Ich lebe seit 18 Jahren in Großbritannien, einem Land von dem das Vorurteil behauptet, es sei von hoffnungslosen Insulanern bewohnt, die sich immer noch im britischen Empire wähnen. Ich habe dieses Land anders kennengelernt. Unter meinen englischen Bekannten gibt es vielleicht einen Einzigen, der der EU den Rücken kehren will. Den exzentrischen Klischee-Engländer, der einfach nicht begreift, dass die Zeiten von Rule, Britannia vorbei sind, kenne ich vor allem aus Kolumnen vom Kontinent.

Gewiss, insgesamt ist Großbritannien europaskeptischer als die meisten anderen EU-Staaten. Aber warum identifizieren wir das gesamte Land ausschließlich mit der Hälfte seiner Bewohner, die für den Brexit ist? Warum lassen wir zu, dass unser Bild Großbritanniens bestimmt wird von englischen Nationalisten und Kleingeistern? Ich habe das andere Lager aufgesucht und drei überzeugten Europäern eine Frage gestellt: Warum lieben Sie Europa?

Der glühende Europäer

John Stevens ist aufgebracht, er geht mit schnellen Schritten durch die holzgetäfelte Bibliothek seines Hauses mitten in London. Im Kamin flackert das Gasfeuer, der englische Frühling ist kalt. "Europa", sagt er laut, "was für ein großartiger Kontinent." Ihn treibt die Sorge um, dass sich Großbritannien am Donnerstag von dieser Großartigkeit verabschieden könnte. Es geht ihm, und da scheut er sich nicht, pathetisch zu werden, um "die Kraft und den Fortbestand der europäischen Zivilisation".

Stevens wurde 1955 in den USA geboren und kehrte als 8-Jähriger mit seinen Eltern nach Europa zurück. Noch immer zieht er gern Vergleiche: "Mit dem Auto durch Europa zu reisen ist umwerfend. Die Geschichte, die Landschaften, und die Unterschiede der Kulturen. Amerika ist langweilig dagegen."

Wieder in England besuchte Stevens die traditionsreiche Privatschule Winchester. Jeden Morgen ging er auf dem Weg zum Unterricht durch einen Kreuzgang mit Kriegsdenkmälern mit den Namen der Absolventen, die in den Weltkriegen gefallen waren. Sein eigener Vater war Fallschirmjäger im Kampf gegen Nazideutschland und eine Art Kriegsheld. "Ich gehöre wahrscheinlich zur letzten Generation, die eine klassische imperiale Erziehung durchlaufen hat", sagt Stevens, "getränkt von dem Geist, dass wir ein besonderes Volk sind."

Stevens gehört zur konservativen britischen Elite, die die Europäische Union als Alternative zum Empire sieht. "Britannien hat eine imperiale Geschichte und ist ein Land, das Größe braucht. Teil der europäischen Macht zu sein, ist der einzige Weg, unseren Einflussbereich in einer neuen Welt zu bewahren."  

1977, nach seinem Jurastudium in Oxford, zog Stevens nach München, er wollte Deutsch lernen. Das Land beeindruckte ihn mit seinem Erneuerungswillen und seinen durchlässigen Klassengrenzen. Großbritannien habe dagegen wie ein Museum gewirkt, sagt er. Als er ein Jahr später nach London zurückkehrte, war er ein glühender Europäer und Thatcher-Anhänger. Er trat der konservativen Partei bei, weil er sie für die Partei Europas hielt. 1989 kandidierte er für das Europäische Parlament, als erfahrener Devisenhändler wollte er dort bei der Gestaltung der Gemeinschaftswährung mitwirken. Die kommenden zehn Jahre war er stellvertretender Vorsitzender im Währungsunterausschuss in Brüssel.

Während Stevens im EU-Parlament für den Euro arbeitete, entfremdete sich seine Partei immer weiter von der Union. Schon ein Jahr zuvor, 1988, hatte Margaret Thatcher ihre berühmte Brügge-Rede gegen den europäischen Suprastaat gehalten. 1990 schleuderte sie dem Kommissionspräsidenten Jaques Delors, der die EU weiter integrieren wollte, ihr dreifaches Nein entgegen. Dabei waren viele Tories europafreundlicher als ihre Parteivorsitzende. Etwa Thatchers Vizepremier Geoffrey Howe, der aus Protest gegen ihr "No! No! No!" zurücktrat. Kurz darauf stürzte die Premierministerin selbst. "Thatcher musste gehen, weil sie zu anti-europäisch war", sagt Stevens. 

Aber der Einfluss der Europhoben wuchs und der Graben zwischen ihnen und den Europabefürwortern wurde tiefer. Als die gespaltenen Tories 1997 einem jungenhaft strahlenden Tony Blair unterlagen, machte die Partei den ebenfalls jungen, aber vor allem strikt euroskeptischen William Hague zu ihrem neuen Vorsitzenden. Der Wandel der einst pro-europäischen Konservativen war perfekt. Als Stevens sich weigerte, gegen den Euro Position zu beziehen, wurde er als Europa-Abgeordneter abgesetzt. Er trat aus der Partei aus.

Seine Überzeugung aber ist geblieben: Ganz tief drinnen, wüssten die meisten Europäer, dass sie zusammenhalten müssten, sagt Stevens. "Wir sollten darauf vertrauen."