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    Der Aktivist Benjamin Sears unterwegs in Glasgow © Kalpesh Lathigra für ZEIT ONLINE

    Für den Brexit, bitte klingeln

    Glasgow, noch 681 Kilometer bis zum Kontinent: Anderthalb Wochen vor der großen Entscheidung klemmt sich Benjamin Sears einen Stapel Papier unter den Arm und läuft los, um sein Land vor der EU zu retten. Es ist ein regnerischer Nachmittag in Toryglen, einer Vorstadtsiedlung im Süden von Glasgow. Sears läuft mit großen Schritten, er hat sehr wenig Zeit, am Abend muss er schon wieder auf einer Veranstaltung sprechen. Er läuft vorbei an einem Supermarkt, an Fußballfeldern und Vorstadtwiesen auf die Hochhaussiedlung am Ende einer Ausfallstraße zu. Dorthin, wo sich am 23. Juni auch entscheiden könnte, ob Großbritannien in der EU bleibt oder nicht.

    Am Morgen hat die Datenbank der Kampagnenzentrale in London wieder Hunderte Namen und Adressen an Sears geschickt. Es sind Wähler, von denen die Datenanalysten glauben, dass sie empfänglich sind für die Kampagne der EU-Gegner: Arbeiter, einfache Angestellte, unentschiedene Wähler.

    Zusammen mit drei anderen Freiwilligen wird Sears nun bei jedem klingeln, um sie von einem Austritt aus der EU zu überzeugen. So macht er es seit Monaten. Straße für Straße, Haus für Haus. „Die Stimmung kippt gerade“, sagt Sears. Seit einiger Zeit sehen einige Umfragen die Kampagne für den Austritt Großbritanniens vorn. Manche Institute sogar um mehr als sechs Prozent.

    Sears ist 23 Jahre alt. Er trägt Segelschuhe, Segeljacke, eine Kastenbrille und einen roten Kapuzenpullover, auf dem „Vote Leave“ steht. Bis vor Kurzem hat er in Glasgow Volkswirtschaft studiert, im Frühjahr waren seine letzten Prüfungen. Als sich dann im Februar in Glasgow eine Kampagne für den EU-Austritt bildete, hat er sich freiwillig gemeldet. Seitdem macht er kaum noch etwas anderes. Manchmal ist er sechzig Stunden die Woche unterwegs.

    Sears biegt in eine Seitenstraße ein und bleibt vor einem Häuserblock stehen. Zehn Stockwerke, die rosafarbene Fassade blättert ab. Im gefliesten Hausflur riecht es nach Urin. Der Fahrstuhl ist kaputt und mit Graffitis beschmiert. Auf dem Klingelschild rund 40 Namen: Murray, McMillan, Rodger... die meisten stehen auf der Liste von Sears.

    „Hi, wir kommen von der Vote-Leave-Kampagne, dürfen wir kurz reinkommen?“ Keine Antwort. Sears klingelt bei dem nächsten Namen auf der Liste. Eine Stimme krächzt aus einem Lautsprecher: „Kommt hoch.“

    Sears ist Teil eines Netzwerkes, das sich auf Flugblättern als die am „schnellsten wachsende Graswurzelbewegung“ in Großbritannien bezeichnet. Mehr als 10.000 Aktivisten versuchen gerade im ganzen Land, im letzten Moment die Stimmung zu drehen. Wie in anderen Kampagnen der jüngsten Zeit verwenden auch die Brexit-Befürworter Daten und Algorithmen, um die Wähler zu identifizieren, auf die es ankommt. Besonders wichtig sind im Moment die einfachen Leute, wichtig ist das klassische Arbeitermilieu.

    Glasgow, Schottlands größte Stadt im Norden der Insel, ist für Aktivisten wie Sears kein leichtes Terrain. Die Stadt mit ihren 600.000 Einwohnern ist den Umfragen zufolge noch immer mehrheitlich für den Verbleib in der EU, so wie auch der Rest der Schotten. Zwar sind viele Bürger für ein unabhängiges Schottland. Doch unabhängig will man vor allem von London sein, nicht von Brüssel. Sollte es zum Austritt kommen, rechnen viele in Schottland damit, dass die regierende Scottish National Party ein zweites Referendum über eine Abspaltung vom Königreich fordert. Irgendwann könnte Schottland dann sogar wieder Mitglied der EU werden.

    Im zweiten Stock wartet ein Mann namens Michael vor seiner Haustür. Er ist Mitte 40, trägt ein rosafarbenes Hemd, um den Hals die Chipkarte einer Supermarkt-Kette, für die er arbeitet. Ob er wisse, was er am 23. Juni wählen werde, fragt Sears. „Nein“, antwortet Michael. Aber er habe wegen des Referendums Angst um seinen Job. Der Supermarkt, in dem er arbeite, gehöre einer Firma aus Spanien. Komme der Brexit, könnten die Besitzer entscheiden, die Filiale zu schließen. „Es ist eine schwierige Entscheidung“, sagt er. „Beide Seiten haben gute Argumente.“

    Die Kampagnenzentrale hat für jeden Wähler eine Skala entwickelt: 1 steht für „wahrscheinlich für den Austritt“, 5 steht für „wahrscheinlich dagegen“. Sears schreibt hinter Michaels Namen eine Drei: „Unentschlossen“. Am Tag des Referendums wollen die Aktivisten viele der Unentschlossenen nochmals besuchen, um sie zur Wahl zu bewegen. Sears notiert sich auch, auf welches der drei wichtigsten Argumente der EU-Gegner die Leute anspringen. Die Argumente lauten: Cost, Control, Borders.

    Das Cost-Argument geht so: Großbritannien hat in den vergangenen Jahren viel mehr Geld für die EU bezahlt, als dass die EU zurückbezahlt hat. Brüssel kostet mehr, als dass es nützt. Zum Beispiel bei den Agrarsubventionen, von denen vor allem die Franzosen etwas hatten.

    Das Control-Argument zielt auf Brüssel als zentralistisches Monster: Fast die Hälfte aller Gesetze, die die Briten betreffen, lautet die Behauptung, würde mittlerweile in Brüssel gemacht. Nur mit einem Austritt gäbe es wieder die volle Souveränität.

    Zuletzt das Border-Argument, das derzeit am meisten verfängt: Hat die deutsche Kanzlerin Angela Merkel nicht Hunderttausende Flüchtlinge nach Europa eingeladen und damit der gesamten EU eine Flüchtlingskrise beschert? Ohne die EU, heißt es, könnten die Briten kriminelle Ausländer schneller ausweisen und die Kontrolle über die eigenen Grenzen zurückgewinnen. Sears sagt, dass er die drei Argumente allein in der vergangenen Woche bestimmt 100 Mal vorgetragen hat.

    Glaubt er sie denn selbst?

    „Natürlich“, sagt er. „Die EU hat ein Problem: Sie ist zutiefst undemokratisch. Deshalb ist es nur vernünftig, wenn wir die Kontrolle zurückhaben wollen.“ Je länger man ihm zuhört, desto stärker ist der Eindruck, dass Sears einen Kampf für seine tiefsten Überzeugungen kämpft. „Gerade die junge Generation sollte anfangen, selbstständig zu denken und die richtigen Schlüsse zu ziehen.“ Rund 60 Prozent der Unter-24-Jährigen sind derzeit für einen Verbleib in der EU.

    Als Sears und seine Helfer den Häuserblock verlassen, lautet die Bilanz: Eine Handvoll Unentschlossene. Und deutlich mehr Wähler, die raus wollen aus der EU. Sears sagt, seit Anfang dieser Woche glaube er zum ersten Mal wirklich daran, dass die Sache klappen könnte. Von Tag zu Tag, von Haus zu Haus werde er optimistischer.

    Wachman Dave im Hylton Castle Working Men's Club © Kalpesh Lathigra für ZEIT ONLINE

    Dave, der Wachmann

    Sunderland, noch 603 Kilometer bis zum Kontinent: Dave, der Wachmann, kann sich nicht erinnern, wann er den Glauben an Europa verloren hat. Vor zehn Jahren? Vielleicht zwölf? Überhaupt, was soll das in diesen Tagen heißen: für Europa zu sein? Er sei doch für Europa, sagt Dave. Wenn nur die Migranten nicht wären.

    Dave ist ein leicht untersetzter Mann, der Jeans mit Aufdruck trägt und selbstgedrehte Zigaretten raucht. Er ist 51 Jahre alt. An diesem Nachmittag sitzt er im Hylton Castle Working Men’s Club von Sunderland, ein flacher Backsteinbau mit kleinen Fenstern in einem Wohnviertel am Stadtrand. Um ihn herum stehen Arbeiter mit orangefarbenen Warnwesten am Tresen und nippen an ihrem Feierabendbier. In der Ecke piepst ein Flipperautomat.

    Hier, in diesem Milieu, hat Labour in den vergangenen Jahren die Wahlen verloren. Und hier, im Nordosten des Landes, könnten die Europa-Befürworter die nächste Abstimmung verlieren. Sunderland liegt an der Ostküste, eine Arbeiterstadt im Workers-Belt, 180.000 Einwohner, rund neun Prozent Arbeitslosigkeit, weit mehr als im Durchschnitt des Landes. Die europafeindliche Ukip-Partei von Nigel Farage holt in Sunderland mittlerweile jede fünfte Stimme. Laut aktueller Umfragen wird beim EU-Referendum am 23. Juni eine Mehrheit für den Austritt Großbritanniens stimmen. Auch Dave wird sein Kreuz gegen Europa setzen.

    Dave wurde in den sechziger Jahren in Sunderland geboren. Die Stadt ist damals ein Zentrum der britischen Kohle- und Werftenindustrie. Sein Vater stirbt, als er zehn ist, die Mutter zieht ihn alleine groß. In den frühen achtziger Jahren macht er eine Lehre als Fernseh- und Videoingenieur, lernt seine Frau kennen und beginnt, in einem Fernsehgeschäft in der Innenstadt zu arbeiten.

    Es ist die Zeit, in der Margaret Thatcher an die Macht kommt und das alte britische Wirtschaftsmodell zerschlägt. In Sunderland verschwindet die Schwerindustrie, erst die Werften, dann die Kohleindustrie, und unter den Arbeitern wächst der Hass auf die Konservativen. Im Jahr 1984 eröffnet der japanische Autokonzern Nissan ein Werk in Sunderland. Bis heute ist das Unternehmen der größte Arbeitgeber in der Stadt. Mitte der Neunziger kommt Daves erster Sohn auf die Welt. Er nimmt einen Kredit auf und kauft eines der Backsteinhäuser in Sunderland, in denen die Arbeiter der Stadt leben, die zu etwas Geld gekommen sind. Er wählt Labour, so wie es seine Eltern gemacht haben und es die meisten Kollegen tun.

    Bis Dave im Jahr 2000 sich durch einen Arbeitsunfall den Rücken ruiniert. Er muss pausieren, um gesund zu werden, geht aber doch hin und verliert den Versicherungsschutz für den Hauskredit. Eine Klausel im Vertrag, die er übersehen hat. Er kann den Kredit nicht mehr begleichen, muss den Hauskauf aufgeben, sein Rücken wird nicht besser, er wechselt mehrmals den Job, am Ende findet er nur noch eine Stelle als Sicherheitsmann. Plötzlich verdient er Mindestlohn.

    In dieser Zeit des Abstiegs beginnt sich seine Verzweiflung in eine Wut auf die Politik zu wandeln: Warum ist der Staat nicht da, wenn man ihn braucht? Warum erzählt Labour immer etwas von Arbeiterrechten, wenn das alles nicht hilft, wenn es drauf ankommt? Es ist ein Gefühl, das viele hier im Workers Club teilen: Labour, sagen sie, habe die kleinen Leute verraten. Niemand kann so recht begründen, warum, aber einig sind sich viele, dass die EU die Sache eher schlimmer gemacht hat. Hat man nicht gesehen, wie Europas Regierungen die Krisenländer im Süden kaputtgespart hat? Haben dort nicht auch die kleinen Leute gelitten? Und streicht nicht auch die britische Regierung gerade die Staatsausgaben zusammen? Musste nicht auch in Hylton Castle, gleich beim Workers Club, das kommunale Zentrum schließen?

    Dave muss härter arbeiten als zuvor, um das Geld für die Familie zusammenzubekommen. Mal hält er in den Autohäusern in der Stadt Wache, später in einem chinesischen Unternehmen, das in Sunderland ein Im- und Export-Geschäft mit Kleidung betreibt.

    Dort arbeitet er noch heute. Er schiebt sechs Tage die Woche Schichten, drei Mal nachts von sechs Uhr Abends bis sechs Uhr morgens, drei Mal tagsüber von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends. Immer im Wechsel, jeweils zwölf Stunden, ohne Pause. Er macht Patrouillengänge und er kontrolliert die Autos und Taschen der Mitarbeiter, damit nichts gestohlen wird.

    Sein Vertrag sieht vor, dass er nur dann Geld bekommt, wenn er wirklich arbeitet. Wenn er krank ist, bekommt er keins. Er hat gehört, dass diese Art der Verträge einst für die Migranten erfunden wurde, damit diese sich schneller in den Arbeitsmarkt integrieren. Dave sagt: Ich bin aber doch hier geboren, warum bekomme ich einen solchen Vertrag? Wenn es gut läuft, verdient er 1.200 Pfund im Monat, rund 1.500 Euro. Einmal pro Woche, sagt er, gehe in den Workers Club, um ein Bier zu trinken. Sein Leben mache ihn so müde.

    Jetzt, am unteren Ende der Gesellschaft, erscheint vieles für ihn in einem anderen Licht. Dave beobachtet, wie nach der EU-Osterweiterung mehr Arbeiter aus Osteuropa nach Sunderland kommen und Arbeit finden, manchmal zu besseren Bedingungen als er. Fast die Hälfte der neuen Einwanderer in Großbritannien kommt heute aus Osteuropa. Auch in seiner Firma arbeiten heute mehr Menschen aus Polen, Rumänien, Bulgarien. Er bekommt Angst, dass er irgendwann seinen Job verliert und einer der Einwanderer an seine Stelle rückt.

    Ihm ist egal, dass die Statistik angibt, dass die meisten Migranten der vergangenen Jahre keineswegs einheimische Jobs verdrängt haben, sondern eher neue Nachfrage nach Arbeit schufen. Dass in sechs Jahren, zwischen 2008 und 2014, lediglich zwei Millionen Einwanderer nach Großbritannien kamen – weniger als drei Prozent der britischen Bevölkerung. Dave findet: Es ist zu viel. „Jemand muss die Einwanderung stoppen. Und in der EU sind wir nicht in der Lage, die Grenzen dichtzumachen.“

    Natürlich, sagt Dave, habe Sunderland auch von der Globalisierung profitiert. Der Autohersteller Nissan beschäftigt in der Region 8.000 Menschen, weitere 32.000 über Zulieferer. Unter das Ortsschild hat die Stadt ein weiteres Schild gehängt: „Home of Nissan“. In Sunderland ist die Firma hoch angesehen, weil sie Arbeitsplätze schafft und relativ gut bezahlt. Im Falle eines Brexits hat der Konzern angekündigt, den Standort „überdenken“ zu wollen – auch wenn die Unternehmensleitung das später relativiert hat. Dave findet diese Abhängigkeit jedoch eher unheimlich.

    Dave wählt heute Ukip, die Rechtspopulisten. Er glaubt, dass es ihm besser geht, wenn jemand dafür sorgt, dass Großbritannien wieder eine Insel ist, mit geschlossenen Grenzen, geschützt vor der Welt. Von Politikern spricht er mit Verachtung, er hält sie für Verräter und Betrüger, die auch ihn betrogen haben. „Sie versprechen viel“, sagt er. „Und dann fallen sie einem in den Rücken.“ Der einzigen Person aus dem Establishment, der er noch vertraut, ist die Queen.

    Es ist schwer zu sagen, wie viel Rassismus in alldem steckt und was schlicht Verzweiflung ist: über das Leben und darüber, dass niemand hilft, wenn man ihn braucht. Sicher ist nur: Ein Wähler ist den Etablierten verloren gegangen, einer, der womöglich für den Verbleib in Europa stimmen würde, wenn es ihm besser ginge als jetzt. Für den 23. Juni, sagt Dave, stehe sein Entschluss fest. „Auf jeden Fall raus.“

    T, 18 Jahre alt (Life T-shirt, rauchend) mit seinen Freunden in Blackburn City neben der Queen Victoria Statue. © Kalpesh Lathigra für ZEIT ONLINE

    Das Ende eines Schokoriegels

    Blackburn, noch 561 Kilometer bis zum Kontinent: Nirgendwo sonst in Großbritannien gibt es mehr junge Menschen als in Blackburn, 100.000 Einwohner, gelegen im Nordwesten Englands, Grafschaft Lancashire, zwischen grünen Hügeln und Feldern. Jeder Vierte ist in Blackburn laut der Statistik jünger als 15 Jahre. Das örtliche Jugendzentrum („Youth Zone“) erinnert mit seiner Glasarchitektur und seinen mehr als hundert Mitarbeitern eher an eine Firmenzentrale als an einen Jugendclub. Blackburn ist ein guter Platz, um darüber zu reden, wie die britische Jugend zu Europa steht. Zumal viele hoffen, dass die Jungen im Land doch noch einen Austritt aus der EU verhindern.

    Eine Primark-Filiale, Handyshops, ein Pub namens Blue Lagoon. Unter einer strahlend weißen Statue von Queen Victoria hängt die Dorfjugend ab. Ein blondes Mädchen auf einem roten Sportmotorrad raucht, den Oberkörper auf den Lenker gelehnt, einen Joint. Einige skaten.

    Stephen*: Ganz klar Pro-Brexit! Nee, Scherz, ich weiß eigentlich nicht genug darüber. Außerdem bin ich noch zu jung, um zu wählen.

    Sheryl: Ich auch. Aber ich bin eher gegen den Brexit. Wenn Großbritannien nicht mehr in der EU wäre, gäbe es nämlich den Schokoriegel „Magic Starts“ nicht mehr. Der wird nur innerhalb der EU vertrieben. Steht so auf der Verpackung .... Hey, das war natürlich auch ein Scherz! Aber fragt doch mal T, der ist der Schlauste hier.

    Ein schmächtiger Junge in einer violetten North-Face-Jacke tritt nach vorne. Er zieht an einer Selbstgedrehten. Er heißt Talub, aber alle nennen ihn hier nur T. Er sagt, er sei gerade 18 geworden.

    T: Ich werd wohl auch nicht wählen gehen, obwohl ich könnte. Ich weiß, das ist keine coole Position, aber ehrlich: Es interessiert mich gerade nicht. Wenn ich über die Politik hier in Großbritannien nachdenke, werde ich wütend. Und ich will nicht meine Zeit damit verschwenden, wütend zu sein.

    George: Irgendwie hat man das Gefühl, dass gerade jeder die Wahrheit so zurechtbiegt, wie es ihm passt. Niemand sagt, wie es wirklich ist und was wirklich gut für Großbritannien wäre. Jeder hat seine Interessen.

    Stephen*: Es hat sicherlich Konsequenzen, wenn Großbritannien die EU verlässt. Aber ich kann schwer sagen, wie das mein Leben beeinflussen würde.

    T: Es ist doch auch alles schwer einzuschätzen. Wenn wir in der EU bleiben, werden wir vermutlich mehr Flüchtlinge aufnehmen. Ich denke eigentlich nicht, dass das ein großes Problem sein sollte. Andererseits gibt es da auch eine Grenze des Machbaren. Ich finde es schwer einzuschätzen, wo die liegt. Ich weiß, das ist keine sonderlich smarte Position. Aber ich habe das Gefühl, das ich mich da raushalten will.

    Mark: Ich habe gelesen, dass es für die Wirtschaft egal ist, ob wir drinbleiben oder draußen. Nur ein Bruchteil der Geschäfte hängt doch von Europa ab. Die britische Wirtschaft ist alleine stark genug.

    Schweigen in der Runde.

    T: Wenn du in Blackburn lebst, geht es auch noch um ein paar andere Dinge außer Europa. Zum Beispiel, ob wir in Ruhe hier Skateboard fahren können und die Leute der Gemeinde nicht die Polizei rufen, weil wir angeblich zu laut sind. Nein, im Ernst. Ich zum Beispiel lebe oben auf dem Hügel in einem Viertel bei meinen Eltern, in der pakistanischen Community, der größten Ausländergemeinde hier in Blackburn. Meine Eltern kamen in den Siebzigern her, ich bin hier geboren und zur Schule gegangen. Vor ein paar Monaten habe ich ihnen gesagt, dass ich von hier weggehen werde und dass ich auch mit ihrer Religion nichts mehr zu tun haben will. Das war schwer. Unser Verhältnis ist seither schwierig.

    Julian: Meine Eltern sind Christen, wir sind vor einigen Jahren aus Amerika hergekommen, aus Georgia. Sie können auch nicht verstehen, dass ich mit ihrer Religion nichts mehr anfangen kann und von hier wegwill.

    T: Ich habe noch zwei Jahre auf dem College. Solange muss ich in Blackburn bleiben. Danach will ich so bald es geht weg von hier, nach Manchester, zum Studieren. Aufwachsen in Blackburn ist ziemlich scheiße, ehrlich. Man hat einfach zu wenige Möglichkeiten. Ich möchte was aus meinem Leben machen, mehr als bisher. Ich will Audiotechniker werden, ich will der Typ sein, zu dem die Musiker ins Studio kommen, wenn sie Aufnahmen machen wollen. Wenn das schiefgeht, kann ich immer noch zum Radio. Vor allem aber will ich ein freundlicher Mensch sein, meine eigene Perspektive auf das Leben entwickeln. Das sind gerade meine Ziele. Was kann ich gemessen daran in der Politik bewirken?

    * Namen von der Redaktion geändert.

    Die Promenade von Blackpool © Kalpesh Lathigra für ZEIT ONLINE

    Der Euro-Tower

    Blackpool, noch 586 Kilometer bis zum Kontinent: Die Strandpromenade ist bunt und hübsch, so wie Strandpromenaden nun mal so sind. Nur, dass in Blackpool die Zeit an den Gebäuden genagt hat und alles etwas billiger daherkommt. Im Möbelladen gibt es gebrauchte Couches mir rosa Plüschbezug (40 Pfund, reduziert), im gelb gestrichenen Bingo-Store das Spiel zu zehn Cent, und das Restaurant des Edwardian Hotels verspricht: „Wir machen die ganze Familie satt, zwei Erwachsene, zwei Kinder, für zehn Pfund.“ Fast nur alte Menschen: Auffallend oft begegnen einem Rentner auf elektrischen Rollstühlen. Ein Werbeschild behauptet, in Blackpool gebe es mehr Hotelbetten als in ganz Portugal, was vielleicht doch ein wenig übertrieben ist. Rund 13 Millionen Besucher verzeichnet die Tourismusbehörde offiziell jedes Jahr.

    Blackpool an der Westküste ist seit Jahrzehnten ein Urlaubsort für jene Briten, die sich Trips in die weite Welt nicht leisten konnten. Manche kommen seit Jahren jeden Sommer. Wer sich unter den Touristen umhört, hört den Trotz der Daheimgebliebenen: Ist doch auch schön hier. Die meisten Einheimischen sind passenderweise europaskeptisch, aus den bekannten Gründen: zu viele Migranten, zu viele Millionen nach Brüssel, zu viele Eingriffe in die nationale Gesetzgebung. Wenn Blackpool am 23. Juni allein entscheiden dürfte, wäre Großbritannien raus.

    Besuch im Rathaus, ein gläserner Neubau nahe dem Bahnhof. Eine Pressefrau will die Frage nicht beantworten, was ein EU-Austritt für die Stadt mit ihren Millionen Touristen aus ganz Europa bedeuten würde. Man wollte sich vor dem Referendum „neutral“ verhalten. Eine Zahl nennt sie dann doch: 25 Millionen Euro hat Blackpool in den vergangenen zehn Jahren aus EU-Fördermitteln erhalten, unter anderem hat die Stadt mit dem Geld die Strandpromenade renoviert. Fast 14 Millionen flossen wiederum in den Kauf der größten Touristenattraktionen der Stadt: der Wintergarten, vor allem aber der Blackpool Tower.

    Der Blackpool Tower ist, und das ist für den erstmaligen Besucher einigermaßen überraschend, ein fast exakter Nachbau des Eiffelturms in Paris. Bauen ließ ihn Ende des 19. Jahrhunderts der damalige Bürgermeister von Blackpool, John Bickerstaffe, nachdem er beeindruckt von der Weltausstellung in Paris zurückkam. Der Turm von Blackpool ist rund 150 Meter hoch, er hat sechs Stockwerke, und anders als sein Vorbild in Frankreich beherbergt er in seinem Inneren eine Unterhaltungshölle, die vom britischen Unterhaltungskonzern Merlin betrieben wird.

    Danny, ein freundlicher Angestellter von Merlin, gibt eine Tour durch das Innere des Turms: Das 4-D-Kino, in dem der Zuschauer glauben soll, er fliege über Blackpool und lande mit anderen fröhlichen Touristen auf der Spitze des Turmes; der in rotem Samt gehaltene Zirkus im Keller, dessen Manege bei Bedarf mit Wasser geflutet werden kann; und der Riesenrenner: der große Ballroom mit zwei Orgeln, hängenden Goldbalkonen und einem haushohen Landschaftsgemälde, das San Vinzenco bei Florenz zeigt. 5.000 bis 6.000 Menschen besuchten den Tower in der Hochsaison am Tag, sagt Danny. „Wir sind seit Jahren rund um die Uhr ausgebucht.“

    Draußen, auf der Promenade, wo mittlerweile endlich mal die Sonne scheint, die Frage: Wenn Blackpool von der EU derart profitiert hat – wäre es nicht zumindest möglich, dass die Stadt etwas verliert, wenn Großbritannien die EU verlässt? Der Labour-Abgeordnete Gordon Marsdon, der für Blackpool im britischen Parlament sitzt, ist sich da zumindest sehr sicher. Die EU-Investitionen, sagt er, hätten das Leben der Menschen in Blackpool besser gemacht. Als ihn unlängst eine amerikanische Reporterin wegen der vielen Brexit-Befürworter in der Stadt besuchte, sagte er: „Es ist ein wenig wie in einem Monty-Python-Sketch: ‚Was haben die Römer jemals für uns getan?’ Wenn man dann auf die Dinge hinweist, sagen die Leute: ‚Ich habe nicht gewusst, dass das die EU war.’"

    Gespräche mit möglichst vielen Leuten auf der Straße. Zwei Rentner über 80, Cyril und Hilda, die Hand in Hand über die Promenade schlendern, wissen noch nicht, ob sie überhaupt wählen sollen – und wenn ja: was. „Interessiert uns auch nicht sonderlich“. Blackpool aber sei schön, nicht? Sie seien schon das zweite Mal hier. Zwei Damen mit stark gebräunter Haut und hochgestecktem Haar, die ein Geschäft mit hellblauen Kinderkutschen im Hello-Kitty-Stil betreiben, halten den Brexit für die richtige Lösung - wegen der vielen Migranten, die man hier nicht haben wolle.

    Nur eine Person ist an diesem Tag gegen den Austritt: Ein Mädchen, das sich Poppy nennt, Anfang 20, Joggingdress, laute Stimme. Ihr Argument ist zumindest geradeaus: „Ich will selbst in die Welt hinaus und in andere Länder reisen. Dann kann ich nicht einfach meine Grenzen dicht machen und so tun, als könne ich als Insel überleben.“ Die Art, in der viele Brexit-Befürworter gegen Migranten schimpfen, findet sie schlicht „rassistisch“.

    In den friedlich-beängstigenden Nachmittag auf der Promenade platzt die Nachricht, dass die Labour-Abgeordnete Jo Cox in Leeds auf offener Straße erschossen wurde. Der Attentäter soll laut Augenzeugen „Britain first“ gerufen haben. Wir fahren gleich morgen nach Leeds.

    © Kalpesh Lathigra für ZEIT ONLINE

    Ein milder Mann

    Birstall, noch 483 Kilometer bis zum Kontinent: Am Tag nach dem Attentat steht David Harras auf einem Feldweg oberhalb von Birstall und versucht, seine Erinnerung mit der Wirklichkeit abzugleichen. Noch am Vortag hat er sich im Fernsehen die Bilder des Mannes angesehen, dessen Gesicht mittlerweile die ganze Welt kennt und den er eigentlich zu kennen glaubte. Irgendwann hat er den Fernseher ausgemacht und ist vor die Tür gegangen. Unkraut jäten. Erst mal nachdenken.

    David Harras hat 15 Jahre lang gegenüber von Thomas M. gewohnt, dem Mann, der am Donnerstag dieser Woche in Birstall, einem Vorort südwestlich von Leeds, die Labour-Abgeordnete Jo Cox erschossen haben soll. M., sagt Harras, sei in seiner Erinnerung ein ruhiger und freundlicher Mann gewesen. Manchmal, wenn Harras in seiner Garage an seinem Auto schraubte, sei M. auf ein Gespräch vorbeigekommen. Man habe sich ganz gut mit ihm unterhalten können, sagt Harras, auch über Politik. M.s Meinungen seien immer ausgewogen gewesen, niemals extrem. Wenn es um Flüchtlinge gegangen sei, habe M. sogar um Verständnis geworben für das Elend der Menschen in Libyen oder Afghanistan. "Ich kriege das einfach nicht zusammen", sagt Harras.

    Einige Meter weiter unterhalb, auf dem rosengeschmückten Marktplatz von Birstall, ist eine Hundertschaft von Journalisten eingefallen, Reporter und Kamerateams aus aller Welt. Ein Mann im rosa Hemd, offenbar ein Augenzeuge, muss Dutzende Male vor der Kamera wiederholen, was er am Vortag beobachtet hat. Wie ein Mann mit weißer Cap – vermutlich M. – kurz vor ein Uhr auf der Market Street vor der Bibliothek auf Cox zulief, mit einem Messer zustach und anschließend mit einer Pistole mehrere Schüsse auf die Politikerin abgab. Wie die Polizei später eintraf, und die schwer verletzte Politikerin nach Leeds ins Krankenhaus fuhr, wo sie Stunden später starb. Der Vikar der Stadt, ein ergrauter hagerer Mann gibt ebenfalls Interviews, er spricht von einem "Schock" für die Gemeinde. Der Friseurladen Divine Hair Studio hat ein Schild rausgestellt: "RIP Jo Cox". Am Denkmal der Stadt – einer Statue des Chemikers Joseph Priestley – haben die Bewohner Blumen niedergelegt. An einem hängt ein Schild: "Fascists feed the Hate." Die Faschisten füttern den Hass.

    Es ist eine Deutung der Geschichte, die viele im Ort nicht wahrhaben wollen: dass der Mörder aus ideologischen Motiven gehandelt haben könnte. Dass der Hass auf das Fremde und auf Politiker wie Cox, die sich für Fremde und Flüchtlinge eingesetzt hat, das Motiv für M.s Tat gewesen sein könnte. Dass ihn womöglich sogar die aufgepeitschte Stimmung vor dem EU-Referendum, bei dem es mittlerweile vornehmlich um Migranten geht, zur Tat angestachelt haben könnte. Dass eine politische Debatte, die immer angstgetriebener wird, irgendwann Gewalt hervorruft.

    Die Lowood Lane, in der M., 52 Jahre alt, bis zum Anschlag gewohnt hat, ist eine ruhige Wohnstraße oberhalb des Stadtzentrums. Backsteinhäuser, ein Friseurladen, gut geschnittene Hecken. Vorgärten, in denen Nationalfahnen wehen. Einige Bewohner haben "Vote Leave"- Sticker an die Fenster geklebt, die Kampagne für den EU-Austritt. An einem Haus hängt ein Schwarz-Weiß-Foto von Enoch Powell, einem britischen Altphilologen und Politiker. Powell warnte in den sechziger Jahren in einer berühmt gewordenen Rede, wegen der Einwanderer würden irgendwann noch "Ströme von Blut" fließen.

    M.s Wohnhaus ist ein unscheinbares Reihenhaus mit roter Klinkerfassade. Der Strauch im Vorgarten ist verdorrt. Die Fenster zur Straße sind mit weißen Gardinen blickdicht verhangen. Zwei Polizisten stehen vor dem Haupteingang Wache. Die Nachbarin, Diana Peters, eine frühere Krankenschwester, erklärt den Journalisten, wie sie M. all die Jahre wahrgenommen hat: als zurückgezogenen, aber angenehmen Mann. Als einen, der vielleicht Hilfe gebraucht hat, wie man heute wisse, aber doch deshalb noch kein Nazi sei.

    Harras und Peters berichten übereinstimmend, dass M. seit Jahren allein in dem Haus gewohnt habe. Seine Großmutter, mit der er zusammengewohnt habe, sei vor 20 Jahren gestorben, sagt Harras. Zu Frauen habe er schon lange keinen Kontakt mehr gehabt. Meist sei er zu Fuß im Ort unterwegs gewesen. In der Bibliothek von Birstall, vor der der Mord stattfand, habe er viel Zeit vor dem Computer verbracht und gelesen. Vor allem aber habe er sich im Ort als Freiwilliger engagiert, als Gärtner und als Sprachlehrer, auch für die Pakistaner und Inder, die in den Ort kamen, um zu arbeiten.

    Harras erinnert sich heute an einen Artikel, der 2010 im Lokalblatt The Huddersfield Daily Examiner erschienen war. M. wird dort mit den Worten zitiert, er habe an einem Programm für Erwachsene mit psychischen Problemen teilgenommen. Ein Teil des Programms sei freiwillige Arbeit im örtlichen Oakwell Hall und Country Park gewesen. Sowohl Harras als auch Peters zeichnen das Bild eines Mannes, der offenbar persönliche Probleme hatte, aber ideologisch unverdächtig erschien.

    Es ist eine Beschreibung, die nicht zusammengehen will mit dem, was bisherige Recherchen über M. ergeben haben. Das Southern Poverty Law Center mit Sitz in den USA hatte am Donnerstag Belege vorlegt, wonach M. bereits in den neunziger Jahren Material von Neonazi-Organisationen bestellt habe. Der britische Telegraph berichtet zudem, dass M.s Name auf einer alten Liste von Abonnenten für das Magazin S.A. Patriot auftaucht, einem südafrikanischen Magazin, das von Unterstützern der Apartheit herausgegeben wird. Beide Indizien sprechen dafür, dass M. schon lange Verbindungen zu rechtsextremem Gedankengut hatte. Der Guardian zitiert zudem Augenzeugen, die gehört haben wollen, dass M. während der Tat "Britain First" rief, den Namen einer rechtsextremen Partei. Offiziell bestätigt ist das jedoch noch nicht.

    Wieder unten im Dorf, auf dem Marktplatz, ruft ein Mann aus dem Rathaus die Trauernden zur Schweigeminute auf. Stunden später werden hier Englands Premier David Cameron und der Oppositionsführer Jeremy Corbyn der ermordeten Jo Cox gedenken. In der Lowood Lane sagt die Nachbarin Diana Peters über M.: "Ich will nicht, dass die Welt denkt, er sei ein Nazi. Er war ein milder Mann."

    Straßenszene in Sparkhill, Birmingham © Kalpesh Lathigra für ZEIT ONLINE

    Wird schon wieder

    Birmingham, noch 390 Kilometer bis zum Kontinent: Die Stratford Road durchzieht den Stadtteil Sparkhill, eines der größten Migrantenviertel im multikulturellen Birmingham. Indische Gewürzläden, ein islamischer Buchshop, Mangostände. In einem kleinen Hinterzimmer sitzt Akbar Ali Malik, Sohn pakistanischer Einwanderer, an seinem Schreibtisch und sagt: "Ich habe Angst vor dem Referendum. Wenn Großbritannien wirklich aus der EU austritt, wird der Hass in dieser Gesellschaft weiter zunehmen. Sie werden schon noch sehen."

    Malik, ein Anwalt aus London, berät einmal die Woche die Bewohner von Sparkhill in Fragen des Einwanderungsrechts. Doch seit in Großbritannien der Streit um das Referendum tobt und damit auch um die Rolle der Einwanderer im Land, ist ihm das nicht mehr genug. Mitte Mai gründete er die erste Partei für die rund 16 Millionen Migranten im Land: die Immigrants Political Party. Malik glaubt, dass Großbritannien Gefahr läuft, zu einem Land zu werden, in denen die Rechte von Einwanderern wieder missachtet werden. "Es wird Zeit, dass wir wieder eine Stimme bekommen", sagt er. 5.000 Mitglieder hat die Partei nach eigenen Angaben schon.

    Kaum eine Frage wird wenige Tage vor dem Referendum über den EU-Austritt auf der Insel hitziger diskutiert als jene der Migration. Das Attentat auf die Labour-Abgeordnete Jo Cox halten viele für die Eskalation einer zunehmend hasserfüllten Debatte. Wenige Stunden vor dem Anschlag enthüllte der Ukip-Führer Nigel Farage ein Plakat für die Brexit-Kampagne, mit dem sich der Ton der Debatte noch einmal verschärfte. Das Plakat zeigt eine lange Schlange von Flüchtlingen, die auf den Betrachter zuzukommen scheint. Der Slogan lautet: "Die EU hat versagt. Wir müssen uns befreien und die Kontrolle über unser Land zurückerobern."

    Viele Briten würden den Satz im Moment sofort unterschreiben – selbst wenn sie den Rechtspopulisten niemals ihre Stimme geben würden. Wie reagieren die Menschen in Sparkhill auf den zunehmenden Hass?

    Wer einen Nachmittag durch das Viertel streift, merkt schnell, dass viele der Bewohner der Ansicht sind, die Wut richte sich gar nicht gegen sie. "Ich fühle mich doch längst als Brite", sagt Wassib Shah. Er ist 35 Jahre alt, besitzt eine Kette von Pizzaläden und kam Anfang der achtziger Jahre aus Pakistan ins Land. Das Problem, sagt Shah, seien die Migranten aus Osteuropa, aus Polen und den baltischen Staaten, die zunehmend auch nach Sparkhill kämen. Sie überforderten das Viertel, das Gesundheitssystem, die Schulen. Sein Sohn sei neulich zu ihm gekommen und habe gesagt, in seiner Klasse seien plötzlich nur noch Rumänen. "Natürlich sind wir auch einmal Einwanderer gewesen", sagt er, "aber heute leben wir in anderen Zeiten und die Wirtschaft ist weniger auf Zuwanderer angewiesen."

    Tatsächlich leben in Großbritannien mehr europäische Migranten als in den meisten anderen EU-Staaten. Allerdings betrug die Nettozuwanderung im vergangenen Jahr rund 330.000, weit weniger als etwa in Deutschland. Statistiken zeigen zudem, dass die meisten Einwanderer aus Osteuropa auf dem boomenden britischen Arbeitsmarkt durchaus Jobs finden. Nur die wenigsten sind auf Sozialtransfers angewiesen. Shah glaubt trotzdem, dass die Rechten das Problem nutzten, um den Hass auf alle Fremdaussehenden zu übertragen. Er hofft, dass das Problem sich legen wird, wenn Großbritannien aus der Europäischen Union austritt und die Einwanderung aus Osteuropa zurückgeht. Deshalb wird er auch in der kommenden Woche für den Austritt stimmen.

    Shah ist mit seiner Wahlentscheidung eher allein in Sparkhill. Egal mit wem man spricht: Die meisten werden für den Verbleib des Landes in der EU stimmen. Einig aber sind sich alle darin, dass der Aufstieg der Rechten eher wenig besorgniserregend ist. Das Attentat auf Jo Cox halten sie für die Tat eines irren, verblendeten Einzeltäters. "Wie hoch ist der Anteil derer, die Ukip wählen?", fragt ein Pakistaner namens Abbas, der sich in einem Friseurladen den Bart stutzen lässt. "Sie sind doch immer noch in der Minderheit." Abbas sagt, er könne sich gar nicht vorstellen, wieso man die Bewohner von Sparkhill hassen könnte. "So viel haben wir Pakistaner hier aufgebaut." Eine junge Frau namens Shereen sagt: "Es gibt keinen Grund, sich in Sparkhill zu fürchten." Und sie ergänzt: "Zumindest nicht, wenn man hier in der Gemeinschaft bleibt."

    Jugendliche bei einem Autotreffen in Milton Keynes © Kalpesh Lathigra für ZEIT ONLINE

    Kein Himmel über MK

    Noch 273 Kilometer bis zum Kontinent: Schon während der Einfahrt nach Milton Keynes bekommt man das Gefühl, Teil eines größeren Plans zu sein. Sauber begrünte Highways, die an amerikanische Vorstadtserien erinnern. Alle fünf Meter steht eine Birke am Straßenrand. Ein Schild „Shopping“ führt Autofahrer in das Innere der Stadt: auf einen Parkplatz. Südlich davon erheben sich zwei gläserne Einkaufszentren.

    Milton Keynes nördlich von London, eine Stadt mit einer Viertelmillion Einwohnern, die tatsächlich so heißt wie zwei der bedeutendsten Ökonomen aller Zeiten (Milton Friedman und John Maynard Keynes), aber angeblich nichts mit ihnen zu tun hat, ist wohl die einzige Stadt Großbritanniens, die gleich zwei Einkaufspassagen zum Mittelpunkt hat und sonst: nichts. Das Central Milton Keynes Shopping Centre und das Xscape haben es dabei jeweils auf ihre Weise in die Superlativtabellen geschafft, sogar in das Guinnessbuch der Rekorde. Das Centre ist mit seinen mehr als 720 Metern Länge und 47 Millionen Besuchern im Jahr die längste Shoppingmall der Welt. Und das Xscape beherbergt neben weiteren Burger-King-Filialen, Nagelstudios, einem Kino und einer Kletterhalle die zweitgrößte künstliche Schneewelt Europas.

    Die Bewohner von Milton Keynes verbringen gerne Zeit in den überdachten Shoppingmalls. Auf die Frage nach den Sehenswürdigkeiten der Stadt antworten Einheimische entweder Xscape oder das Centre. Im Xscape hat der Besucher dann die Wahl: Will er in der Aspen-Lounge oder der Mont-Blanc-Lounge abhängen? Sky-Diving oder Rodeln? Im Centre, das 363 Tage im Jahr geöffnet hat, außer an Heiligabend und am Ostermontag, kann man gleich auf vier verschiedenen Wegen an den Einkaufsmöglichkeiten vorbeiflanieren: auf dem Sunset Walk, dem Acorn Walk, dem Crown Walk oder dem Eagle Walk.

    Milton Keynes, oder wie die Einwohner sagen: MK, wurde in den sechziger Jahren von einer Expertenkommission auf dem Reißbrett entworfen. Danach hat niemand mehr eine vergleichbar große Stadt erfunden. Die Vordenker von MK waren offenbar der Ansicht, die Bewohner würden noch viele Jahrzehnte lang am liebsten Auto fahren und shoppen gehen. Damit hatten sie nicht ganz Unrecht. Die Straßen sind ähnlich wie im deutschen Mannheim als Schachbrett anlegt: Die vertikal verlaufenden Straßen tragen die Kennung V, die horizontalen ein H. Das Stadtmarketing wirbt mit mehr als 20.000 Parkplätzen im Zentrum. Auch das ist natürlich ein Rekord.

    Himmel über Milton Keynes sieht man am Stadtrand. Auf einem Parkplatz gegenüber eines indischen Restaurants beugen sich Männer über geöffnete Motorhauben. Es ist ein Treffen von Besitzern japanischer und deutscher Autos, das einer Frage folgt: Welche sind besser? Am Rande des Parkplatzes flattern eine japanische und deutsche Fahne laut im Wind. Auch die Europafahne wurde gehisst. Wenn es dunkel wird, sagt ein Mann mit Pferdeschwanz, werde es auf den Highways ein Rennen geben.

    MK ist ein Ort, an dem man leicht vergessen kann, das in vier Tagen gewählt wird.

    Professor Brendan Simms, Peter House, Cambridge University © Kalpesh Lathigra für ZEIT ONLINE

    "Die Briten sind nicht das Problem"

    Cambridge, noch 251 Kilometer bis zum Kontinent: ein Büro im Erdgeschoss. Alte Holzmöbel, Bücher bis zur Decke, Papier liegt auf dem Boden. Vor dem Fenster: sehr grüner englischer Rasen. Brendan Simms lässt sich auf eine Couch fallen und greift zu einer Tasse Tee. Er lehrt Geschichte der internationalen Beziehungen in Cambridge und hat den Thinktank "The Project for Democratic Union" (PDU) gegründet, der für eine politische Union in der Eurozone eintritt. Sein Deutsch ist perfekt, er ist in Deutschland zu Schule gegangen. Ein echter Europäer auf der Insel und ein Kritiker der EU in ihrer heutigen Verfassung.

    ZEIT ONLINE: Mr. Simms, wir fahren zwei Wochen lang vom Norden in den Süden der Insel, um zu verstehen, warum so viele Briten aus der EU austreten wollen. Was ist Ihre Erklärung?

    Brendan Simms: Es gibt verschiedene Erklärungen. Die einen haben ein Problem mit der unkontrollierten Migration aus anderen EU-Ländern. Andere fühlen sich durch Europa in ihrer Souveränität beeinträchtigt. Das sind Meinungen, die schon lange schwelen. Jetzt haben die Briten die Chance, diese Gefühle auszudrücken.

    ZEIT ONLINE: Unser Eindruck ist: Es geht viel um Angst, noch dazu um eine, die geschürt wird.

    Simms: Zum Teil haben Sie Recht. Sie brauchen sich nur die Plakate von Nigel Farage (dem Ukip-Führer; Anm. der Redaktion) anschauen. Die sind natürlich extrem. Andererseits steigt die Zahl der EU-Einwanderer tatsächlich. Migrationsschübe dieses Ausmaßes hat es in Großbritannien in den vergangenen Jahrzehnten nicht gegeben. Die Politik hat es in den vergangenen Jahren nicht geschafft, ihr Versprechen einzulösen und die Einwanderung zu reduzieren. Das ist aus meiner Sicht einer der Gründe, warum der Slogan "Take back control" im Wahlkampf so gut funktioniert.

    ZEIT ONLINE: Aus deutscher Sicht sind die Einwanderungszahlen in Großbritannien moderat. Deutschland hatte im letzten Jahr eine Nettoeinwanderung von mehr als einer Million. Großbritannien hingegen nur von 330.000.

    Simms: In Deutschland sind die Möglichkeiten, die Einwanderung zu drosseln, schlicht nicht gegeben. Man hat keine Kontrolle über die eigenen Außengrenzen mehr. In Großbritannien hat man diese Möglichkeit noch – zumindest was die Einwanderung aus Nicht-EU-Ländern anbetrifft. Im Falle eines Brexits gäbe es diese Möglichkeit auch für Migration aus Europa. Ob die Regierung das dann wahrnimmt, ist natürlich eine andere Frage.

    ZEIT ONLINE: Sie klingen wie ein Brexit-Befürworter. Sie sind aber gegen den Austritt diese Woche. Warum?

    Simms: Ich habe Angst um unseren Kontinent im Allgemeinen. Ein Austritt Großbritanniens wäre für das Selbstbewusstsein der EU zum jetzigen Zeitpunkt ein fataler Schlag. Kurzfristig würde ein Austritt ein großes Loch in das Budget der EU reißen. Es würde die Union aber auch psychologisch und politisch treffen und demotivieren. Es ist doch so: Wenn ein Land wie Griechenland aus der EU austritt, dann ist das ein Urteil über Griechenland. Wenn Großbritannien aus der EU austritt, dann ist das ein Urteil über die EU. Ein Brexit würde zudem die separatistischen Strömungen innerhalb der EU stärken. Parteien wie der Front National oder die AfD in Deutschland würden weiter Auftrieb bekommen. Selbst wenn es ihnen nicht zum Durchbruch verhilft, wäre das keine gute Entwicklung.

    ZEIT ONLINE: Für die Briten selbst wäre der Austritt kein Problem?

    Simms: Es ist eine Illusion der Brexit-Befürworter, zu glauben, dass Großbritannien einfach austreten kann, ohne einen ökonomischen Preis zu zahlen. Es wird einen Moment des ökonomischen Schocks geben. Langfristig kann Großbritannien aber auch unabhängig von der EU bestehen, wirtschaftlich und politisch.

    ZEIT ONLINE: Darüber ließe sich streiten.

    Simms: Die britische Wirtschaft ist eine der größten Volkswirtschaften der Welt. Großbritannien hat Nuklearwaffen, es hat seine eigene Währung. Es ist hoch kohärent als Staatsvolk. Die Briten werden alleine schon klarkommen. Da bin ich mit den Brexit-Befürwortern einer Meinung.

    ZEIT ONLINE: Welche Schuld trägt die EU in Ihren Augen daran, dass die Zweifel auf der Insel so groß geworden sind?

    Simms: In meinen Augen die Hauptschuld. Das Problem ist nicht Großbritannien. Das Problem war und bleibt Festlandeuropa. Es hat sich ja keiner nach 1945 hingesetzt und gesagt: Großbritannien ist das große Problem der europäischen Geschichte, das muss jetzt unbedingt eingehegt werden durch gesamteuropäische Strukturen, wie das für Deutschland der Fall war. Alle Probleme, die uns bis heute beschäftigen, sind Probleme von Festlandeuropa: Die Migrationskrise, die Eurokrise, die Aggressionen des Herrn Putin. Das alles wird es weiter geben, auch wenn die Briten am 23. Juni bleiben.

    ZEIT ONLINE: Die Probleme bleiben aber auch bestehen, wenn die Briten gehen. Und auch die Flüchtlingskrise endet nicht, weil sie aus der EU austreten.

    Simms: Einverstanden. Das Flüchtlingsproblem ist ein Produkt der Schwäche der Staaten an der europäischen Peripherie. Und es zeigt, dass Europa nicht die Machtmittel hat, daran etwas zu ändern.

    ZEIT ONLINE: Warum wollen die Briten die EU ausgerechnet in dem Moment alleinlassen, in dem alle merken, dass man mit Idealismus nicht weiterkommt – und die Zeiten für eine Reform besser dastehen denn je?

    Simms: Ich bin wie gesagt gegen einen Austritt heute. Längerfristig muss es aber eine Trennung geben, weil es im Kern einen neuen Staat in der EU geben muss – und die Briten da niemals mitgehen werden.

    ZEIT ONLINE: Sie fordern eine politische Union innerhalb der Eurozone. Wie könnte diese aussehen?

    Simms: Es gibt zwei mögliche Pfade. Erstens: Alle Regierungen der Eurozone finden sich zusammen und erarbeiten eine Verfassung, die sich an der amerikanischen Verfassung orientiert und die wichtigsten Fragen beantwortet: Wer trägt die Verantwortung für die gemeinsame Verschuldung? Wer ist verantwortlich für die Sicherung der Außengrenzen? Solch eine Verfassung müssten die Bürger der jeweiligen Mitgliedsstaaten dann ratifizieren. Man ist dann entweder dabei oder nicht. Der zweite Pfad führt über den Weg einer politischen Basismobilisation, darüber, dass man die Bevölkerung und die Eliten für die europäische Sache begeistert. Beide Pfade werden die Briten nicht mitgehen. Deshalb werden sich die Wege der Briten und des Kontinents irgendwann trennen müssen.

    ZEIT ONLINE: Was macht sie so sicher, dass die Briten bei diesem Club nicht dabei sein wollen?

    Simms: Die Europäische Union ist ja eben kein Club. Sie ist eine Schicksalsgemeinschaft. Sie ist der Versuch, ein höheres Gut zu erreichen, indem einzelne Staaten Souveränität übertragen. Dafür braucht es immer einen guten Grund. Das europäische Problem war lange Zeit die Uneinigkeit, der jahrzehntelange Krieg. Die Lösung war auf dem Festland die Europäische Union. Das britische Problem war während des spanischen Erbfolgekrieges der Wunsch, alle Kräfte der Insel gegen Europa zu bündeln. Die Lösung für das britische Problem war das Vereinigte Königreich. Alles, was die Europäische Union macht oder sein will, erfüllt die britische Union heute schon. Es gibt für die Briten also keinen Grund, in eine Schicksalsgemeinschaft wie die EU einzutreten und Souveränität abzugeben. Der Brite hat die Europäische Union nicht nötig.

    ZEIT ONLINE: Das mag aus britischer Sicht richtig sein. Aber die Europäer brauchen die Briten, wenn sie eine politische Union schaffen wollen.

    Simms: Ich glaube das nicht. Allerdings können die Europäer von den Briten lernen. Die Vereinigten Staaten von Amerika wurden auch von Briten gemacht und das Vorbild für die amerikanische Union war die britische Union. Deshalb meine ich, dass wir für unsere Union auf dem Festland die Briten gar nicht brauchen. Wir brauchen nur den britischen Geist und die britische Struktur. Oder anders gesagt: Wir brauchen kein europäisches Großbritannien, sondern ein britisches Europa. Das große Problem ist, dass es uns in Europa an Selbstvertrauen mangelt. Wir glauben ja nicht, dass wir es ohne die Briten schaffen können. Das müssen wir aber.

    ZEIT ONLINE: Werden die Briten in der nächsten Woche erst mal bleiben?

    Simms: Ich glaube, dass es eine kleine Mehrheit für den Verbleib Großbritanniens geben wird. Das Wichtige ist aber: Selbst dann haben wir nur eine kleine Verschnaufpause. Das Allerfalscheste, was wir im Festlandeuropa machen könnten, wäre, danach nichts zu tun. Wenn wir nicht an die Probleme herangehen und die Integration weiter vorantreiben, kommen die Probleme erst richtig zurück.

    Polnischer Supermarkt, Boston © Kalpesh Lathigra für ZEIT ONLINE

    Janis will heim

    Boston, noch 354 Kilometer bis zum Kontinent: In der Woche, in der Großbritannien über Einwanderer wie ihn debattiert, läuft Janis* eine stark befahrene Landstraße am Stadtrand hinunter. Er war arbeiten. Seine Schicht hat heute früh um sieben begonnen, jetzt ist halb fünf, und die Fabrik hat ihn gerade wieder ausgespuckt. Er will zu seiner neuen Freundin fahren, ausruhen, das Gehalt des Tages zählen. Wegen des Geldes, sagt Janis, sei er schließlich hier.

    Janis, 23 Jahre alt, geboren im Süden Litauens, ist einer der Männer, die viele Briten in diesen Tagen gerne wieder loswerden würden. Ginge es nach ihnen, müsste er zurück in seine Heimat, zurück in die EU, aus der viele Briten in dieser Woche rauswollen. Wenn der Rechtspopulist Nigel Farage während des Wahlkampfs für das EU-Referendum von einem "endlosen Strom" osteuropäischer Einwanderer spricht, die den Briten die Jobs wegnehmen, dann meint er damit auch Männer wie Janis. Wenn Farage von den Grenzen spricht, über die man die Kontrolle zurückgewinnen müsse, dann meint er die Grenze, über die Janis gekommen ist.

    Vor zwei Jahren hat Janis seinen Seesack gepackt, ist mit dem Bus mehr als 30 Stunden lang nach Boston gefahren. Bevor er nach Großbritannien kam, ist er an die Uni gegangen und hat Jura studiert. Er kam drei Semester weit, dann ging ihm das Geld aus. Er hat einen Studentenkredit beantragt, aber niemand in der Familie konnte für ihn bürgen. Er hat einen Job gesucht, aber keinen gefunden, bei dem das Gehalt gereicht hätte, um das Studium zu finanzieren. Als sein bester Freund erzählte, er wisse einen Ort in Europa, an dem es Arbeit gebe und genug Geld, habe er seine Sachen gepackt und sei losgefahren.

    In der Tasche hatte er ein paar Hundert Euro, die seine Mutter bei einer Bank aufgetrieben hatte. Er ist zu einem der rund zehn Arbeitsvermittler am Marktplatz von Boston gegangen und hat dort binnen weniger Minuten seinen ersten Job im reichen Teil Europas bekommen: als Verpacker für Fruchtsalat in den Fabriken des Lebensmittelherstellers Bakkavor, dem größten Arbeitgeber in der Gegend, für 7,20 Pfund die Stunde, Mindestlohn, insgesamt 1.200 Pfund im Monat. Der Lohn sei gutes Geld, findet Janis. Rund 1.200 Pfund, das sei dreimal so viel wie er in Litauen verdienen würde.

    Das Fabrikgelände von Bakkavor ist abgeschirmt, mit Stacheldraht und Warnanlagen. Von außen sieht man Backsteinbauten mit spitzen Giebeln und silberne Schornsteine. Am Haupteingang hängt ein Schild: "Arbeitskräfte gesucht, für alle Schichten." Fast zwei Drittel der Arbeiter in der Fabrik, sagt Janis, seien mittlerweile aus Osteuropa, Polen, Rumänen, Bulgaren oder Litauer wie er. Am Fließband stünden kaum noch Briten.

    In der Innenstadt von Boston, einem Ort, der viel auf seine Geschichte hält und in dem die Hotels gerne mal New England heißen, hat man über die Osteuropäer schon so oft geschimpft, dass man lieber nichts mehr sagen will. Die Bewohner haben die West Street scherzhaft in East Road umbenannt, wegen der vielen polnischen, rumänischen und litauischen Geschäfte.

    Dort sieht man tatsächlich viele Läden, die von Polen und Litauern geführt werden. Die Preisschilder in den Regalen sind auf polnisch, genauso wie die Nachrichten im Boston Express, dem Lokalblatt für die Polen im Ort. Fast alle Läden in der West Street tragen Europa im Namen: Europe Market, Europe Food, Europe Drinks. Auf den Ladenschildern: das Logo der Europäischen Union, gelbe Sterne, blauer Grund. Ein wenig wirkt es so, als wollten sich die Polen entschuldigen, dass man hier in Boston Geschäfte macht. Wie ein Hinweis darauf, dass das doch einer der Grundideen der Europäischen Union ist: dank der Freizügigkeit dort arbeiten und leben zu können, wo man will – und wo es Arbeit gibt.

    In den vergangenen Wochen sind Reporter aus aller Welt nach Boston gereist, weil in keine andere Stadt in Großbritannien zuletzt so viele Osteuropäer gezogen sind. Ein Reporter des Daily Express schrieb danach, Boston sei die "am meisten gespaltene Stadt" der Insel. Rund ein Sechstel der Bewohner besteht mittlerweile aus Einwanderern aus anderen EU-Ländern. Nirgendwo sonst in Großbritannien ist der Anteil so hoch wie hier.

    Wer durch die Stadt läuft und mit den Bewohnern spricht, hört allerorten, dass die Krankenhäuser und Schulen überlastet sind und man auf der Straße kein Wort Englisch mehr höre. Fragt man hingegen, wo die Osteuropäer denn lebten und warum so viele kämen, erntet man meist ein Schulterzucken. Die meisten, so heißt es dann, arbeiteten wohl auf den Feldern und in den Fabriken am Stadtrand.

    In einem stickigen Büro am Marktplatz von Sparling, einem Vorort von Boston, weiß ein Mann namens Mickey, wo die Migranten geblieben sind. "Sie machen die Jobs, die Briten nicht mehr machen wollen", Mickey, ein Mann mit Tattoos auf seinen kräftigen Armen, arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Arbeitsvermittler in Boston. Seine Agentur arbeitet für alle großen Firmen am Ort, vor allem für Bakkavor. In den neunziger Jahren, sagt er, seien die Portugiesen gekommen, später die Polen, die Tschechen und Bulgaren. Im Moment kämen vor allem die Rumänen. Mickey greift unter seinen Schreibtisch und holt einen Packen an Bewerbungen heraus. "Das sind allein die Bewerbungen für heute", sagt er. "Und jedem dieser Leute kann ich mit Sicherheit einen Job anbieten."

    Allein der Lebensmittelkonzern Bakkavor benötige in seinen Fabriken jeden Monat Tausende Menschen, sagt Mickey. Manchmal fordere das Unternehmen 400 Arbeitskräfte in nur wenigen Tagen an. Hinzu kämen die Großfarmer am Stadtrand, die gerade in der Saison Pflücker für Salat, Rosenkohl und anderes Gemüse bräuchten. Der größte von ihnen, die Agrarfirma Staples, beschäftigt auf seinen rund 4.000 Hektar großen Äckern nördlich von Boston Hunderte Feldarbeiter, die meisten davon aus Osteuropa.

    Mickey sagt, dass es ihm mittlerweile egal sei, wer in seinem Büro erscheine und aus welchem Land er komme. Jeder, sagt Mickey, und deutet auf die Eingangstür, der hier reinkäme, bekomme eine Arbeit. Mehr als 90 Prozent der Jobs vermittle er seit Jahren schon an Osteuropäer. Die Briten aus Boston oder Sparling kämen kaum noch in die Agentur.

    Mickey ist selbst in Boston geboren, und er versteht den Unmut über die vielen Zuwanderer im Ort. Boston, sagt Mickey, habe sich verändert, die Stadt sei gefährlicher geworden, weil viele der jungen Osteuropäer gerne trinken und fahren und sich manchmal auch schlagen. Dass die Einwanderer den Einheimischen aber die Jobs wegnehmen würden, wie es Politiker wie Farage gerade behaupten, sei schlicht nicht die Wahrheit. "Die Briten wollen diese Jobs in den Fabriken und auf den Feldern nicht", sagt er. "Deshalb brauchen die Firmen hier die Osteuropäer." Wie Janis.

    Und Janis sagt, es störe ihn nicht wirklich, dass die Briten über ihn und die anderen Osteuropäer schlecht redeten. Zwar verstehe er jedes Wort, sein Englisch sei gut genug. Aber er beziehe das dann nicht auf sich. Woher sollten die Briten auch wissen, weshalb er hier sei und das auch noch verstehen?

    Janis hat vor wenigen Tagen ein Konto eröffnet. Dort zahlt er jetzt jeden Monat Geld ein, meistens 300 Pfund, manchmal 400. Seit er hier ist, träumt er von einem Haus in seiner Heimat, erbaut mit dem Geld aus der Fabrik. Im Süden von Litauen, wo auch seine Familie lebt, soll es stehen. Janis sagt, er hat oft Heimweh in letzter Zeit. Seit zwei Jahren war er nicht zu Hause. Wann er zurückgehen kann, weiß er noch nicht.

    * Name von der Redaktion geändert

    Reporter Philip Faigle © Kalpesh Lathigra für ZEIT ONLINE

    Wie ich lernte, die Briten zu verstehen

    London: noch 171 Kilometer bis zum Kontinent: Kein Mensch ist eine Insel. Das steht auf den T-Shirts, die der Fotograf Wolfgang Tillmans vor wenigen Wochen drucken ließ, um die Briten an die Errungenschaften Europas zu erinnern. Doch was, wenn die Briten wieder nichts mehr wollen als das: eine Insel? Und wann wäre es wichtiger als jetzt, zu verstehen warum das so ist?

    Es ist ja wahr und keine Erfindung aufgeregter Kommentatoren: An diesem Donnerstag könnten die Briten den ersten Faden herausreißen, der das Gewebe der EU auseinanderfallen lässt. Ist das ein so falsches Bild?

    Seit anderthalb Wochen fahren wir durch Großbritannien: von Glasgow im Norden nach Dover im Süden. Kalpesh ist ein Fotograf aus London, ich bin ein Reporter aus Deutschland. Für Kalpesh war es eine Reise durch ein Land, das er nicht mehr wiedererkennt und das ihm gleichzeitig unangenehm vertraut vorkommt.

    Sein Vater war ein indischer Einwanderer, seine Mutter hat afrikanische Wurzeln. Er selbst wuchs in den Siebzigern in London auf, hat noch ein England erlebt, in dem seine Eltern in Restaurants beleidigt wurden, weil sie ausländisch aussahen. Jetzt schaut Kalpesh sich die Plakate der Rechtspopulisten und EU-Gegnern an, auf denen Migranten einem entgegenlaufen und der Bürger mahnend angebrüllt wird, er möge endlich die "Kontrolle" zurückholen. Kalpesh sagt, früher seien es die Inder gewesen, heute die Osteuropäer. In den Sechzigern hätten manche Leute Schilder ins Fenster gehängt, auf denen stand: keine Iren, keine Schwarzen, keine Hunde.

    Der Hass auf das Fremde, sagt Kalpesh, wirke heute wie eine Volte gegen Europa. Aber im Kern sei er derselbe geblieben.

    Zum ersten Mal in meinem Leben begleitete ich als Journalist ein Ereignis mit einer tiefsitzenden Sorge. Als Reporter habe ich über die Finanzkrise berichtet und über die Euro-Krise aus Brüssel. Beides waren rückblickend vergleichsweise kleine Krisen, gemessen an dem, was derzeit in Europa geschieht.

    In Österreich hat die FPO bei den Präsidentschaftswahlen kürzlich fast fünfzig Prozent der Stimmen bekommen. In Frankreich wartet der Front National auf seine große Chance. Und auch in Großbritannien scheint die entscheidende Frage hinter dem EU-Referendum eine Frage von nationaler Identität zu sein, sonst würde der Streit über den Grad einer Mitgliedschaft nicht so emotional geführt. Der Nationalismus ist jetzt überall, er ist paradoxerweise eine europäische Bewegung geworden, und wenn die Briten auf der Insel austreten, könnte es auf dem Kontinent weitergehen. Das, sage ich zu Kalpesh, während wir in einem Kaffeeladen in Glasgow sitzen, sei jetzt tatsächlich möglich: dass die EU scheitert.

    Ich erzählte Kalpesh, wo ich aufgewachsen bin: im Rheinland der achtziger Jahre. Wir lebten nahe zu Frankreich. Vielleicht waren deshalb alle meine Freunde für Europa. Ich erzählte ihm auch von meinem Besuch der Gräber von Verdun. Ich war zehn oder elf. Ich weiß noch bis heute, wie geschockt ich war, dass ich nicht erkennen konnte, wo die weißen Holzkreuze für die Toten aufhörten. Die EU sei für mich als westdeutschen Jugendlichen immer eine Garantie auf ein Leben in Frieden und Freiheit gewesen. Frieden und Freiheit, sage ich zu Kalpesh, seien so selbstverständlich gewesen, dass sie wie leeres Plastik klangen und höchstens zum Wortschatz von graumelierten Bundespräsidenten gehörten.

    Heute denke ich: Genau in der beschwörenden Art, wie sie vorgetragen wurden, lag auch etwas Beruhigendes. Beides schien niemals verhandelbar und ist es nun plötzlich doch.

    Wer nun durch Großbritannien Richtung Süden fährt, erlebt zunächst sehr viel Resignation und Schwermut und ein schwer erträgliches Maß an Politikverachtung. Besonders im Norden, wo die Arbeiter wohnen, fällt es schwer, jemanden dazu zu bewegen, etwas Gutes über Europa zu sagen. Kalpesh und ich führen Dutzende Interviews am Tag. Wir besuchen Arbeiterclubs, halten vor Fabriken und Supermärkten, gehen in Pubs und auf Marktplätze. Manchmal fühlen wir uns wie Politiker auf Wahlkampftour, nur, dass wir die meiste Zeit zuhören. Abends im Hotel scheinen die Städte irgendwann zu verschwimmen, dann holt uns die Monotonie der Insel ein: Sunderland, Blackburn, Blackpool, Boston, dazwischen Orte, die unaussprechliche Namen tragen. Die Einfallsstraßen mit ihren bepflanzten Kreisverkehren, die Backsteinfassaden der Häuser, die Tristesse der Arbeitersiedlungen. Es regnet fast immer.

    Dazwischen bin ich immer wieder ehrlich erstaunt, wie gut die Kampagne der Brexit-Leute die Argumente scharf gemacht und an den Mann gebracht hat. Fast jeder überzeugte Antieuropäer kann mittlerweile in drei Minuten aufsagen, warum es besser wäre, die EU zu verlassen:

    1. Die vielen Migranten, die nur kommen, weil Europa seine Außengrenzen nicht im Griff habe. 2. Die hohen Zahlungen nach Brüssel, die sich immer auf dreistellige Millionensummen beliefen, wobei die Zahlen immer anders sind und meistens nicht stimmen. 3. Die gefühlt tausenden Vorschriften, die in Brüssel erlassen werden (allein 109 Richtlinien für Kopfkissen!). Cost, Control, Borders – so steht es auf den Merkzetteln der Brexit-Campaigner, die wir in Glasgow bei ihrer Arbeit begleiten. Drei Argumente, die seit Wochen in die Köpfe gehämmert werden und Wirkung zeigen.

    Selbst im Radioprogramm der staatlichen BBC wird vor allem das diskutiert und geprüft, was die Brexit-Befürworter einmal in die Welt gesetzt haben. Europa wird niemals gepriesen, sondern höchstens verteidigt. Ich muss an die AfD in Deutschland denken, an ihre ähnliche Strategie: Abwegige Behauptungen nur so lange zu wiederholen und zur Debatte zu stellen, bis sie tatsächlich debattiert werden und dadurch als völlig verhandelbare Sache erscheinen. Während wir im Auto sitzen und radiohörend durchs Land fahren, sagt Kalpesh oft: "Es ist verrückt. Was geht hier vor?"

    Auf der anderen Seite merke ich, dass meine Argumente auf der Insel auch nicht richtig zünden. Die EU als Friedensmacht? Ein schwaches Argument, finden die meisten Brexiter. Wenn es doch ein Land gegeben habe, das im vergangenen Jahrhundert zwei Weltkriege angezettelt habe, dann sei das doch wohl Deutschland gewesen. Werde Deutschland jetzt einen Krieg anfangen, wenn die Briten nicht mehr in der EU seien? Großbritannien bleibe außerdem noch Mitglied der Nato. Die Reisefreiheit innerhalb der EU? Schon ein Vorteil, aber doch eher für Kontinentaleuropäer. Außerdem hätten die offenen Grenzen dafür gesorgt, dass Großbritannien so viele Migranten aus Osteuropa wie noch nie im Land habe und bald womöglich noch zehntausende Flüchtlinge aus Syrien aufnehmen müsse (die übrigens von Angela Merkel eingeladen worden seien, was für eine Verrücktheit!) Das gute Gefühl, das Nationale überwunden zu haben und sich als Europäer zu fühlen? "Ich fühle mich nicht als Europäer", sagt einer der Brexit-Befürworter. "Warum sollte ich auch? Ich bin Brite, schon immer gewesen."

    Später im Auto gehe ich mit Kalpesh noch einmal die Argumente durch, die für mich die EU unverzichtbar machen. Mir fällt auf, dass mir die meisten davon nur deshalb nicht verhandelbar schienen, weil sie meinen Überzeugungen entspringen. Ich glaube daran, dass die EU nicht nur eine Handels-, sondern auch eine Wertegemeinschaft ist, die ihren Stolz daraus zieht, dass sie diese Werte verteidigt. Dass offene Grenzen und Freizügigkeit zu mehr Freiheit, Wohlstand und zu einem friedlichen Zusammenleben führen. Dass die Überwindung des Nationalstaates nach jahrzehntelangen Kriegen in Europa eine Errungenschaft darstellt. Wie bei jeder Überzeugung braucht es aber Menschen, die diese teilen. Was aber tun, wenn die Mehrheit der Briten da einfach nicht mitgehen will?

    Je weiter wir nach Süden fahren, desto mehr wird mir klar, dass die viele Briten anders auf die EU schauen als ich: pragmatischer, mit weniger Idealismus. Ich muss an die Worte eines Kollegen denken, der sagte, für viele Briten sei die Entscheidung über den Verbleib fast zu einer Konsumentscheidung geworden, die nur einer Frage folge: Was ist gut für die Briten, und was ist gut für mich persönlich? Er hatte damit nicht ganz Unrecht. Die Briten wägen gerade sehr genau und nüchtern ab, welchen Nutzen die EU ihnen bringt. Zumindest glauben sie das. Manchmal bin ich mir hingegen nicht sicher, ob sie nicht letztlich eine Zahlenschlacht führen, die niemand mehr im Sinne irgendeiner Wahrheit gewinnen kann.

    Für Kalpesh, den Fotografen, ist diese Reise eine andere als für mich. Ihn bedrückt weniger, dass meine idealistischen Ideen von Europa als Friedensmacht auf der Insel keinen Anklang finden. Ihn beunruhigt der Hass, der Rückfall ins Nationale. Als wir in Birstall Halt machen, dem Ort, an dem die Labour-Abgeordnete Jo Cox ermordet wurde, entdeckt er in einem Fenster das Foto von Enoch Powell, einem britischen Altphilologen und Politiker, der in den sechziger Jahren vor "Strömen von Blut" warnte, falls noch mehr Einwanderer ins Land kämen.

    Als wir später im Auto sitzen, schreibt er an eine Freundin: "So sieht’s aus. Da sind wir wieder hingekommen."

    Wir beiden fragen uns nach dem Mord an Cox, ob nicht viele Argumente der Brexit-Befürworter gegen die EU in Wahrheit nur ein Vorwand sind, um ein neues nationales Denken zu legitimieren. Immer wieder treffen wir auf Bürger, die offenkundig fremdenfeindlich sind. Doch selbst wenn es so sein sollte: Müssen wir als gute Europäer nicht dennoch Argumente haben, um die Vorwürfe zu entkräften? Und ist es nicht auch unsere Schuld, wenn die Bindekräfte von Europa gerade schwinden?

    Je weiter wir fahren, desto klarer wird, wie wenig wir Deutschen und Briten in den letzten Jahren gesprochen haben, wie wenig wir uns verstanden haben. In Wahrheit haben wir unter der EU oft etwas ganz anderes verstanden und trotzdem weitergemacht, als ob es nicht so sei. Wie soll aber eine Gemeinschaft wachsen, wenn sich die Bürger noch nicht mal im Grundsatz einig sind, was diese Gemeinschaft soll?

    Wenn ich heute, nach zehn Tagen auf der Insel, abstimmen dürfte, ich würde noch immer gegen den Brexit stimmen. Aber ich glaube mittlerweile, dass das nicht mehr die entscheidende Frage ist. Wenn die Briten auf Dauer Mitglied der EU bleiben wollen, müssen wir anfangen, uns wieder mit ihnen zu verständigen. Vielleicht gelingt es dann, die Briten neu für Europa zu begeistern, auch wenn ich da meine Zweifel habe.

    So wie jetzt darf es auf jeden Fall nicht bleiben.

    Ramsgate Harbour, Ramsgate © Kalpesh Lathigra für ZEIT ONLINE

    Der Traum der Fischer wird wahr

    Ramsgate, noch 48 Kilometer bis zum Kontinent: Als John Nichols an diesem Morgen um fünf Uhr den Fernseher anschaltet, braucht er eine Weile, um die neue Lage zu begreifen. Noch am Abend, kurz vor Mitternacht, war er mit dem sicheren Gefühl ins Bett gegangen, das die Briten in der EU bleiben werden. Jetzt verkünden die roten Laufbänder der BBC: Brexit. Wie ein Schock, sagt Nichols, sei das Ergebnis für ihn zuerst gewesen. Erst jetzt setze die Erleichterung ein. "Wir haben tatsächlich getan, was wir tun mussten."

    Nichols, ein hochgewachsener Mitfünfziger mit gegerbter Haut, ist Fischer in Ramsgate an der Südküste Englands und Chef der dortigen Fischervereinigung. Kaum einer im Ort hat den Brexit so sehr herbeigesehnt wie er. Erst vor wenigen Wochen haben er und die anderen Fischer von Ramsgate ihre Motoren angeworfen und ihre Schiffe die Themse hoch Richtung London gesteuert. "Brexit", stand damals einem Plakat, "ist der einzige Ausweg". Das Plakat haben sie danach in Ramsgate aufgehängt. Nichols war damals auf allen Fernsehkanälen.

    Am Morgen des Austritts schaukeln Segelboote im Hafen von Ramsgate. Es ist ein friedlicher Tag, der Himmel strahlt blau. Bei gutem Wetter, so wie heute, kann man am Horizont die Umrisse Frankreichs sehen. Ramsgate ist einer der Orte in Großbritannien, der am nächsten am Kontinent liegt. Bis Calais sind es keine 30 Seemeilen. Jetzt beginnt hinter Ramsgate die Grenze zur EU.

    Noch am Abend vor der Entscheidung hatte Nichols hier im Hafen bei einem Bier erklärt, wie er von Ramsgate aus auf den Kontinent blickt. Die EU, sagt Nichols, sei zu einer Diktatur geworden, die den Briten ihre Identität genommen habe. Eine Regulationsmaschine, die ihm und den anderen 30 Fischern in Ramsgate das Leben schwer mache. "98 Prozent der Fischer sehen das so wie ich. Wir alle sind der Meinung, dass es ohne die EU besser ginge."

    Die EU, sagt Nichols, habe die britische Fischerei ruiniert. Einst sei sie einmal groß und stark gewesen, die beste in der Welt. Die besten Boote, die besten Fischer, auf einer Insel, die einmal stark und groß war in der Welt, so sieht es Nichols. Und wie sei es jetzt?

    Die meisten EU-Bürokraten hätten von der Fischerei keine Ahnung und stellten Regeln auf, die völlig unsinnig seien. Die Fischereiquoten in ihrer jetzigen Form sorgten dafür, dass die Fischer nicht die Mengen einholen könnten, die sinnvoll seien. Die EU erlaube Methoden der Fischerei, die Natur und das Meer schädigten, wie zum Beispiel das Fischen mit Elektroschocks, die Fische aus dem Wasser springen lassen. "Wir versuchen seit Jahrzehnten in Brüssel zu erreichen, dass sich das ändert", sagt Nichols. Sechs, sieben Mal sei er persönlich nach Brüssel gereist.

    Jedes Mal sei er mit dem Gefühl zurückgekommen, dass man ihm zugehört habe, aber am Ende doch nichts passieren werde.

    Man tut Nichols sicherlich nicht unrecht, wenn man ihn als jemanden bezeichnet, der in den vergangenen Jahren zu einem eisernen EU-Gegner geworden ist. Er lehnt mittlerweile Brüssel generell ab, nicht nur weil er Fischer ist, sondern weil er das ganze Prinzip der EU falsch findet.

    Nichols sagt, er müsse immer daran denken, was für eine Insel Großbritannien vor dem EU-Beitritt im Jahr 1973 gewesen sei. Er hat das Gefühl, dass sie damals in anderem Licht strahlte, dass sie mächtiger und größer war. "Zu Zeiten des Commonwealth", sagt Nichols, "waren wir noch das, wozu eine Insel tendiert: unabhängig". In der EU, da ist er sich sicher, sei Großbritannien geschrumpft: machtpolitisch, ökonomisch, überhaupt.

    In den Pubs am Hafen ist Nichols mit seiner Meinung nicht allein. Stephen, ein Handwerker, sagt: "Wir wollen unsere Insel wieder." Als man ihn fragt, wer die Insel denn weggenommen habe, antwortet er nur, "die EU", als ob es sich dabei nicht um eine Staatengemeinschaft, sondern eine feindliche Macht handele. Auch Nichols Nostalgie teilen viele.

    Die Vorstellung, dass die Briten in den siebziger Jahren nur falsch abgebogen seien und deshalb ihre Großartigkeit aufs Spiel gesetzt hätten. Es sind Positionen, mit denen auch die rechtspopulistische Ukip-Partei in Ramsgate zuletzt große Erfolge erzielt hat. Als Farage bei den letzten Parlamentswahlen in der Stadt als Direktkandidat antrat, verfehlte er nur knapp die nötige Mehrheit.

    Wer den Männern in Ramsgate zuhört, muss plötzlich an die AfD in Deutschland denken. Die AfD ist erfolgreich, weil sie verspricht, man könne Deutschland in ein Land zurückverwandeln, das es in den achtziger Jahren einmal war. Die Brexit-Kampagne war unter anderem auch deshalb erfolgreich, weil sie ein Denken aktiviert hat, das auf der Insel weit verbreitet ist: dass es zu Zeiten des großen Empire einfach besser war. Es ist die Sehnsucht nach verlorenen Zeiten, mit der man in Europa plötzlich wieder Wahlkämpfe und Referenden gewinnen kann. Auch das ist eine Erkenntnis der letzten Nacht.

    John Nichols sagt, er wisse noch nicht, wie es jetzt für die Fischer von Ramsgate weitergehe. "Es wird sicherlich nicht so, dass jetzt ein Schalter umgelegt wird und alles wird gut." In wenigen Tagen werden die Fischer zusammenkommen und beraten, was auf sie zukommt. Sorge vor einer Zeit ohne den gemeinsamen Markt der EU hat Nichols nicht. "Der Weltmarkt ist hungrig", sagt Nichols. "Die Chinesen, die Japaner – sie alle wollen unseren Fisch."

    White Cliffs of Dover © Kalpesh Lathigra für ZEIT ONLINE

    Good luck, alone

    Calais, der Kontinent: Als die Fähre Côtes des Dunes, 185 Meter lang, 27 Meter breit, 33.000 Tonnen schwer, erstaunlich lautlos aus dem Hafen gleitet und erst die Kreidefelsen von Dover und dann die ganze Insel immer kleiner und kleiner werden, kann man der Frage nicht mehr ausweichen: Wie soll Großbritannien, diese Insel im Meer, jetzt bloß greater werden, wenn sie sich vom Rest Europas abkapselt?

    Auf den Fernsehbildschirmen im Bordrestaurant flimmern Bilder vom Rücktritt David Camerons. Einige Pendler, die die anderthalbstündige Überfahrt nach Calais täglich machen, fragen das Bordpersonal, was sich ändern wird, wenn der Ärmelkanal wieder zur Außengrenze der EU wird. Brauchen sie ein Visum? Müssen sie am Hafen länger warten? Im Netz ist an diesem Vormittag einer der meistbenutzten Hashtags: #whathavewedone.

    Auf dem Vorderdeck trifft man junge, walisische Fußballfans aus Cardiff, die zur Europameisterschaft in Frankreich fahren, um ihr Team zu sehen, das an diesem Abend gegen Nordirland spielt. Sie haben, was die Greatness der Insel angeht, eine deutliche Meinung. Rhys, 23 Jahre alt, sagt: "Es ist wirklich eine Schande. 75 Prozent der Jungen waren gegen den Austritt. Wie kann es sein, dass die alte Generation einfach über eine Zukunft entscheidet, die uns hundertmal mehr betrifft als sie?"

    Bis zur Referendumsnacht hatte Rhys vorgehabt, als Englischlehrer in Spanien zu leben. Der Traum, sagt er, sei jetzt erst mal geplatzt. Auf jeden Fall werde es viel komplizierter als früher. Seine Schwester sei gerade zwei Jahre alt geworden. Sie werde nicht mehr bewusst erleben, wie es ist, Teil der EU zu sein. Was jetzt nicht alles auf dem Spiel stehe: Die uneingeschränkte Reisefreiheit. Interrail. Erasmus. Die Freizügigkeit. Osteuropäische Ärzte in britischen Krankenhäusern, die unter einem Ärztemangel leiden. Von den höheren Importpreisen ganz zu schweigen, wenn das Pfund weiter an Wert verliert.

    Würde morgen noch einmal gewählt, wären 70 Prozent der Briten gegen den Brexit, glaubt Rhys. Erst jetzt werde doch allen Wählern klar, was sie angerichtet hätten. Wie so viele hat er das Fernsehinterview gesehen, in dem Nigel Farage eines der wichtigsten Wahlversprechen der Leave-Kampagne wieder kassiert hat: die wöchentlichen Zahlungen von 350 Millionen Pfund an die EU stattdessen ins Gesundheitssystem zu stecken. Er habe seine Wut danach kaum zügeln können. "Dieser Austritt war auf Lügen und Betrug gebaut." Noch nie, sagt er, sei er in seinem Leben so politisch gewesen wie heute. Er wisse nur noch nicht, wohin mit dieser Energie.

    Womöglich, denkt man, verläuft ab sofort die neue Grenze nicht zwischen Großbritannien und der EU, hier auf dem Ärmelkanal. Sondern zwischen Jung und Alt, zwischen jenen, die die Offenheit Europas schätzen und jenen, die sie bekämpfen wollen. Und vielleicht ist das ja eine gute Nachricht.

    Entlang der Küstenstraße, die vom Hafen Calais' ins Zentrum führt, sitzen Flüchtlinge unter Bäumen und auf Leitplanken. Sie sind nach Europa gekommen, weil der "Islamische Staat" tötet, Assad bombt, der Klimawandel die Felder vertrocknet und die Welt insgesamt in schlimmer Verfassung ist.

    Die Briten glauben trotzdem noch an die Insel als Lebensform, gestern haben sie sich entschieden. Man kann ihnen dabei nur good luck wünschen.

    »Die Insel«: zuletzt aktualisiert am