist das bisher völlig unvorstellbar gewesen.

Enttäuschung über den Stillstand

Die Österreicher waren sich mehrheitlich einig: Ein Bundespräsident aus einer der beiden Parteien, die das Land seit Jahren in einer Großen Koalition regieren, konnte nicht mehr infrage kommen. Zu groß die Enttäuschung über den Stillstand bei wichtigen Reformen, zu groß die Wut, dass es in vielen Fragen zuallererst um den Machterhalt geht; dass sich die Bundesregierung vielen Themen einfach nicht stellt, während sich wesentliche Kennzahlen wie etwa die Arbeitslosenrate stetig verschlechtern. Die beiden Dauerkoalitionäre bekommen es einfach nicht hin.

Diese Einigkeit, gegen den Kurs der Regierung zu protestieren, hat mit dazu geführt, dass am Schluss zwei Kandidaten zur Stichwahl übrig blieben, die für Veränderung stehen – ein langjähriger grüner Oppositionspolitiker und ein Rechtspopulist.

Sicher, es gibt gewaltige Unterschiede zwischen den beiden, auch die Wählerschaft ist jeweils eine andere. Die einen sind tendenziell eher männlich, haben einen geringeren Bildungsgrad und leben auf dem Land, die anderen sind eher weiblich, höher gebildet und leben in der Stadt. Die einen trauten es eher Hofer zu, die anderen eher Van der Bellen, den Stillstand zu beenden. (Wobei sich hinter Van der Bellen wohl auch jene versammelten, die einen rechtspopulistischen Bundespräsidenten verhindern wollten.)

Doch auch wenn die Hälfte der Österreicher Alexander Van der Bellen am Sonntag nicht gewählt hat: Er kann sich sicher sein, dass sich das Land in seiner wichtigsten Erwartung an ihn einig ist. In Wien soll wieder etwas weitergehen. Die Regierung soll wieder regieren. Dafür muss Van der Bellen als Bundespräsident sorgen.