Es war ein wenig wie bei einem Langstreckenrennen, bei dem der Zweitplatzierte mit einer Runde Rückstand aus der Boxengasse startet, dann immer mehr aufholt und in der Zielgerade zum Überholmanöver ansetzt. Mit 21 Prozent der Stimmen lag der Grüne Präsidentschaftskandidat Alexander Van der Bellen nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahl noch deutlich hinter dem rechten Anwärter Norbert Hofer, der 35 Prozent einfuhr. Bei der Stichwahl am Sonntag war der Grüne dann nur mehr hauchdünn im Rückstand, sodass das Land auf die Auszählung der Wahlkarten warten musste. Immer weniger Stimmen trennten die beiden, bis der Grüne Kandidat dann am Nachmittag an dem Spitzenreiter vorbeizog. Mit rund 31.000 Stimmen Vorsprung gelang es Van der Bellen dann doch noch, den harten Rechten Hofer zu verhindern. Ein Wahlfinish im Schnappatmungsmodus.

In den Wochen davor lag Österreich wieder einmal im Lichtkegel der globalen Aufmerksamkeit. Schnell machte ein satirisches Internetbildchen die Runde mit dem Satz: "Österreich ist wieder in den internationalen Schlagzeilen? – Wurde eine Frau aus einem Keller befreit? – Nein, das andere." Denn in dem Land ist man es seit der Präsidentschaft Kurt Waldheims und dem Aufstieg von Jörg Haider zum – seinerzeit – erfolgreichsten Rechtspopulisten Europas schon gewohnt, dass die Welt nur dann Notiz nimmt, wenn wieder irgendetwas mit Rechten und Nazis passiert – oder ein scheußliches Verbrechen in einem Keller aufgedeckt wird.

Aber natürlich gibt es auch das andere Österreich, und das kommt schon seltener vor: das Österreich, das es jetzt beispielsweise geschafft hat, den Vorsprung des rechten Präsidentschaftskandidaten noch aufzuholen.

Österreich - Wie die Anhänger des neuen Bundespräsidenten feiern ZEIT-ONLINE-Reporter Bastian Brauns hat in Wien die Tage um die Bundespräsidentenwahl beobachtet. Nach dem knappen Wahlausgang feierten die Unterstützer von Alexander Van der Bellen ausgelassen in der Wiener Innenstadt.

Auf dem Land war nur ein Kandidat präsent

Nahezu das gesamte Land hat sich hinter den grünen Präsidentschaftskandidaten Alexander Van der Bellen gestellt: vom Tatort-Kommissar Harald Krassnitzer über den ehemaligen konservativen Parteichef Erhard Busek, von dessen Parteifreund, dem Ex-EU-Kommissar Franz Fischler bis zum neu gewählten sozialdemokratischen Kanzler Christian Kern. Mit wenigen organisatorischen und verschwindend geringen finanziellen Mitteln wurde eine Grassroots-Zivilgesellschaftskampagne aus dem Boden gestampft. Es war ein wirklicher Uphill-Battle. Van der Bellens Kampagne hatte im zweiten Wahlgang gerade einmal 500.000 Euro zur Verfügung, während die gut geölte FPÖ-Maschine aus vollen Rohren schießen konnte. In den kleinen Städten und Dörfern, in der Provinz, waren diese Nachteile am ärgsten zu spüren. Hier tauchte nie ein grüner Wahlkämpfer auf, nicht einmal Plakate hingen in diesen Regionen. Auf dem Land war buchstäblich nur ein Kandidat präsent.

Bundespräsidentenwahl - das knappe Ergebnis

Schraffiert sind die Stimmen, die per Briefwahl abgegeben wurden.

Dennoch gelang es, das Ergebnis zu drehen. Wie gespalten Österreich nicht nur politisch, sondern politisch-kulturell ist, zeigen genauere Blicke auf die Ergebnisse: Nahezu überall im ländlichen Raum hatte der Kandidat Hofer satte 60-Prozent-Mehrheiten, oft bis zu Zwei-Drittel-Mehrheiten. In den Städten dagegen sah es umgekehrt aus: Dort holte Alexander Van der Bellen oft 60 Prozent und mehr. Auch in klassischen ländlichen Kleinstädten mit üblicherweise starker Mehrheit für die konservative ÖVP wählten oft 60 Prozent den grünen Kandidaten. Dafür macht Wahlforscher Christoph Hofinger vom Sora-Institut nicht nur kulturelle Differenzen zwischen Stadt und Peripherie verantwortlich: "Viele ländliche Regionen verlieren ihren Optimismus: Die Jungen – und hier vor allem die jungen Frauen – ziehen weg, es gibt weniger Kinder, Geschäfte und Ämter sperren zu. In Wirklichkeit macht Auswanderung viel mehr schlechte Stimmung als Zuwanderung."

Es waren vor allem die gut ausgebildeten jungen Menschen, die sich diesmal erstmals in einem Wahlkampf ins Zeug warfen. In jeder Kneipenrunde junger Leute, vor allem unter jenen, die vom Dorf in die Stadt gezogen sind, machten Geschichten die Runde, wie viele ihrer ehemaligen Schulkollegen sie schon angerufen und zum Grün-Wählen animiert hatten. Nicht wenigen Omas und Opas wurde mit leisem Nachdruck klargemacht, dass sie das nächste Mal Weihnachten allein feiern können, wenn sie nicht für Van der Bellen stimmen.