Am 26. Juni wird in Spanien neu gewählt – und es wird noch spannender, als es die politisch unsichere Situation ohnehin vermuten lässt: Die linksalternative Partei Podemos hat überraschend angekündigt, ein Wahlbündnis mit der Linksformation Izquierda Unida (Vereinigte Linke) zu bilden. Kämpften beide Parteien bei den ersten Parlamentswahlen im Dezember noch getrennt, wollen sie nun gemeinsam um Stimmen und Sitze im Parlament werben.

Hat die neue Linksfront das Zeug, die bislang unklaren Mehrheitsverhältnisse im Parlament aufzubrechen, die politische Lähmung zu beenden? Kann das Bündnis Unidos Podemos (Gemeinsam können wir) vielleicht sogar die Regierungsmacht übernehmen?

Alles scheint möglich in Madrid. Denn dass sich Podemos mit den etablierten Linken zusammentut, ist schon für sich bemerkenswert. Die Vereinigte Linke wurde 1986 gegründet, sie ist ein Zusammenschluss der kommunistischen Partei und der republikanischen Linken. Die Nischenpartei stellt gerade einmal zwei Abgeordnete im Parlament, ihr statistisches Wählerpotenzial liegt nicht viel höher: bei 15 Abgeordneten. Auftritt und Habitus der Vereinigten Linken sind altmodisch wie die vieler Linksparteien in Europa, ihre Diskurse verliefen lange festgefahren und ideologisch.

Leere Räume erobern

Podemos hingegen entstand, als 2011 Hunderttausende auf den Straßen und Plätzen der Republik gegen die harten Einschnitte der EU-Sparpolitik demonstrierten. Die Führung der neuen Bewegung ging schnell auf Distanz zur alten Linken. Man wollte anders sein und betonte dies auch gerne. Seit ihrem ersten Erfolg bei den Europawahlen 2014 verfolgt Podemos eine Strategie, die von ihrer Nummer 2, dem damals 30-jährigen Íñigo Errejón entworfen wurde: Man sprach bewusst auch Wähler an, die sich selbst nie als Linke bezeichnen würden.

Die Idee, sagte Errejón damals, sei eben nicht, "die politische Linke zusammenzuwerfen und das dabei in der Wahlgrafik entstehende Tortenstück zu akzeptieren, das vielleicht sechs Prozent umfasst." Errejón bemüht in diesem Zusammenhang auch gerne ein Beispiel aus dem Fußball: "Als ich klein war, war ich ein Fan von Michael Laudrup, der damals bei Real Madrid spielte. Seine Pässe kannte man vorher nicht. Stets erfand er neue, mit denen er leere Räume eroberte."

In der Krise hat sich in Spanien ein politisches Vakuum aufgetan: Der Wunsch nach politischem Wandel, der Überdruss mit der spanischen Elite und den EU-Sparvorgaben ging weit über klassisch linke Kreise hinaus. Die Proteste des 15. Mai wurden von 80 Prozent der Spanier unterstützt, auch wenn nicht alle die Plätze besetzten. Podemos hat früh erkannt, dass diese Bewegung über allgemeinen Wirtschaftskrisenfrust hinausging: Die Verbindung zwischen den Staatsoberen und den Bürgern war in Spanien verloren gegangen. So konnte Podemos die bisherigen "Links-Rechts-Koordinaten" verlassen – und sich als neue Alternative für eine bessere Politik verkaufen.

Wer nicht ins Fernsehen geht, ist sich zu gut für die Politik

Errejón und Parteichef Pablo Iglesias brachen mit bisherigen Tabus der alteingesessenen Linken. Von Anfang an kündigte Podemos an, Mehrheiten gewinnen und regieren zu wollen. Die Partei beschwerte sich nie über die vermeintlich verlorene Arbeiterklasse. Politische Kompromisse werden nicht unbedingt als Verrat betrachtet. Podemos sprach offen darüber, dass die Partei die Mitte des politischen Tableaus besetzen wolle. Und dass das nicht bedeute, sich "mittig zu machen". Es gehe darum, "Politik neu zu ordnen und neu abzustecken".

Noch bevor Podemos sich als Partei eintragen ließ, übten und feilten die Akteure an ihrer "moderaten Kommunikation", mit dem Ziel, in der allgemeinen Krisendebatte einen neuen Ton zu setzen. So sprachen Iglesias und Errejón von einer neuen "Politik des Volkes". Die Podemos-Strategen waren schnell quasi omnipräsent im Fernsehen. Vorab hatten die zentralen Akteure die Oberflächlichkeit des Mediums geradezu studiert, sich auf die Kürze der Botschaften eingestellt, die es braucht. Es wurde zur Pflicht der Podemos-Strategen, in Unterhaltungs- und Boulevardformaten aufzutreten und provozierende Gedanken auszusprechen, solche die das Publikum ebenso irritierten, wie zum Nachdenken anregten. Intern war man sich einig: Wer bei der Fernsehoffensive nicht mitmachen will, der ist sich zu gut für die Politik.