Während die Politiker in Großbritannien den EU-Austritt eher hinauszögern wollen, kann es manchen Brexit-Befürwortern gar nicht schnell genug gehen: Sie wollen vor allem Konsequenzen beim Thema Einwanderung sehen – und werden offenbar selbst aktiv. Aus allen Teilen des Landes berichten Briten von verbalen und physischen Übergriffen auf Mitbürger mit Migrationshintergrund. Von einer "Welle des Hasses" schreibt die Zeitung The Independent.

"Verlasst die EU/Kein Polnisches Ungeziefer mehr", stand auf Englisch und auf Polnisch auf sorgfältig laminierten Zetteln, die im südost-englischen Cambridgeshire nach dem Referendum vor einer Grundschule und in Briefkästen von Familien mit polnischen Namen gefunden wurden. Auch im weltoffenen London wurde die polnische Community zur Zielscheibe: Ein Kulturzentrum im Westen der Stadt wurde am Wochenende laut Polizeiangaben mit fremdenfeindlichen Graffitis beschmiert. 

Die Einwanderung aus Osteuropa war im Wahlkampf vor dem EU-Referendum am vergangenen Donnerstag eines der Kernthemen der Leave-Kampagne gewesen. Auch nach dem Sieg der Austrittsbefürworter hat sich der Ton von Boulevardmedien wie der konservativen Sun nicht geändert: "Straßen voller polnischer Läden, Kinder, die kein Englisch sprechen ... aber der Union Jack weht jetzt wieder!", kommentierte die Zeitung das Ergebnis.

Artikel auf der Website der Boulevardzeitung "The Sun" © Screenshot ZEIT ONLINE

Geschockt und besorgt

"Wir sind geschockt und besorgt über die fremdenfeindlichen Schmähungen, denen Mitglieder der polnischen Community und andere britische Bewohner mit Migrationshintergrund in den vergangenen Tagen ausgesetzt waren," schreibt die polnische Botschaft in London dazu in einer Pressemitteilung. Während die Polizei bisher nur die Fälle in London und Cambridgeshire offiziell bestätigt hat, häufen sich in sozialen Medien Augenzeugenberichte von ähnlichen Vorfällen: "Die Leute am Tisch neben mir haben gerade die polnische Kellnerin gefragt 'Warum bist du so glücklich? Du gehst nach Hause' und beide gelacht. Widerlich," schreibt ein Redakteur der Huffington Post auf Twitter.

Auf Facebook werden Screenshots von Tweets, SMS und Facebook-Kommentaren in einem Album namens Worrying Signs (Beunruhigende Anzeichen) gesammelt. Sie beschreiben Situationen auf der Straße, auf der Arbeit oder in öffentlichen Verkehrsmitteln: "Ich war am Wochenende in Mittelengland. Frage meinen Taxifahrer: Warum hast du für Leave gestimmt? – Er: Um Pack wie euch loszuwerden!" Ein Arzt berichtet: "Ein Kollege von mir, der Sikh ist, wurde gestern gefragt: Warum bist du nicht in einem Flugzeug zurück nach Pakistan? Wir haben euch rausgewählt!" Und ein junger Mann meldet, was ihm in Gloucester im Supermarkt zugerufen wurde: "Das ist England, Ausländer haben 48 Stunden, um sich zu verpissen."

Viele der Augenzeugen zeigen sich geschockt: "Diese Situation ist genau das, wovor ich am meisten Angst hatte: eine Atmosphäre, in der Leute glauben, es sei in Ordnung, ein fremdenfeindlicher Idiot zu sein," schreibt eine Nutzerin unter einem Bericht über einen Kunden in ihrem Café. Der Mann hatte sich geweigert, seine Bestellung bei einer italienischen Kellnerin aufzugeben, und nach einer englischen Bedienung gefragt.

Polen und Muslime besonders betroffen

Kritiker hatten die Brexit-Kampagne immer wieder als rassistisch kritisiert und ihr vorgeworfen, die britische Gesellschaft zu spalten. Die aggressive Rhetorik der Leave-Kampagne war von einigen Kommentatoren bereits vor dem Referendum für das tödliche Attentat auf die Politikerin Jo Cox verantwortlich gemacht worden.

Auch im britischen Unterhaus kam das Thema am Montag zur Sprache: Premierminister David Cameron nannte die Anfeindungen gegen Menschen mit Migrationshintergrund absolut inakzeptabel. Labour-Parteichef Jeremy Corbyn machte den aggressiven Ton der Leave-Kampagne für die Übergriffe verantwortlich.

Paul Giannasi, der eine Task Force der britischen Polizei gegen Hate Speech leitet, sagt: "Wir kooperieren mit zivilgesellschaftlichen Gruppen, die alle von einem Anstieg an fremdenfeindlichen Übergriffen berichten, viele davon explizit mit Bezug auf Brexit." Als zwei besonders betroffene Gruppen nennt er Polen und Muslime in Großbritannien.

Dennoch warnt er vor voreiligen Schlüssen: "Es kann sein, dass es wirklich einen Anstieg an fremdenfeindlichen Übergriffen nach dem Referendum gab. Es ist aber auch möglich, dass die Leute für solche Vorfälle sensibilisiert sind und sie nur stärker wahrnehmen." Hinzu käme, dass nicht alle fremdenfeindlich motivierten Straftaten sofort als solche identifiziert würden – manchmal dauere das ein paar Tage oder Wochen.

Giannasi beobachtet in seiner Arbeit, wie der Wahlkampf die britische Gesellschaft polarisiert hat: "Einerseits fühlen sich Menschen mit fremdenfeindlichen Ansichten ermutigt, diese zu äußern", sagt er. Andererseits gäbe es aber auch mehr Menschen, die versuchten, dem entgegenzuwirken. So habe beispielsweise die Zahl der Freiwilligen, die sich an dem Projekt "No Hate Speech" beteiligen, das sich gegen Hasskommentare im Internet wendet, deutlich zugenommen. Organisiert und mitfinanziert wird die Initiative ausgerechnet vom Europarat.