Der Befehlshaber der US-Landstreitkräfte in Europa, General Ben Hodges, ist der Auffassung, dass die Nato nicht in der Lage wäre, die baltischen Staaten vor einem Angriff der russischen Streitkräfte zu schützen. "Russland könnte die baltischen Staaten schneller erobern, als wir dort wären, um sie zu verteidigen", sagt Hodges der ZEIT. Der General stimmt der Einschätzung von Militäranalysten zu, wonach russische Truppen innerhalb von 36 bis 60 Stunden die baltischen Hauptstädte erobert haben könnten.

Erst kürzlich hatten die Verteidigungsminister von Deutschland, Großbritannien und den USA beschlossen, zur Abschreckung Russlands vier Bataillone mit jeweils bis zu 1.000 Soldaten in die baltischen Staaten und nach Polen zu schicken. Auch Kanada und Frankreich sind beteiligt. Polen gab bekannt, eine zivile Einheit mit 35.000 Menschen zur Verteidigung des Landes aufzubauen. 

Schon im März hatten die USA angekündigt, ab Februar 2017 eine komplette Panzerbrigade an die Ostflanke der Nato zu verlegen. Infrage kommen als Einsatzorte die baltischen Staaten und Polen sowie Rumänien und Bulgarien.

Bis vor wenigen Tagen trainierten Nato-Truppen in Polen das Manöver Anakonda.  Soldaten aus 24 Staaten der Nato und anderer Verbündeter Polens nahmen teil. Während viele westliche Politiker die Militäraktion und die Verstärkung an der Ostgrenze der Nato als notwendig verteidigten, kritisierte Außenminister Frank-Walter Steinmeier die Übung als "Säbelrasseln und Kriegsgeheul", mit der man die derzeitige Spannung mit Russland nicht noch verschärfen dürfe. Vor allem die osteuropäischen Mitgliedsstaaten der Nato sehen sich bedroht, seit Russland völkerrechtswidrig die ukrainische Halbinsel Krim annektiert hatte.

General Hodges schilderte zudem zahlreiche Mängel, die Nato-Truppen aus 22 Ländern während Anakonda in Polen bei ihrer Zusammenarbeit festgestellt hätten. Dazu zähle, dass schweres Gerät nicht schnell genug von West- nach Osteuropa verlegt werden könnte. Große Sorgen, so Hodges, mache ihm auch die Kommunikationstechnik innerhalb des Bündnisses. "Weder Funk noch E-Mail sind sicher. Ich gehe davon aus, dass alles, was ich von meinem Blackberry aus schreibe, mitgelesen wird."