Ausgebleichte Knochen und Schädel liegen zwischen Kleidungsresten in der baumlosen Mulde, über die die irakische Junisonne hinab brennt. Hunde hatten hier die nur oberflächlich über die Toten geschüttete Erde aufgewühlt. Und dabei Überreste der hier von den Dschihadisten des "Islamischen Staates" (IS) ermordeten Jesiden ans Tageslicht befördert.

Die kurdischen Kämpfer in der Umgebung schätzen: Bis zu 150 Menschen könnten hier begraben sein. Die über die Mulde verteilte Kleidung deutet darauf hin, dass neben Männern auch Frauen und Kinder an dieser Stelle begraben sein könnten.

24 Massengräber wurden in der Region Sindschar bereits gefunden. Befürchtet wird, dass fast doppelt so viele über die Landschaft verstreut liegen, viele davon weiter südlich der aktuellen Frontlinie. Allein im Dorf Kojo, wo im August 2014 eines der schlimmsten Massaker stattgefunden hatte, sollen rund sechs Massengräber liegen. Kojo ist indes, wie viele der weiter südlich liegenden Dörfer der Jesiden, weiterhin vom IS besetzt.

Die Stadt Sindschar hingegen wurde vor einem halben Jahr befreit. Doch nur fünf Kilometer weiter südlich verläuft die Frontlinie. Rund um die IS-Hochburg Mossul versucht seit einigen Monaten eine Allianz von kurdischen Peschmerga, irakischer Armee und Alliierten die Dschihadisten zu vertreiben. Und die schlagen zurück. Die Geschosse des IS treffen die zu Trümmern geschossene Stadt Sindschar immer wieder.

An eine Rückkehr der Menschen in die zerstörte Ruinenstadt ist derzeit nicht zu denken. Der von der Regierung der Autonomieregion Kurdistan eingesetzte Oberbürgermeister der Stadt schätzt, dass der Großteil seiner Stadt und der Dörfer drumherum zerstört ist.

Rund 6.000 Familien, also etwa 40.000 Jesiden leben heute noch in der Region Sindschar. Einige von ihnen sind nach dem Massaker hierhin zurückgekehrt, viele sind auch nie von hier weggegangen, sondern auf dem Berg geblieben. Das sind gerade einmal 10 Prozent der Bevölkerung hier in der Region – vor dem Angriff des IS im August 2014. Die Menschen haben sich überwiegend auf dem Bergrücken verschanzt und leben dort in notdürftigen Zelten und Containern. Auch die Dörfer auf der Nordseite des Berges gelten heute als sicher. Alles was südlich davon liegt ist entweder weiterhin unter Kontrolle der Dschihadisten oder zumindest in deren Schussweite. 

Bis heute befinden sich über 3.700  Jesiden in der Gewalt des "Islamischen Staates", die meisten davon sind Frauen und Kinder. Die Frauen und jungen Mädchen werden bis heute systematisch vergewaltigt und als Sklavinnen gehalten und verkauft. Eine junge Frau, die gerade erst aus der Gewalt der Dschihadisten freigekauft werden konnte und bei ihrer Familie im Flüchtlingslager Sharia untergekommen ist, berichtet davon. Mehrmals sei sie verkauft worden. Zuletzt hätte sie ein arabisches Ehepaar in Mossul für Sklavendienste missbraucht.

Die Einnahmen, die der IS durch den Freikauf von Sklavinnen erhält, dürfte den Dschihadisten ein lukratives Einkommen bescheren. Je nach Alter und "Verwendbarkeit" der Frau verlangen die Dschihadisten oft mehr als 10.000 US-Dollar Lösegeld für die Verschleppten. Eine Summe, die viele Angehörige der Frauen und Kinder nicht aufbringen können.

Das Martyrium nach der Freilassung

Aber selbst für die Freigekauften beginnt nach ihrer Freilassung eine neue Tragödie. Trotz intensiver Bemühungen der religiösen und politischen Führer der Jesiden gelten viele der vergewaltigten Frauen in ihren Familien als beschmutzt. Die verschleppten Kinder waren in den Camps des IS zudem einer intensiven Gehirnwäsche ausgesetzt. Sie sind hochgradig traumatisiert und finden oft nur sehr schwer den Weg zurück in die eigenen Familien. Auch wenn niemand gerne darüber spricht, hört man immer wieder, dass sich die Selbstmorde unter jenen Frauen häufen, die aus der Gewalt des IS befreit wurden.

Diejenigen, die dem Martyrium der Dschihadisten entkommen konnten, fühlen sich von der Welt weitgehend vergessen. Fast zwei Jahre nach der Flucht aus dem Sindschar breitet sich in den Flüchtlingslagern zunehmend Hoffnungslosigkeit aus. Während die politischen und religiösen Eliten der Jesiden immer noch auf eine Rückkehr ihres Volkes hoffen, wirken die Vertriebenen in den Zeltlagern in Kurdistan abgeklärter: Fast niemand von ihnen sieht mehr eine Zukunft im Irak.

Fast alle wollen nach Europa, wohin bereits Verwandte und Familienangehörige geflohen sind. Wahrscheinlich hält nur die Armut die rund 300.000 verbliebenen Jesiden in den Lagern in Kurdistan. Ohne Schlepper kommt man nicht nach Europa und einen Schlepper muss man sich erst einmal leisten können.

"Die Freiheit Europas verteidigt"

Umso aufmerksamer beobachtet man hier, wenn sich mal ein europäischer Politiker für die Situation der Jesiden interessiert. So wie der österreichische Europa-Abgeordnete Josef Weidenholzer, der Anfang Juni nach Sindschar reiste, um sich ein Bild der Lage zu machen. Er sprach mit Kommandanten der verschiedenen rivalisierenden Milizen, die die Region gegen den IS verteidigt hatten. Sie hätten nicht nur die Jesiden, sondern auch die Freiheit Europas verteidigt, sagte der sozialdemokratische Abgeordnete. Erschüttert zeigte er sich von den Massengräbern und den Begegnungen mit Menschen, die erst vor Kurzem aus der Gewalt des IS freigekommen sind.

Und darüber, dass sich die Situation in den Lagern der Vertriebenen nicht zum Positiven geändert hatte. Schon im Januar 2015 hatte Weidenholzer formale und informelle Lager der Jesiden in der Nähe von Dohuk besucht. Mittlerweile gibt es in einigen Lagern zwar Schulen. Doch hat sich an den prekären sanitären Bedingungen in den informellen Lagern nichts geändert. Aufgrund der mangelnden Hygiene und der steigenden Temperaturen ist das Risiko für die Vertriebenen sehr hoch, sich Krankheiten einzufangen.

Die traditionellen Führer der Jesiden wünschen sich eine stärkere Lobby für die Interessen der Jesiden in Europa. Sie plädieren für die Bildung einer gemeinsamen Gruppe von Unterstützern in der EU.  Das wäre mittlerweile auch so möglich: Bald schon soll eine offizielle Freundschaftsgruppe mit den Jesiden im Europäischen Parlament gebildet werden, die die vergessenen Opfer der Angriffe des IS wieder in den Mittelpunkt rücken und Europa in die Pflicht nehmen will.

Denn klar ist: Europa ist mit der Situation in der Region direkt verbunden. Zurück auf dem Sindschar-Gebirge zeigt ein Kommandant der jesidischen Verteidigungseinheiten von Şingal (YBŞ) einen Ausweis und eine e-Card eines österreichischen Dschihadisten aus Bregenz, der bei den Kämpfen mit der YBŞ getötet worden war.

Und ein Mann berichtet davon, wie er seine Kinder nach Europa in Sicherheit bringen wollte. Sein Sohn und seine Tochter, sowie ein Onkel der beiden, befanden sich schließlich in jenem Kühlwagen, der am 26. August 2015 im österreichischen Parndorf abgestellt worden war. Der Schock über die 71 Toten, die im Inneren des Kühlwagens erstickt waren, hatte im Herbst 2015 dazu beigetragen, dass Österreich für kurze Zeit seine Grenzen für Flüchtlinge öffnete.

"Wenn wir solche Tragödien verhindern wollen, dann müssen wir einerseits legale Fluchtwege nach Europa ermöglichen und andererseits dafür sorgen, dass die Menschen hier wieder eine Perspektive haben", sagte Josef Weidenholzer. Und fügte hinzu: "Hier gibt es Möglichkeiten für Europa in der Region humanitär und politisch aktiv zu werden."