Die EU-Befürworter in Großbritannien haben laut einer Umfrage erstmals wieder die Führung übernommen. Mit 45 Prozent liegen sie drei Punkte vor den EU-Gegnern, berichtete die Nachrichtenagentur Press Association am Samstag unter Berufung auf eine Studie des Instituts Survation für die Zeitung Mail on Sunday.

Dies könnte an den Warnungen vor wirtschaftlichen Verlusten liegen. Aber: Auch die Trauer um die ermordete Brexit-Gegnerin Jo Cox hat die Stimmungslage im Land verändert. Eine kurz vor dem Attentat am Donnerstag veröffentlichte Erhebung derselben Forschungsgruppe hatte noch das genau umgekehrte Verhältnis gezeigt.

Die Briten stimmen am Donnerstag, den 23. Juni, in einem Referendum darüber ab, ob ihr Land sich von der EU trennen oder Mitglied bleiben soll.

Nach dem Attentat auf Jo Cox nehmen britische Spitzenpolitiker an diesem Sonntag den Brexit-Wahlkampf wieder auf; sowohl Premier Cameron als auch Justizminister Michael Gove, ein Austrittswortführer, wollen öffentlich auftreten. Mit Spannung wird erwartet, ob die Wortführer beider Lager ihren Ton im Wahlkampf mäßigen; Kritiker hatten moniert, die Debatte sei zuletzt immer giftiger geführt worden. Sowohl Cameron als auch Labour-Oppositionschef Jeremy Corbyn plädierten nach dem Attentat dafür, Hass und Intoleranz in der Politik zu überwinden.

In einem Artikel für die Zeitung Sunday Telegraph erklärte Cameron, ein Austritt aus der EU wäre ein Rückschritt für das Vereinigte Königreich. Eine Vision wie die des Brexit-Befürworters Nigel Farage würde das Land eher spalten als einen. Der prominente Befürworter für einen EU-Ausstieg, Boris Johnson, sagte der Sun on Sunday, das Votum sei für die Briten eine einmalige Chance, ihr Leben zu ändern. 

Das Brexit-Kalkül: Austreten, Reformen erzwingen, wieder eintreten

Die Sunday Times empfahl ihren Lesern in einem Leitartikel, zunächst für einen Austritt zu stimmen. Das Kalkül: Wenn Großbritannien für einen Brexit stimmt, kann es den Druck auf die Europäische Union erhöhen. Wenn die EU sich dann auf Reformen einlässt, könnten die Briten nach einem zweiten Referendum immer noch in der Gemeinschaft bleiben. Die Sunday Times griff damit einen Vorschlag des ehemaligen Londoner Bürgermeisters Boris Johnson auf, einem der prominentesten Brexit-Verfechter.

Großbritanniens Premierminister David Cameron warnte seine Landsleute in der gleichen Zeitung vor dieser Rechnung. Die EU werde Großbritannien keine zweite Chance geben, wenn sich das Land einmal zum Austritt entschieden habe. "Das ist eine unumkehrbare Entscheidung mit sehr schlechten Konsequenzen für die britische Wirtschaft", sagte er. Cameron ist seit Beginn der Debatte ein entschiedener Brexit-Gegner.

Cameron machte jedoch klar, dass er auch im Falle eines Brexit nicht zurücktreten wolle. "Ich mache einfach weiter mit dem Job", sagte er der Sunday Times. Er habe ein klares Mandat der Wähler. "Es wird kein Urteil über mich sein, wie auch immer der Ausgang ist."

McAllister wirft Brexit-Lager schmutzigen Wahlkampf vor

Der deutsch-britische Europaabgeordnete David McAllister (CDU) hielt den Brexit-Befürwortern vor, beim Thema Zuwanderung mit falschen Fakten Ängste zu schüren und die Gegenseite persönlich zu diskreditieren. "Dafür stellen sie Fakten auf den Kopf", sagte McAllister der Bild am Sonntag. "Den wirtschaftlichen Argumenten der EU-Befürworter kann das 'Leave'-Lager kaum etwas entgegensetzen."

Nach McAllisters Ansicht würden Großbritannien, die EU und Deutschland bei einem Brexit verlieren. Allerdings seien die wirtschaftlichen Folgen für die Briten "am gravierendsten", sagte McAllister. Rund die Hälfte der britischen Exporte gingen in EU-Staaten. "Bis zu drei Millionen Arbeitsplätze hängen mit dem Binnenmarkt zusammen. Es wird zu Einkommensverlusten kommen", sagte er. Der Sohn eines Schotten und einer Deutschen, der zwei Pässe hat, erwartet einen knappen Sieg der EU-Befürworter. "Mein Gefühl und meine Hoffnung ist, dass es am Ende knapp reichen wird", sagte McAllister.

Einem Drittel der Deutschen ist das Referendum "egal"

Einer Umfrage zufolge würden sich nur sieben Prozent der Deutschen über einen Austritt Großbritanniens freuen. 58 Prozent würden es dagegen bedauern, wenn das Land die EU verlässt. 30 Prozent der Deutschen wäre es laut einer Emnid-Umfrage egal, wenn die Briten am Donnerstag für den Brexit stimmen.

Anton Börner, Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), warnte vor massiven wirtschaftlichen Schäden auch für Deutschland, wenn Großbritannien die EU verlassen sollte. "Deutschland wird der große Verlierer sein", sagte er der Bild am Sonntag. "Mittelfristig verlieren wir mit Großbritannien den wichtigsten Verbündeten für Freihandel und eine vernünftige Wirtschaftspolitik in Europa." Nach dem Brexit werde die EU-Wirtschaftspolitik von den südlichen EU-Ländern dominiert. Darunter werde die deutsche Wirtschaft leiden. "Uns drohen massive Wohlstandverluste in der Zukunft", fürchtet Börner.