Früher machten sie bittere Scherze. Mensch, Erol. Jahr für Jahr schreibst du deine Berichte für Reporter Ohne Grenzen, so und so viele Journalisten in Haft, Hunderte an der Ausübung ihrer Arbeit behindert und wer weiß, wie oft wieder die Presse- und Meinungsfreiheit verletzt wurde, vielleicht musst du auch mal in den Knast. Dann hättest du diese Erfahrung auch gemacht, wie viele deiner Kollegen. So erzählt es ein Freund. "Die Schwelle des Erstaunens, über die Dinge, die derzeit in unserem Land passieren, wird immer niedriger, und dennoch, damit hätten wir nicht gerechnet", sagt seine Frau Serpil.

Nun ist es tatsächlich dazu gekommen: Erol Önderoğlu, Türkei-Korrespondent der international angesehenen Organisationen Reporter Ohne Grenzen, ist mit zwei Mitstreitern, Şebnem Korur Fincancı, Rechtsmedizinerin und Vorsitzende der Türkischen Menschenrechtsstiftung, und dem Autor Ahmet Nesin festgenommen worden. Der Grund: Die drei hatten im Rahmen einer Solidaritätskampagne für die Özgür Gündem die Zeitung einen Tag als "wachhabende" Chefredakteure gestaltetet. Anschließend wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft lautet: Terrorpropaganda.

Einen Tag nach der Festnahme sagte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, er hoffe, dass Önderoğlu schnell wieder freigelassen werde. So weit gehen bei diesem Fall die Bewertungen auseinander.

Serpil Önderoğlu, eine zierliche Frau Anfang 40, sitzt in ihrer freundlichen und hellen Wohnung im Istanbuler Stadtteil Şişli und versucht das Geschehene zu erklären und zu verstehen. Da ist diese Zeitung, die als eine Art PKK-Presseorgan angesehen wird – nur ist sie (derzeit) nicht verboten und bewegt sich, so weit bekannt, innerhalb der gesetzlichen Rahmen und schreibt seit Jahren auf derselben Linie. Da ist diese Kampagne der "wachhabenden" Chefredakteure, bei der bislang bereits etwa 40 Journalisten von außen mitgemacht haben – gegen die meisten von ihnen wurden Ermittlungen eingeleitet, aber niemand wurde bis jetzt festgenommen, nicht einmal der geschäftsführende Redakteur, der laut Gesetz der eigentlich Verantwortliche für den Inhalt ist.

Da werden Erol Önderoğlu, kurz bevor die Ermittlungen gegen ihn eingeleitet werden, und weitere Vertreter von Medienorganisationen im Justizministerium empfangen, um zur Lage der Presse- und Meinungsfreiheit vorzusprechen – und nun wird demselben Mann Terrorpropaganda vorgeworfen. "Das ist alles surreal", sagt seine Frau in einem ruhigen Ton. Vielleicht hilft nur Ruhe, wenn alles so schrill ist.

Serpil Önderoğlu, die Frau von Erol Önderoğlu © Ahmet Şık

Was kann dann mir passieren?

Dabei geht es bei den "wachhabenden" Chefredakteuren, so erklären es Istanbuler Journalisten, nicht um eine Art von Einverständnis mit den Inhalten einer zugegeben streitbaren Publikation, sondern darum zu zeigen, dass der Kampf für die Presse- und Meinungsfreiheit und das Recht auf Informationen aus unterschiedlichen Quellen (auch wenn einem diese nicht gefallen mögen) alle etwas angeht. Journalisten, Politiker, Künstler, Autoren unterschiedlicher politischer Überzeugung haben sich an der Aktion beteiligt, einer der letzten war der mittlerweile auch in Deutschland bekannte Chefredakteur der Cumhuriyet Can Dündar.

Auf die Frage, warum nun gerade Erol Önderoğlu und die beiden anderen festgenommen wurden, nachdem bereits so viele andere an der Kampagne der Zeitung teilgenommen hatten, sagen einige Kollegen in Istanbul, dass hinter der Festnahme eine Strategie stecken könnte: Wenn sogar die bekanntesten und (auch im Ausland) renommierten Vertreter der Zivilgesellschaft festgenommen werden, was kann dann mir passieren?

Diese Frage, davon sind einige überzeugt, soll mithilfe von solch spektakulären Festnahmen durch die Köpfe der Menschen rauschen. Und sie verstummen lassen. Zudem sind Önderoğlu und Fincancı gewissermaßen ständige Protokollanten von Menschenrechtsverletzungen. Zuletzt war etwa Fincancı, eine Expertin für Folterdokumentation, in Cizre und hat ihre Eindrücke über die zerstörte Stadt aufgeschrieben, in der der Kampf zwischen der PKK und der Armee viele zivile Opfer gefordert hat.