Glaubt man dem scheidenden britischen Premierminister, dann war sein letzter Gipfel in Brüssel eine herzerwärmende Angelegenheit. "Ich hätte mir gewünscht, dass die Menschen zu Hause einige der Diskussionen hätten hören können, die wir beim Abendessen hatten", sagte David Cameron. Sein estnischer Amtskollege habe daran erinnert, wie die britische Navy vor hundert Jahren half, die Unabhängigkeit seines Landes zu sichern. Der tschechische Premier habe von den politischen Flüchtlingen der Jahre 1948 und 1968 gesprochen, die in Großbritannien Aufnahme fanden. Frankreichs Präsident werde diese Woche die Schlachtfelder an der Somme besuchen, wo britische und französische Soldaten Seite an Seite kämpften. Nie seien die Beziehungen zwischen Iren und Briten besser gewesen als unter dem gemeinsamen Dach der Europäischen Union.

Warum Cameron erst jetzt, wo alles zu spät ist, sein Herz für Europa entdeckt, bleibt sein Geheimnis. Zuvor war er sechs Jahre lang in Brüssel mit der klaren Botschaft aufgetreten, die EU sei eine supranationale Organisation wie jede andere, in der es nur darum gehe, möglichst viel für das eigene Land herauszuschlagen. Nun aber erklärt er, es sei "unmöglich, alle Vorzüge einer Mitgliedschaft zu genießen, ohne die Kosten zu tragen. Der gemeinsame Markt umfasst Waren, Dienstleistungen, Kapital – und Menschen. Das gehört alles zusammen". Die Briten müssten verstehen, dass es in ihrem eigenen Interesse liege, dass die Menschen in Osteuropa mittelfristig denselben Lebensstandard genießen könnten wie sie selbst.

"Lasst uns einen vernünftigen Freihandelsvertrag schließen"

Während Camerons Abschiedsdinner mit seinen 27 Amtskollegen von leiser Traurigkeit und sanftem Bedauern geprägt war, wie auch Kanzlerin Merkel bestätigte, war noch am Morgen im Europaparlament blanke Wut zu spüren. Der zur grünen Fraktion gehörende Schotte Alyn Smith erklärte mit Verve, er sei ein stolzer Europäer und wolle Teil einer weltoffenen Gemeinschaft bleiben. "Wir werden einen klaren Kopf brauchen und ein heißes Herz. Aber bitte, vergessen Sie nicht: Schottland hat Sie nicht im Stich gelassen. Bitte, liebe Kollegen, lassen Sie nun Schottland nicht allein!" Als er seine Ansprache beendet hatte, erhoben sich die Abgeordneten applaudierend von ihren Plätzen und umringten ihn, als wollten sie ihn vor dem böse grinsenden Nigel Farage, dem Anführer der Austrittskampagne, beschützen.

Der kostete seinen Sieg weidlich aus. "Als ich vor 17 Jahren hier angetreten bin mit dem Programm, Großbritannien aus der EU zu führen, haben Sie mich ausgelacht. Jetzt lachen Sie nicht mehr." Und er schickte gleich noch eine Drohung hinterher: "Wenn nun britische Import-Pkw mit Zöllen belegt würden, wären Tausende deutsche Arbeiter ihre Jobs los. Wir müssen uns pragmatisch, vernünftig, erwachsen und realistisch verhalten. Lasst uns einen vernünftigen Freihandelsvertrag abschließen." Der Rest seiner Rede ging in höhnischem Gelächter unter. So groß ist der Zorn der meisten Abgeordneten auf Farage, der über die Jahre viele mit seiner Häme verletzt hat, dass Parlamentspräsident Martin Schulz eingreifen und an das Recht auf freie Rede erinnern muss, das in diesem Haus für jeden gelte.