Warum nicht auch mal im Kollektiv Amok laufen? Die Briten machen es vor. Ihr Vereinigtes Königreich verlässt die EU und steht nun vor dem wahrscheinlichen Zerfall in die Nationalstaaten England hier und Schottland dort. Ein Volk stürzt sich selbst in die Krise. Die schreiende Irrationalität hat gesiegt.

Die Mehrheit der Briten ließ sich von Rattenfängern wie Nigel Farage und Hochstaplern wie Boris Johnson an der Nase herumführen. Keine Lüge über die EU war krass genug, als dass ein erheblicher Teil der Briten sie nicht geglaubt hätte. Kein Schauermärchen pathetisch absurd genug, als dass es nicht tausendmal nachgeplappert wurde. Aber das gestörte Urteilsvermögen der Leute ist noch nicht das Schlimmste.

Was Großbritannien verloren gegangen ist, ist die nationale Contenance. Man hat sich in die Hysterie über die "EU-Diktatur" hineingesteigert, bis irgendwann die Abgeordnete Jo Cox verletzt am Boden lag. Dieser politische Mord war zugleich die Beerdigung des coolen, gelassenen Britanniens. Stattdessen auf der Bühne: Briten in Panik.

Dieser Anblick überrascht mich. Wie mich überhaupt die atlantische Welt beiderseits des Ozeans gerade sehr erstaunt. Um das zu erklären, muss ich etwas ausgreifen. Als junger Student in England und später in den USA hatte mich der atlantische Westen angezogen. Briten und Amerikaner hatten das, was uns Deutschen im geteilten Mitteleuropa abging. Eine innere Selbstsicherheit, die nicht nur bei meinen Kommilitonen in der Geschichtsfakultät von dem Bewusstsein getragen war, dass ihre Ahnen in den vergangenen zwei Weltkriegen auf der richtigen Seite der Geschichte gestanden hatten. Meine Kommilitonen waren meist das, was viele deutsche Studenten an amerikanischen Universitäten so gern sein wollten: selbstsicher, eloquent, humorvoll, selbstironisch, rational, cool.

Ich musste mir als Student in New York Ende 1989 noch anhören, dass sich in der Revolution in der DDR wieder die "deutsche Krankheit" zeige: die typische Irrationalität und der wahnwitzige Griff nach der Hegemonie. Es kam ein bisschen anders, als diese New Yorker meinten. Aber sie hatten eines markiert, was in unzähligen englischsprachigen Filmen wiederholt wird: die Deutschen – irrational, hysterisch, stets auf der Suche nach ihrer Identität, deshalb potenziell gefährlich.

Wir Deutschen waren schneller panisch

Natürlich wusste ich mich zu wehren, erinnerte meine Gesprächspartner höflich an die haarsträubenden Zustände im Krisen-Großbritannien der siebziger Jahre, an Vietnamkrieg und Rassenkonflikte in den USA. Aber ich wusste natürlich auch, dass die britische und amerikanische Demokratie diese Konflikte ohne gesellschaftlichen Zusammenbruch auszutragen und demokratisch zu lösen vermochten. Anders als wir Deutschen im 20. Jahrhundert.

Schnellvorlauf zum Jahr 2016. Da beherrscht in den USA Donald Trump die konservative Szene, verdrehen Boris Johnson und Nigel Farage einem Teil der Briten den Kopf – während in Deutschland Angela Merkel ihre Rauten schlägt. Krasser könnte der Gegensatz nicht sein. Wer der Welt 2016 gefährlich wird, beantworten heute Morgen schon mal die Börsen. Ausgerechnet jene Länder, die der Globalisierung der Märkte so beharrlich das Wort geredet haben, verzweifeln plötzlich an dieser Öffnung. Ein erheblicher Teil der Amerikaner und eine Mehrheit der Briten will nun dichtmachen. Zuwanderer raus, Muslime müssen draußen bleiben. Augen zu, Kopf unter die Decke, und alles Böse dieser Welt (Zuwanderer, Globalisierung, Jean-Claude Juncker) verschwindet.

Deutschland als neue Heimat der Vernunft?

Die westliche Rationalität scheint eine neue Heimat in Mitteleuropa zu haben, zumindest in der Momentaufnahme. Und die Repräsentantin der Vernunft und Coolness kommt ausgerechnet aus dem Land, das in den Augen kritischer New Yorker 1989 durchzudrehen schien. Aber ist Merkels Deutschland heute gegen den Irrsinn gefeit? Unsere Gaulands, Petrys und Wagenknechts sind zwar nur ein schwaches Abbild englischer und amerikanischer Populisten. Aber auch in Deutschland wachsen blinde Wut auf Europa, Verschwörungsfanatismus und irrationale Angst. Auch wir könnten dem kollektiven Amoklauf anheimfallen, wenn wir in die gleiche Falle gehen wie Briten und Amerikaner. Es ist die Identitätsfrage.

Die Kampagnen von Donald Trump und des Chaostandems Farage/Johnson ähneln sich vor allem in der Frage: "Wer sind wir?" und "Was wird aus uns?" Es sind dieselben Fragen, die die Pegida-Demonstranten auf die Straßen treiben. Daraus sprechen Unsicherheit, Angst – und ein rabiater Nationalismus. Im Umkehrschluss wächst die Forderung nach Abschottung, Erlösung in der Gemeinschaft der Gleichgesinnten und Gleichgeborenen. Die ganze britische Kampagne ist wie Trumps Propaganda von der Identitätsfrage vergiftet. Sie beruht auf der Lüge, dass es eine idealenglische Gesellschaft gäbe, die von Europa und Zuwanderern bedroht wäre. Die Wahrheit ist, dass Großbritannien von Zuwanderung und Vermischung enorm profitiert hat – und das seit der Eroberung durch die Normannen 1066. Das gilt für das klassische Einwanderungsland Amerika umso mehr.

Die Deutschen können viel von diesen grandiosen Erfolgsgeschichten beiderseits des Atlantiks lernen. Und vom jämmerlichen nationalistischen Absturz mit Trump, Farage und Johnson natürlich auch.