Auch wenn das Endergebnis in Österreich noch nicht feststeht, ist jetzt schon klar: Die Hälfte der Österreicher ist bereit, einen Mann an die Spitze zu wählen, der bei uns in der AfD wäre und in Frankreich beim Front National. Und schon geht das große Warum-Karussell wieder los, das schon vor der Wahl schwungvoll seine Runden drehte. Als Hauptgründe für die neue Mehrheitsfähigkeit der FPÖ gelten gemeinhin die heruntergewirtschaftete große Koalition und ihr Hin und Her bei den Flüchtlingen. Aber irgendetwas daran stimmt nicht, weil die Sache offenkundig tiefer geht. Und weit über Österreich hinaus.

In den USA, wo Trump triumphiert, soll es die soziale Ungleichheit sein; in Deutschland, wo die AfD boomt, sind es angeblich die vielen Flüchtlinge, die man aufgenommen hat; in Frankreich wiederum sind es die Flüchtlinge, die man nicht aufgenommen hat; in Osteuropa ist es die unaufgeräumte Nachwendephase; und in Großbritannien ist es das viele Wasser, das die Insel mental-maritim vom Kontinent trennt.

Ja, geht's noch?! Immer andere Gründe für immer dasselbe Phänomen?!

Vor lauter Verständnis für die neue Wutwählerei ist das Verstehen offenbar auf der Strecke geblieben. Das Verstehen dessen, was da gerade geschieht, die Einsicht in das Übergreifende, das Globale und das vielleicht sogar Epochale.

Tatsächlich treten wir allem Anschein nach in eine neue Epoche ein. Nach vierzig Jahren Kalten Kriegs und drei Jahrzehnten amerikanischer neoliberaler Dominanz nimmt ein neuer Systemkonflikt Kontur an. Aber keiner – wie Samuel Huntington und andere meinen – zwischen dem Westen und dem Islam oder den etablierten Staaten und dem IS, das sind eher, wenn auch sehr schmerzliche, Nebenwidersprüche. Um einen Zusammenprall der Kulturen handelt es sich gleichwohl: Diese neue Phase ist gekennzeichnet durch einen Systemkonflikt zwischen der liberalen Demokratie und einer neuen Internationalen des Autoritarismus, zwischen Freiheit und Gehorsam, zwischen Offenheit und Abschottung. (Mutmaßliche) Mehrheiten in Nordamerika sowie im westlichen, nördlichen und südlichen Europa stehen gegen Mehrheiten in Osteuropa, in Russland und in der Türkei.

Für die liberalen Kräfte kommt die Gefahr dabei zugleich von außen und von innen. Die autoritäre Alternative ist in unseren Gesellschaften schon jetzt größer, als es der Kommunismus je war.

Die letzte autoritäre Verführung der USA, das war der McCarthyismus, ein ins Wahnhafte tendierender Antikommunismus. Der richtet sich aber eben gegen den äußeren Feind, gegen die Sowjetunion, oder er behauptete und glaubte das jedenfalls von sich. Der neue Autoritarismus hingegen sieht in allen autoritären Regimen dieser Welt Partner, auch in Russland. Er richtete sich weniger gegen einen äußeren Feind als gegen die eigenen Mehrheiten und die Mainstreams.

Internationale des Autoritarismus

Darum muss man sich davon verabschieden, Phänomene wie das in Österreich oder in den USA isoliert zu betrachten. Schließlich gab es schon immer soziale Ungleichheit, Zuwanderung, Insellagen und aufgestaute Geschichte. Das alles sind natürlich verstärkende Faktoren, nur erklären sie das enorme Momentum der Autoritären nicht. Die Ursachen dafür sind simpler, weniger soziologisch, dafür viel politischer. Denn nun gibt es etwas, das es lange nicht gab: eine Internationale des Autoritarismus, die Rechte aller Art durch gegenseitiges Vorbild stark werden lässt. Erst ihre internationale Solidarität und Emotionalität ermöglicht es ihnen, sich aus ihrem nationalen oder gesamteuropäischen Minderheitenstatus herauszuträumen und stellenweise auch herauszukämpfen. Daher dieses andauernde, flirtige Einanderzuzwinkern über die Grenzen hinweg, von Trump zu Putin, von Le Pen zu Gauland, von Johnson zu Trump und wieder zurück.

Ihre neue Internationalität ist die eine Kraftquelle, die andere liegt in der Befreiung, die sie anbieten – von Flüchtlingen, von Feministinnen, von Schwulen, von den Tausenden Fäden der Zivilisation, die uns einerseits binden und andererseits leben lassen, die uns aber auch etwas auferlegen. Nun gibt es also etwas Neues, etwas extrem Attraktives im politischen Angebot: die Lizenz zum Hassen, einen vitalen Rudelrassismus, ein rhetorisches Sich-gehen-Lassen. Eine Art Trash-Faschismus ist entstanden, wie man ihn so noch nicht kannte, dazu eine gut geölte Unwahrheitsmaschinerie, aber eine, die nicht etwa totalitär ist, weil sie keineswegs die eine Wahrheit durchsetzen will, sondern umgekehrt Wahrheit, ja sogar Wirklichkeit als Kategorien zu suspendieren versucht.

Ein Programm, das überall funktioniert: sozialer Nationalismus

Binnen wenigen Jahren, man hat das Gefühl: so richtig erst in diesem Jahr, ist ein internationales politisches Konzept des Autoritarismus entstanden, kein geschlossenes, sondern ein hochgradig lernfähiges. Drei entscheidende Modernisierungen sind dabei schon erreicht worden: Abschied vom Antisemitismus, Abschied vom Geschichtsrevisionismus, Abschied vom Neoliberalismus. Nun hat man ein in weiten Teilen gemeinsames Programm, das fast überall gleich gut funktioniert: sozialer Nationalismus, plebiszitärer Autoritarismus, antimuslimischer Rassismus, Verächtlichmachung und Demontage demokratischer Verfahren und rechtsstaatlicher Normen, Kulturkampf gegen Liberalität in jeder ihrer Äußerungsformen, eine gewisse, mindestens verbale Gewaltbereitschaft und ein gediegener Militarismus, nicht zuletzt instrumentell gehandhabtes Christentum.

Die einen diskutieren über Transgenderklos

Der handfesteste Grund für den derzeitigen Vormarsch der Rechten liegt schlicht darin, dass sie kämpfen. Und die liberalen Demokraten noch nicht. Dass die Nationalisten oftmals internationaler agieren als die Internationalisten. Dass sie konzentriert sind und die Liberalen abgelenkt. Dass sie wissen, was die Stunde geschlagen hat, und die anderen mit dem Augenreiben einfach nicht fertig werden. Dass sie bluffen und die anderen verblüfft sind. Dass sie die Fundamente angreifen, während die Emanzipierten, die sich progressiv Wähnenden mit ihrer Verfeinerung nachgerade überbeschäftigt sind. Die einen diskutieren, ob sie Transgenderklos bauen sollten im Haus der Demokratie (sollten sie), die anderen kommen derweil mit dem Abrissbagger. Es ist ein asymmetrischer Konflikt.

Wenn die Liberalen anfangen sollten, zu kämpfen, dann werden sie gewinnen, denn Geschichte voranzubringen ist schwer, sie zurückzudrehen jedoch noch schwerer. Doch wie viele Österreichs werden sie noch brauchen, bis sie ganz wach sind? Oder bis sie sich etwas eingestanden haben, was ihnen, was uns wehtun wird: dass die Autoritären nun jene Menschen gewinnen, für die in unserer schönen globalen, liberalen Welt tatsächlich nicht viel Platz war. Es geht nicht darum, Willkommenskultur abzubauen oder sich seines Liberalismus zu schämen oder davon gar Abstriche zu machen. Aber von einer gewissen sozialen Abgehobenheit könnte man sich vielleicht verabschieden.

Die Parole jedenfalls für diesen Kampf hat kürzlich schon ein kluger deutscher Verleger ausgegeben: "Die Mehrheit wieder mehrheitsfähig machen!"