Eine Straßenbahn hält an. Die Türen gehen auf, doch keiner steigt aus. An den Ampeln verpassen Autofahrer die Grünphase und keiner hupt. Die Menschen starren auf ihre Smartphones. In Wien haben viele dabei ein Lächeln auf dem Gesicht. "Gott sei Dank, kein Nazi!", ruft die Hotelrezeptionistin.

Das Ergebnis der Bundespräsidentenwahl steht fest: Alexander Van der Bellen kann 2,254.484 Stimmen auf sich vereinen, Norbert Hofer von der FPÖ 2,223.458. In Prozentzahlen sind das 50,3 gegen 49,7.

"Ich sag da jetzt nix dazu", antwortet der Rezeptionistin eine Kollegin im Hotel. Hofer hat seine Niederlage bereits eingestanden: "Bitte seid nicht verzagt", schreibt er auf Facebook. Der Einsatz für diesen Wahlkampf sei nicht verloren, sondern eine Investition in die Zukunft.

"Not my president"

In den sozialen Netzwerken ändern viele Gegner des gewählten Präsidenten zu diesem Zeitpunkt ihre Profilbilder. Unter einem Konterfei von Van der Bellen steht "Not my president". Petitionen werden gestartet. Warum hat Hofer zunächst fast 52 Prozent bekommen, ist dann aber durch die Briefwahlstimmen auf 49,7 Prozent zurückgefallen, fragen manche und fordern: "Überprüft das Ergebnis mit allen Mitteln. Wir dürfen uns nicht mehr zum Narren halten lassen!"

Hofer selbst und FPÖ-Parteichef Heinz-Christian Strache sprechen vorerst nicht mehr von Wahlbetrug, wollen eine Wahlanfechtung aber trotzdem prüfen. 2018 sind Nationalratswahlen, nach ihrem Plan soll Strache dann Kanzler werden. In der aktuellen Sonntagsumfrage ist die FPÖ mit 34 Prozent weiterhin mit Abstand die stärkste Kraft.

Nicht genug hingeschaut

Gewinner Alexander Van der Bellen betont an diesem Abend, was die Österreicher eint. Man habe gerungen und gestritten, aber das Wichtigste sei, dass man gesprochen habe. Dass es so unterschiedliche Meinungen zu ihm und seinem Kontrahenten gebe, müsse nicht überdramatisiert werden. Es zeige vielmehr, dass Politik nicht egal sei. Allerdings seien viele Menschen zornig, sagt er, "vielleicht haben wir nicht genug hingeschaut".

Die Sieger von Wien strömen unterdessen zum Museumsquartier der Stadt. Hier werden deutlich weniger Fahnen geschwenkt als bei Veranstaltungen der FPÖ und sie sind regenbogenfarben. Einige tragen T-Shirts mit Van-der-Bellen-Prints.

Mario Lackner mit einem Van-der-Bellen-T-Shirt © Bastian Brauns

Mario Lackner, ein Autor, hat vor ein paar Monaten beschlossen, Van der Bellen zu unterstützen. "Ich wollte was tun, weil ich gemerkt habe, dass es jetzt um alles geht." Hofer sei die ideale Figur für eine Mediokratie gewesen, sagt er, telegen und immer freundlich. "Van der Bellen wirkte eher kauzig, darum ist das auch so knapp geworden." Die schlechten Seiten des FPÖ-Kandidaten seien kaum rübergekommen: "Hofer ist ein Chamäleon – und für mich darum unwählbar", sagt Lackner. Dass eine deutsche Boulevardzeitung ein Titelblatt mit Hofer und mit angeblichem Hitlergruß zeigt, gepaart mit der Überschrift "Er ist wieder weg", ärgert ihn. "Das hat nichts mit Journalismus zu tun." Es gehe oft nur darum, die Dinge maßlos ins Negative zu übertreiben.

Österreich - Wie die Anhänger des neuen Bundespräsidenten feiern ZEIT-ONLINE-Reporter Bastian Brauns hat in Wien die Tage um die Bundespräsidentenwahl beobachtet. Nach dem knappen Wahlausgang feierten die Unterstützer von Alexander Van der Bellen ausgelassen in der Wiener Innenstadt.

Lied gegen Lied

Auf dem Platz im Museumsquartier schüttelt jetzt Eva Glawischnig, die Bundessprecherin der Grünen, Hände und lässt Selfies machen. Van der Bellen kommt nicht, schließlich will er jetzt Präsident aller Österreicher sein. Neben der Grünen-Frau steigen ein paar junge Männer auf ein Podest und singen: Van der Bellen wählt die Nation. Es ist die Gesangskapelle Hermann, die in den vergangenen Tagen mit ihrem Song für Van der Bellen Gesangsflashmobs überall in der Stadt organisiert hat. Jetzt singt der ganze Platz mit. Menschen nehmen einander in den Arm, rufen "Zugabe" und stimmen Sascha-Sascha-Chöre an. Sascha ist der Kosename von Van der Bellen.

Ein paar Hundert Meter weiter liegt ein betrunkener Mann unter einer Bank, um ihn herum andere Betrunkene. Sie sitzen dort immer. Eine Frau, die sich kaum auf den Beinen halten kann, stimmt kurz ein Lied an: "Waunst amoi nu so ham kummst, sama gschiedane Leid." (Wenn du noch einmal so heimkommst, sind wir geschiedene Leute.) Diese Liedzeile stammt vom Gesangsduo Seiler und Speer, das oft prekäre Lebensverhältnisse thematisiert. In den vergangenen Wochen wurde dieses Lied auf fast allen FPÖ-Veranstaltungen von der John-Otti-Band gecovert. "Wir kümmern uns um euch!", konnte die FPÖ-Spitze dann rufen. Drei Sanitäter laden den betrunkenen Mann auf eine Trage und bringen ihn zum Krankenwagen.

Hagel setzt ein. Im Internet schreibt ein FPÖ-Anhänger: "Bei uns hat es kurz nach dem Wahlergebnis zu regnen begonnen. Ein trauriger Tag für Österreich."