Was ist passiert?

Am Abend des 28. Juni 2016 haben drei Selbstmordattentäter den Istanbuler Flughafen angegriffen. Mindestens 45 Menschen wurden getötet, 239 verletzt. Bei den Toten handelt es sich mehrheitlich um türkische Staatsbürger, 13 von ihnen sollen Ausländer sein. Unter den Verletzten befindet sich eine Deutsche.

Wie gingen die Täter vor?

Die Attentäter ließen sich nach Erkenntnissen der türkischen Behörden mit einem Taxi zum Flughafen fahren. Gemeinsam seien alle drei Angreifer auf der Ebene des Terminals für Ankünfte eingetroffen, hieß es am Mittwoch aus Regierungskreisen. Der erste Angreifer habe das Terminal betreten, das Feuer eröffnet und sich dann nahe der Sicherheitsgeräte zum Durchleuchten des Gepäcks und der Passagiere in die Luft gesprengt.

Während des dadurch ausgelösten Chaos sei ein zweiter Angreifer zu der Ebene für die Abflüge nach oben gelaufen und habe sich dort in die Luft gesprengt. Dabei passierte er, anders als zunächst von den Behörden dargestellt, auch die Sicherheitsschleusen. Der dritte Angreifer habe während des ganzen Vorfalls draußen gewartet und seinen Sprengstoff gezündet, als die Menschen in Panik aus dem Flughafen liefen. Diese Beschreibung deckt sich mit Berichten von Augenzeugen.

Im öffentlichen Bereich des Terminals richteten die Explosionen starke Schäden an: Löcher klaffen in der Decke, Scheiben gingen zu Bruch. Der Flugverkehr war nur kurzzeitig komplett unterbrochen. Am Tag nach dem Attentat wurde der Betrieb wieder aufgenommen. Allerdings wurden zahlreiche internationale Flüge gestrichen.

Wer ist verantwortlich?

Die türkische Regierung macht den "Islamischen Staat" (IS) für den Angriff verantwortlich. Nach Angaben von Ministerpräsident Binali Yıldırım sprechen erste Hinweise dafür. Deutsche Sicherheitsbehörden bestätigen, dass der Anschlag zum Vorgehen des IS passt. Schon die Ausführung des Attentats, die fast identisch mit dem Anschlag auf den Brüsseler Flughafen vor einigen Monaten ist, spreche für einen IS-Hintergrund, zitiert Spiegel Online aus Sicherheitskreisen. Diese Einschätzung teilt auch CIA-Direktor John Brennan. Der Angriff trage die Handschrift des IS, sagte er. Bekannt hat sich bisher allerdings noch niemand zu dem Anschlag.

Am 30. Juni führte die türkische Polizei in Istanbul mehrere Durchsuchungen durch. Dabei wurden 13 Verdächtige festgenommen, darunter drei Ausländer. Am Freitag gab es elf weitere Festnahmen. Aus Regierungskreisen hieß es, dass auch die hier gefundenen Hinweise auf den IS hindeuteten. Die türkischen Behörden haben 13 der festgenommenen Verdächtigen wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und Mordes angeklagt.

Am 5. Juli ordnete ein Gericht Medienberichten zufolge Untersuchungshaft für 17 weitere Verdächtige an. Elf von ihnen seien russische Staatsbürger, meldete die Nachrichtenagentur DHA. Auch diesen 17 Verhafteten werde die Mitgliedschaft in einer "bewaffneten, terroristischen Organisation" vorgeworfen. Damit sind mittlerweile 30 Verdächtige in Haft.

Die Nachrichtenagenturen Doğan und Reuters berichteten unter Berufung auf Regierungskreise übereinstimmend, dass die Attentäter identifiziert worden seien. Demnach handelt es sich bei ihnen um einen Usbeken, einen Kirgisen und einen Mann aus der Republik Dagestan, der russischer Staatsbürger ist. Laut CNN liegen den türkischen Behörden zudem Hinweise darauf vor, dass die drei aus Syrien einreisten. Zuvor sollen sie sich in Rakka aufgehalten haben. Dort soll der Anschlag von der Führung des IS geplant worden sein.

In welchem Kontext steht der Anschlag?

Der Angriff ist Teil einer Vielzahl von Anschlägen, die von offizieller Seite dem IS oder kurdischen Kämpfern zugeschrieben werden. Insgesamt wurden dabei in den vergangenen zwölf Monaten mehr als 200 Menschen getötet.

Allein in diesem Jahr wurden fünf große Anschläge begangen. In Istanbul gab es erst Anfang des Monats einen Anschlag auf einen Polizeibus. Dabei waren sechs Polizisten und fünf Zivilisten getötet worden. Im März waren bei zwei Selbstmordattentaten in Istanbul insgesamt 42 Menschen getötet worden. Einen Monat zuvor waren in Ankara bei einem Angriff auf Militärpersonal 29 Menschen getötet worden. Im Januar kamen bei einem Anschlag im historischen Zentrum von Istanbul zwölf deutsche Urlauber ums Leben.

Der Angriff zielt auch auf die Wirtschaft des Landes. Der Flughafen ist der größte der Türkei, hier werden in etwa so viele Passagiere abgefertigt wie in Frankfurt. Für den ohnehin schon stark betroffenen Tourismus dürfte der Anschlag weitere negative Folgen haben. Bereits im Mai waren die Besucherzahlen im Vorjahresvergleich um 34,7 Prozent eingebrochen.

Wie reagiert die Politik?

Die türkische Regierung versuchte, schnell wieder zur Normalität zurückzukehren. Nur wenige Stunden nach dem Angriff wurde der Flugbetrieb offiziell wieder aufgenommen. Eine konkrete Strategie ist aber nicht zu erkennen. Die geltenden, weitreichenden Antiterrorgesetze sind offensichtlich kein ausreichendes Instrument. Die Türkei steht wegen der Gesetze international in der Kritik. Sie sind bisher das entscheidende Hindernis für eine EU-Visafreiheit.

In dieser Hinsicht könnte der Anschlag sogar positive Folgen für die Regierung haben. Laut einem Bericht der Bild-Zeitung erwägt die EU-Kommission, ihre Haltung bezüglich der Antiterrorgesetze zu überdenken. Demnach könnte eine bloße Abmilderung der Gesetze ausreichen, um die Visafreiheit zu ermöglichen.

Nach Angaben der türkischen Rundfunkbehörde RTÜK verhängte ein Gericht in Istanbul eine Nachrichtensperre über den Anschlag. Betroffen seien "jede Art von Nachricht, Interview und Bilder vom Anschlagsort in den Druck- und visuellen Medien, den sozialen Medien und Internetmedien". Die Sperre geht in der Praxis aber offenbar darüber hinaus: Berichten zufolge funktionieren soziale Netzwerke wie Twitter in der Türkei derzeit nur eingeschränkt.

Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan nahm den Anschlag zum Anlass, einen internationalen Terrorismuskontext herzustellen. "Jeder soll wissen, dass die Terrororganisationen nicht unterscheiden zwischen Istanbul und London, Ankara und Berlin, Izmir und Chicago, Antalya und Rom", ließ Erdoğan mitteilen. Die ganze Welt müsse entschlossen handeln. "Ich hoffe, dass der Anschlag am Istanbuler Flughafen auf der ganzen Welt, allen voran in den westlichen Staaten, ein Meilenstein, ein Wendepunkt für den gemeinsamen Kampf gegen die Terrororganisationen sein wird."

Kritiker werfen Erdoğan vor, lange nicht konsequent gegen den IS vorgegangen zu sein und diesen im Gegenteil sogar unterstützt zu haben. Zudem habe er aus machtpolitischem Kalkül den Konflikt mit den Kurden aufleben lassen.

Was ist bisher unbekannt?

Der genaue Hintergrund der Tat. Bislang hat sich niemand zu dem Anschlag bekannt.

Zudem müssen sich die türkischen Sicherheitsbehörden einmal mehr fragen lassen, ob der Anschlag zu verhindern war. Premier Yıldırım hat derlei Vorwürfe schon mal vorsorglich zurückgewiesen.