Als ich vor zweieinhalb Jahren das Korrespondentenbüro der ZEIT in Istanbul räumte und nach Berlin zog, dachte ich, ihm endlich entkommen zu sein. In Istanbul wachte ich mit seiner dröhnenden Stimme auf, hörte ihn im Radio, las von ihm in den Zeitungen, lauschte ihm im Taxi, sah ihn im Fernsehen und ging nach der abendlichen Talkshow über ihn erschöpft zu Bett. Tayyip Erdoğan, damals noch türkischer Premier, ist in der Türkei omnipräsent. Kein Tag vergeht, an dem er nicht mindestens drei Reden hält, in drei verschiedenen Städten natürlich. Und wenn er das nicht schafft, spricht er zumindest auf 33 Sendern. Zu allem hat er was zu sagen. Aber in Berlin, so meinte ich, sei endlich Ruhe.

Nun aber lese, sehe und höre ich in Berlin ständig: Erdoğan sagte, Erdoğan drohte, Erdoğan meinte, Erdoğan zürnte. Der Mann, mittlerweile zum Präsidenten der Türkei aufgestiegen, hält auch Deutschland in Atem. Ich bin ihm nicht entkommen, denn in Deutschland herrscht Erdomania. Erdoğan übertreibt, daran ist kein Zweifel, aber die Deutschen auch. Erdoğan ist längst der Lieblingserregator der Deutschen geworden. Über keinen anderen ausländischen Staatsmann, noch nicht mal über Putin, kann man sich so wohlfeil aufregen.

Sagte Erdoğan doch gerade, das türkische Parlament werde das Flüchtlingsabkommen nicht ratifizieren, wenn die EU den Türken nicht die Visafreiheit gewähre. Und er könne auch ganz anders und alles scheitern lassen. Das sagte er, nachdem er gerade Kanzlerin Merkel in Istanbul getroffen hatte. Nicht nett von ihm. Danach setzte sein Berater Yiğit Bulut im türkischen Fernsehen noch einen drauf. Er drohte, dass bei einer Ablehnung des Flüchtlingsabkommens auch sämtliche anderen Abkommen der EU mit der Türkei hinfällig seien. Zusätzlich bezichtigte er die EU, Terrorismus gegen die Türkei zu unterstützen.

Auf solche Äußerungen folgt in Deutschland in aller Regel reichlich Empörung. Erst melden sich Bundestagsabgeordnete und EU-Parlamentarier zu Wort, vielleicht äußert sich auch Ralf Stegner von der Kieler SPD, der – wie Erdoğan – viel und zu fast allem was zu sagen hat. Am Ende fordert irgendein CSU-Politiker den Abbruch der Beitrittsverhandlungen und am besten aller Kontakte zwischen Europa und der Türkei.

Das ist furchtbar langweilig. Diese Forderungen sind uns allen aus den vergangenen 15 Jahren Türkei-EU-Debatte sattsam bekannt. Merkel hatte schon ganz recht, als sie neulich eine Freude am Scheitern feststellte. Vor allem, wenn es um die Türkei und das Flüchtlingsabkommen geht. Das war in den Augen der zahlreichen Kritiker von links bis rechts schon gescheitert, bevor es überhaupt in Kraft trat. Das Flüchtlingsabkommen hat Webfehler, an denen man arbeiten muss, aber in der Diskussion wird vorgespiegelt, es gäbe in der Ägäis eine Lösung ohne Erdoğan, oder wir könnten da irgendeine Tür zuschlagen und dann hätten wir endlich nichts mehr mit der Türkei zu tun.

Nur funktioniert das nicht. Die Türkei liegt da, wo sie liegt, und das bindet sie auf alle Zeiten mit Europa zusammen. Da kann die CSU die Landkarte auch auf den Kopf stellen. Wenn dieses Flüchtlingsabkommen an der Visa-Frage und Erdoğans harschen Anti-Terror-Gesetzen scheitert, werden wir am Ende ein anderes aushandeln – zu wahrscheinlich noch schlechteren Bedingungen.

Was wir brauchen, sind mehr Gelassenheit und ein scharfes Auge für die echten Probleme. Diese sind die zunehmende Machtkonzentration in der Hand von Erdoğan, die Schwäche der säkularen Opposition, der Krieg im Südosten der Türkei, der pathologische Zentralismus des Landes, die Knebelung der Medien, die Atmosphäre der Angst. Darüber müssen wir unermüdlich reden und schreiben.

Aber die Drohungen Erdoğans und seiner "speichelleckenden Berater" (ein US-Botschafter auf WikiLeaks) gegen Europa gehören zum politischen Geschäft in der Türkei, wo man gern dramatisch und auch aggressiv redet. Dafür steht auch Yiğit Bulut als ehemaliger TV-Krawallplauderer. Vor drei Jahren beschuldigte der Erdoğan-Berater die Lufthansa, hinter den Gezi-Park-Protesten zu stecken, damit der dritte Istanbuler Flughafen als Konkurrenz für Frankfurt scheitere. So tief ist bisweilen das Niveau. Das nimmt man zur Kenntnis, aber man sollte nicht darauf reagieren.

Auch Tayyip Erdoğan ist dafür bekannt, dass er heute dies und morgen das Gegenteil sagt – und am Ende etwas völlig anderes tut. Er redet zu viel, als dass seine Äußerungen folgerichtig und konsistent sein könnten. Er liebt die Provokation und freut sich, wenn andere sich darüber aufregen. Weil er sich dann noch mehr aufregen kann. Adrenalin gehört ja zu den im Islam erlaubten Drogen.

Merkels Besonnenheit ist deshalb ein besseres Antidot als die Einlassungen der CSU oder mancher Parlamentarier. In der Provokationsspirale ist Erdoğan immer besser. Die EU sollte auf das reagieren, was der erratische Präsident konkret macht, und weniger auf das, was er hier und da sagt.

Ein Beispiel, wie man mit ihm auch umgehen kann, lieferte Alexis Tsipras auf dem UN-Nothilfegipfel in Istanbul. Als Erdoğan den griechischen Premier begrüßte, sah er ihm nicht ins Gesicht, sondern starrte mit gespielter Empörung auf seinen offenen Hemdkragen. Dann fragte er in bestem Erdoğan-Englisch: "Where is kravat?", er hätte ihm doch mal eine geschenkt. Tsipras ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und flunkerte: "Ich trage sie vielleicht nächstes Mal!" Lächelte, setzte sich mit Erdoğan hin und kam zur Sache.