Seit dem Referendum ist Großbritannien in Aufruhr. Enttäuscht und wütend sind vor allem jene 48 Prozent der britischen Wähler, die eigentlich in der EU bleiben wollten. Doch selbst mancher Brexit-Befürworter scheint sein Votum jetzt zu bereuen. Gibt es noch Wege, den Austritt Großbritanniens aus der EU zu verhindern? Wir stellen fünf Möglichkeiten vor:

1. Die britische Regierung ignoriert das Referendum

Der Austritt von Mitgliedsländern aus der Europäischen Union ist in Artikel 50 des Vertrags von Lissabon geregelt. Danach muss die Regierung des austrittswilligen Landes zunächst einmal die EU offiziell über ihre Absicht informieren und so Artikel 50 aktivieren. Anschließend haben die EU und das betreffende Land zwei Jahre Zeit, sich auf die Bedingungen zu verständigen, unter denen der Austritt vollzogen werden soll.

Theoretisch könnte die britische Regierung den Austritt aus der EU also einfach nicht beantragen. Tatsächlich scheinen britische Politiker derzeit auf Zeit zu spielen. Er wolle es seinem Nachfolger überlassen, den Austrittsantrag zu stellen, hat Noch-Premier David Cameron erklärt. Und der dürfte wohl erst im September feststehen. Der britische Gesundheitsminister Jeremy Hunt wiederum findet, die EU solle bereits vor dem offiziellen Austrittsantrag mit den Briten verhandeln. Schließlich müsse man wissen, worauf man sich einlässt.

Daraus dürfte allerdings nichts werden. Denn die Staats- und Regierungschefs der verbleibenden 27 EU-Staaten haben sich bei ihrem Gipfel am Dienstag festgelegt: Vor dem offiziellen Austrittsgesuch wird es keine Verhandlungen geben. Erst mal reden und dann weitersehen, das wird also nicht funktionieren.

Doch auch abgesehen davon: Dass die Regierung das Votum ihres Volkes – und sei es ein noch so knappes – einfach ignoriert, scheint kaum vorstellbar. Bisher ist der Tenor unter allen Regierungsmitgliedern jedenfalls, dass die Entscheidung des Volkes respektiert werden muss. Alles andere dürfte der Regierung wohl auch ein massives Glaubwürdigkeitsproblem einbringen.

2. Das Parlament verhindert den Brexit

Die Regierung entscheidet allerdings nicht allein über die Auslösung von Artikel 50. Sie braucht dazu die Zustimmung des Parlaments – wie bei allen Entscheidungen, die eine britische Beteiligung an internationalen Verträgen betreffen.

Schon vor dem Referendum wurde spekuliert, dass die britischen Abgeordneten diese Zustimmung einfach verweigern könnten: Schließlich sind sie mehrheitlich für den Verbleib in der EU. Zahlen der BBC zufolge waren vor dem Referendum nur 158 von 650 Abgeordneten für den Brexit, 479 dagegen. Viele Remain-Anhänger hoffen deswegen auf den Widerstand des Parlaments und rufen dazu auf, Abgeordnete in Briefen, E-Mails und Anrufen zu einem Votum gegen den Brexit aufzufordern.

Bislang haben aber nur einige schottische Abgeordnete angekündigt, gegen den britischen Austritt stimmen zu wollen, eine Mehrheit ist das noch längst nicht. David Cameron warnte das britische Parlament davor, das Ergebnis des Referendums zu ignorieren. Ob die Abgeordneten sich einen Gefallen täten, wenn sie statt dem Volksvotum ihrem Gewissen folgten, ist ohnehin fraglich. Viele von ihnen kommen schließlich aus Wahlkreisen, die für den Brexit gestimmt haben.

3. Die Schotten verhindern den Brexit

Seit dem Referendum steht die schottische Regierung im Mittelpunkt des nationalen und internationalen Interesses. In Schottland haben 62% der Wahlberechtigten für einen Verbleib in der EU gestimmt. Bereits am Tag nach der Bekanntgabe des Ergebnisses brachte Schottlands erste Ministerin, Nicola Sturgeon, ein zweites schottisches Unabhängigkeitsreferendum ins Spiel. 2014 hatte eine Mehrheit der Schotten noch für die Zugehörigkeit zum Vereinigten Königreich gestimmt, nach dem Brexit-Votum könnte das anders ausgehen. Ein unabhängiges Schottland könnte dann Mitglied der EU bleiben.

Am Wochenende brachte Sturgeon aber noch eine andere Möglichkeit ins Spiel: Schottland könnte seine Zustimmung zum Brexit verweigern, sagte sie. Welche Wirkung das hätte, ist aber unklar.

Obwohl Schottland ein Teil Großbritanniens ist, ist es in einigen Bereichen souverän. Für die Implementierung von EU-Recht in Schottland ist das schottische Parlament zuständig. Deswegen mahnte schon im April ein Rechtswissenschaftler im britischen Oberhaus, dass das schottische Parlament einen britischen EU-Austritt verhindern könnte. Auch Wales und Nordirland könnten ähnliche Rechte haben, spekulierte bereits im Frühjahr das britische Oberhaus. Doch eindeutig ist das nicht: Der BBC-Redakteur Brian Taylor erinnert an eine andere rechtliche Klausel, die festlege, dass das britische Parlament in Westminster letztendlich immer noch Entscheidungen für Schottland fällen könne.

Vermutlich müssten also Verfassungsrechtler entscheiden, ob Schottland wirklich ein Vetorecht hat. Doch selbst wenn dem so wäre, würde die schottische Regierung davon auch wirklich Gebrauch machen und somit verhindern, dass der Wille der Mehrheit in ganz Großbritannien zum Tragen kommt? Das muss sich erst noch zeigen.

Brexit - "Ich schäme mich, Teil Großbritanniens zu sein" Lisa und Brian Hill betreiben ein Hostel in Schottland. Nach dem Votum für den EU-Austritt fühlen sie sich betrogen.