Die Menschen drängen zum Ufer, sie hoffen, dass niemand schießt, sie klettern in kleine überfüllte Boote. Manche springen hinterher ins Wasser und halten sich am Heck fest. Viele können nicht schwimmen, mehrere sind bereits ertrunken. Am Montag meldeten Ärzte aus einem örtlichen Hospital 18 tote Flüchtlinge, darunter Kinder.

Aktuelle Bilder von der libyschen Mittelmeerküste? Falsch. Dies ist Falludscha im Irak. Am 23. Mai hatte die irakische Armee ihren Angriff auf die sunnitische Stadt 50 Kilometer westlich von Bagdad begonnen, die als eine der ersten vom "Islamischen Staat" eingenommen worden war.

Wie immer klang die Ankündigung des Militärs vollmundig: Die Rückeroberung sei nur eine Frage von Tagen.

Gut zwei Wochen später ist Falludscha trotz Dauerbeschuss und amerikanischer Luftangriffe weiterhin in der Hand von geschätzten 500 bis 1.000 IS-Kämpfern. Sicher ist bislang nur, dass die gesamte Operation eine erneute humanitäre Katastrophe ist.

Schon im April hatte unter anderem Human Rights Watch gewarnt, dass die Bevölkerung in der von Armee und schiitischen Milizen belagerten Stadt Hunger leide. Liqua Waardi, irakische Abgeordnete aus Falludscha und vor dem IS nach Bagdad geflohen, spricht von 180 Hungertoten seit Februar. Nun ist Falludscha vollends umzingelt. UN und Hilfsorganisationen wie der Norwegian Refugee Council schätzen die Zahl der Zivilisten auf 50.000 bis 90.000. Faktisch sind sie Geiseln des IS, der mehrfach das Feuer auf Fliehende eröffnet hat. 

Männer sind auch nach gelungener Flucht in Gefahr

Wer es ans rettende andere Ufer des Euphrat schafft, landet in improvisierten Camps ohne ausreichend Nahrung, Medikamente und Wasser. Bei Temperaturen von über 40 Grad. "Warum gibt es immer so viel mehr Geld für militärische Operationen als für die Zivilisten, die durch sie vertrieben werden?", schreibt der New-York-Times-Reporter Tim Arango. Ihm war es Anfang der Woche gelungen, mit Flüchtlingen nahe Falludscha zu sprechen, was die irakische Regierung nicht gern sieht. Nach Angaben der UN liegt der Mangel an Hilfsgütern allerdings nicht an Bagdad, sondern an der Zurückhaltung internationaler Geber.

Männer aus der Stadt sind auch nach gelungener Flucht in Gefahr. Sie werden durch irakische Sicherheitskräfte und schiitische Milizen von ihren Familien getrennt und scharfen Überprüfungen unterzogen. Der IS versucht nach Aussagen von Bewohnern, Kämpfer unter Flüchtlinge zu mischen. Allerdings mehren sich die Vorwürfe, die schiitischen "Milizen der Volksmobilisierung" (Haschd al-Schaabi) hätten im Umkreis von Falludscha Sunniten verschleppt, gefoltert und erschossen. Das Onlineportal Middle East Eye sprach von 300 exekutierten Sunniten. Unabhängig sind diese Angaben nicht zu überprüfen. Doch im eskalierenden Krieg gegen den IS haben Haschd-al-Schaabi-Einheiten mehrfach Sunniten als vermeintliche IS-Unterstützer exekutiert, ihre Dörfer zerstört und Gebiete konfessionell "gesäubert".

Die Haschd al-Schaabi waren im Juni 2014 von der irakischen Regierung gegründet worden, nachdem der oberste Geistliche der irakischen Schiiten, Ajatollah Ali al-Sistani, zu einem "Dschihad" gegen den IS aufgerufen hatte. Sie schließen mehrere, zum Teil vom Iran finanzierte Milizen, aber auch sunnitische, christliche und jesidische Kämpfer ein und sind weitaus effektiver als die Soldaten der von den USA unterstützten irakischen Armee. Al-Sistani hat Racheaktionen ausdrücklich verboten und schiitischen Kämpfern eine Art religiös begründete Genfer Konvention an die Hand gegeben. Daran halten sich aber keineswegs alle Kommandanten.

Der IS wiederum tut alles, um Racheaktionen zu provozieren und hat seine Kampagne von Bomben-und Selbstmordanschlägen gegen Schiiten im ganzen Irak in den vergangenen Monaten massiv eskaliert. Iraks Sunniten sollen gezwungen werden, das Terrorregime des Kalifats dem schiitisch dominierten irakischen Staat vorzuziehen. Es ist ein wahnwitziges Kalkül, bei dem die Bevölkerung zwischen den Fronten zerrieben wird und politische Lösungsversuche des irakischen Dauerkrieges immer wieder in Gewalt erstickt werden.