Boris Johnson wirkte wie unter Schock. Dabei hatten die Briten doch so abgestimmt, wie er es sich gewünscht hatte. Doch als sich Londons Ex-Bürgermeister am Morgen nach dem Referendum seinen Weg zur Brexit-Zentrale bahnte, wurde er von einer wütend pfeifenden und buhenden Menge belagert. Johnsons erste Pressekonferenz nach dem Sieg fiel dann auch bedrückt, nicht triumphal aus. "Wir können Europa nicht den Rücken zukehren. Wir sind Teil von Europa", sagte der Mann, der zuvor landauf, landab Wählern die griffige Formel "Wir wollen wieder Kontrolle haben!" entgegengerufen hatte. Mit dem Austritt aus der EU hat er es jetzt offenbar nicht mehr eilig. "Kein Grund zur Hast", beschwichtigte Johnson. Artikel 50 müsse erst mal nicht beansprucht werden.

Das ist interessant, denn es führt unweigerlich zu der Frage: Will Boris Johnson, derzeit Favorit für die Nachfolge Premierminister Camerons im Oktober, überhaupt noch aus der EU austreten? Am Samstag fragten sich das bereits mehrere britische Kommentatoren. Artikel 50 der Lissaboner Verfassung regelt den Austritt eines Mitglieds aus der EU. Er muss angerufen werden, um ein geordnetes Verfahren in Gang zu setzen.

Vor dem Referendum sagte Cameron, wenn die Briten für den Brexit stimmten, werde er sofort Artikel 50 in Gang setzen. Nach dem Votum will er es nun lieber seiner Nachfolgerin oder seinem Nachfolger überlassen, die oder der in vier Monaten gewählt werden soll. Es gibt Rechtskundige, die vermuten, dass in diesem Fall aufgeschoben aufgehoben bedeutet.

Was am Donnerstag noch undenkbar war, scheint in einem Land, das nach seinem Unabhängigkeitsrausch mit einem milden Kater erwacht, auf einmal möglich. Am Ende geht es um die Frage, was demokratisch ist. Denjenigen, die für den Brexit warben, ging es um die Souveränität des britischen Parlaments, die vermeintlich von der EU erdrückt werde. Aber wäre es möglich, dass das souveräne britische Parlament beschließt, gegen den Volkswillen zu stimmen und den Brexit abzusagen?

Tatsächlich ist das Referendum rechtlich nicht bindend. Anders als bei vorangegangen Volksbefragungen, bei denen das entsprechende Gesetz regelte, dass das Ergebnis auch umgesetzt werden müsse, hat Camerons Regierung eine entsprechende Regelung nicht in das Gesetz für das EU-Referendum geschrieben. Rechtlich gesprochen war das, was am Donnerstag stattfand, nichts anderes als "eine glorifizierte Meinungsumfrage".

Was, wenn die Brexit-Befürworter nun merken, dass sich ihr Leben nicht verbessert?

Aber ist das politisch denkbar? Die Antwort auf die Frage hängt davon ab, wie drastisch die Ernüchterung ausfällt, die Großbritannien in den Tagen nach dem Brexit-Votum nun erlebt. Im Londoner Parlament ist tatsächlich eine überwältigende Mehrheit der Abgeordneten in allen Parteien dafür, dass ihr Land in der EU bleibt. Würden sie jedoch jetzt, kaum 48 Stunden nachdem ihre Wähler ihnen gesagt haben, sie wollten gehen, das Gegenteil beschließen, wäre Großbritannien zu Recht in Aufruhr.

Jetzt zeigt sich das Kalkül, das Cameron dazu bewogen haben dürfte, seinen Rücktritt und damit die unumkehrbare Entscheidung, Artikel 50 in Gang zu setzen, um vier Monate zu verschieben. Bislang nämlich haben diejenigen, die mit populären Schlagworten wie "Hoffnung", "Kontrolle" und "Wir wollen unser Land zurück" erreicht haben, dass Großbritannien für den Austritt stimmte, wenig darüber verraten, wie das Land nach dem Austritt aussehen soll. Dazu ist, wenn Artikel 50 erst einmal in der Schublade bleibt, jetzt Zeit. Zeit ist jetzt auch, eine Vorstellung davon zu bekommen, was die Konsequenzen des Brexit sein werden. Der Absturz des Pfund war ein erster Hinweis. Was passiert, wenn diejenigen, die für den Brexit stimmten, weil sie hofften, damit ihr Leben zu verbessern, herausfinden, dass das Gegenteil passiert?

Die Abgeordneten können ins Spiel kommen, wenn sie gefragt werden, ob sie dem Aufruf von Artikel 50 zustimmen. In den kommenden Wochen und Monaten könnte sich eine Debatte darum entspinnen. Es ist denkbar, dass die Lügen und Propaganda der zurückliegenden Monate jetzt, wo ernst geworden ist, womit nicht viele gerechnet hatten, einer aufrichtigeren Erwägung der Vor- und Nachteile eines Austritts weicht.

Ironischer- oder auch tragischerweise ist es jetzt die EU, die zur Eile drängt. Derweil wird in britischen Hinterzimmern erwogen, ob Artikel 50 zum Godot der britischen Politik werden könnte: Ewig erwartet, vielfach in Aussicht gestellt, aber nie verwirklicht. Die Bürger, die das unterstützen würden, sammeln sich bereits: Am Samstag Morgen crashte eine Website, die Unterschriften für eine Petition sammelt, die ein zweites Referendum erbitten soll. Am Abend hatten bereits zwei Millionen Wähler unterschrieben.

Wie geht es weiter nach dem Brexit-Votum, für die EU und für die Briten?