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Dies ist ein Auszug aus dem Buch "Syrian Dust – Reporting from the Heart of the Battle for Aleppo" von Francesca Borri. Die italienische Journalistin schildert darin, was sie zwischen 2012 und 2014 in Aleppo gesehen hat.

Seit die Kämpfe im August 2012 begonnen haben, seit die Rebellen der Freien Syrischen Armee ihre Offensive gestartet haben, gibt es nur eins, was sich hier nicht verändert hat: Der einzige Schutz gegen Kampfflugzeuge ist schlechtes Wetter. Der einzige Schutzraum ist Glück.

In den vergangenen Monaten habe ich über eine Stadt geschrieben, die nur noch Schutt ist. Ich habe über Mörserbomben geschrieben, über Straßen, gespickt mit Scharfschützen, Raketen und Explosionen, ich habe eine Stadt beschrieben, die entstellt ist von Typhus, Leishmaniose, Hunger, ich habe über Kinder geschrieben, die aussehen, als wären sie in Äthiopien oder Somalia, die Haut auf ihren Knochen wie Wachs, ihr Essen bestehend aus Gras und Regenwasser.

Ich habe über Flüsse geschrieben, die Leichen ausspucken, Wolken von Insekten auf den Überresten eines Darms, einer Leber, einer Lunge; über Granaten, Raketen, Kampfjets, geköpfte Aktivisten, hingerichtete 15-Jährige.

In den bombardierten Krankenhäusern habe ich gesehen, wie Küchenmesser als Skalpelle genutzt wurden, die Berührung einer Krankenschwester als einzige Narkose; ich habe verstümmelte Körper gesehen, Köpfe, Hände, Finger, Schädelfragmente, die auf Stühlen lagen.

150.000 Menschen sind nach offiziellen Angaben tot, geschätzt sind es 220.000. Ich habe über den Horror geschrieben, über Bestürzung, Brutalität, Grausamkeit. Über den Schmerz. Ich habe jedes mögliche Wort benutzt. Habe jedes Adjektiv ausgeschöpft.

Entschuldigung. Ich hatte noch nicht verstanden, was Krieg ist.

Assads Gegenoffensive begann im Dezember 2013.

Jetzt betritt man die Stadt durch eine zehn Meilen breite Frontlinie, die im Industriegebiet von Sheikh Najjar beginnt. Dieses Viertel war einst von den Rebellen so gut kontrolliert, dass der Revolutionsrat, Aleppos provisorische Regierung, seine Zentrale dorthin verlegte und sehr optimistisch plante, Leitungen zu reparieren, Schulen wieder zu eröffnen und sogar Bäume zu pflanzen.

Jetzt aber rast du mit voller Geschwindigkeit durch Granatwerfer, Maschinengewehre, Kalaschnikows – ein brummendes Flugzeug über dir –, um so schnell wie möglich Schutz in den Wohnvierteln zu suchen. Also Schutz unter hochexplosiven Fässern. Fässer. Fässer gefüllt mit Benzin und Dynamit, abgeworfen von Hubschraubern, zwei, drei, vier auf einmal. Sie regnen zu Dutzenden vom Himmel, jeden Tag, jede Nacht, jede Stunde, überall, wirklich überall, durchschnittlich 50 Stück am Tag. Es wird nicht unterschieden zwischen Zivilisten und Kämpfern. Der einzige Unterschied ist, dass die Front mit Flugzeugen bombardiert wird, die präziser sind.

Bomben im Uhrzeigersinn

Wie üblich sind sich Rebellen und Regimeanhänger an der Front so nah, dass sie Beleidigungen brüllen, während sie aufeinander schießen; die Fässer treffen auch die Regimeanhänger. Ansonsten gibt es nur ein Kriterium, um Zielobjekte in Aleppo zu unterscheiden und auszusuchen: im oder gegen den Uhrzeigersinn. 

Wir nennen es weiterhin Aleppo. Dabei ist es mittlerweile Dresden. Kilometer um Kilometer – Aleppo gibt es nicht mehr. Jeden Tag mehr und mehr Trümmer.

Doch es ist nicht so verlassen, wie man denkt. Wie man sagt. Denn ein Flüchtling zu werden, ist, wie mein Übersetzer bemerkt, "ein Luxus, den sich nicht jeder leisten kann". Nicht jeder hat 150 Dollar, um die Autofahrt in die Türkei zu bezahlen, dazu 100 Dollar pro Kopf, für eine Frau und drei Kinder, um den Polizisten zu bestechen und illegal über die Grenze zu kommen. Nur wenige haben überhaupt noch einen Pass. Etwa 700.000 Flüchtlinge sind jetzt in der Türkei. Und die Lager der Vereinten Nationen sind ein einziges Durcheinander.

Aleppo scheint menschenleer, dabei sind noch Hunderte Menschen hier, Tausende, am Ende ihrer Kräfte. 80.000 sind es nach Schätzungen.

Pappe gegen den Hunger

Sie nagen an Pappe, um ihren Hunger zu stillen, sie sehen verbraucht und ausgemergelt aus, stehen in Fetzen am Straßenrand, blinzeln gen Himmel. Früher bombardierte ein Flugzeug zwei oder dreimal die Woche und verschwand wieder. Jetzt werfen Hubschrauber ohne Vorwarnung zwei, drei Mal in einer Stunde Bomben ab.

Du stirbst ganz plötzlich. Das ist alles, was man in Aleppo tun kann. Nichts anderes. Man wartet und stirbt, in diesem Hornissen-Nest, diesem Nest voller wummernder Explosionen, diesem konstanten Getöse, das manchmal lauter wird, durchbrochen von einem Schrei, Flugzeug!, Flugzeug!, und alle ducken sich unter einen Stuhl, hinter einen Schrank, eine Vase, einen Kübel, hinter irgendetwas – weil Aleppo leer gebombt ist und sich in ihrer Panik alle den Schutt um sich herum zunutze machen. So leben sie, inmitten all der toten Körper, die nie geborgen wurden.

Man überlegt, ob ein Haus, das bereits getroffen wurde, von den nächsten Bomben wohl verschont bleiben würde. Zwischen den Trümmern, den zerborstenen Betonplatten: Kleider, Bücher, eine Uhr, ein Schuh, darin steckt noch der Fuß eines Kindes.